Postsowjetische Wunderkammern: Manchmal erscheinen Objekte im Spiegel der Geschichte ferner, als sie es tatsächlich sind.

Neue Zeiten bringen neue Helden_innen; nicht selten sind es Antiheld_innen. Heldinnen und Helden brauchen Zeichen, Denkmäler, Monumente, um welche herum sich Versammlungen formieren, unter denen Liebespaare sich zum Küssen und Jugendliche zum Rauchen verabreden, an denen man vergangenen Groß- oder Gräueltaten gedenkt und welche auf Fotos in Reiseführern abgebildet werden. Entweder, die Heldinnen und Helden erfinden für diese Zwecke ganze Zeichensysteme neu, oder aber, sie verwenden eigentlich überholte Symboliken weiter, laden diese jedoch mit je anderen Bedeutungen auf. Die in ersterem Fall beschriebene, synthetische Neuschöpfung eines Zeichensystems ganz aus dem Nichts ist selten. Mir fällt dafür kein Beispiel ein. In letzterem Fall bleiben die Zeichen — Symbole — äußerlich gleich, meinen allerdings innerhalb neuer und veränderter Kontexte etwas, das von den vorherigen Bedeutungen abweicht. Trotzdem produzieren sie, in der Erinnerung nie ganz von Spuren oder Resten früherer Konnotationen befreit und somit Wiedergängern oder Untoten gleich, auch bei uns manchmal Irritationen, Belustigung oder Schrecken.

Im Jahr 2014 wurden die in der Ukraine verbliebenen, sowjetischen Denkmäler schlagartig mit neuen Bedeutungen assoziiert. Unter einem riesigen Lenindenkmal in Charkov etwa versammelte sich damals eine Gruppe von Menschen, welche sich nach dem Vorbild der sogenannten Donezker und Luhansker Volksrepubliken von der Ukraine abspalten wollte. Pro-ukrainische Kräfte stürzten daraufhin Lenin – das Monument schien die Einheit der Ukraine zu bedrohen. Plötzlich stand Lenin für Russland,  nicht mehr für das gemeinsame sowjetische Erbe. Ähnlich sah es wohl auch die neugebildete ukrainische Regierung, welche 2015 das Gesetz zur „Dekommunisierung“ erließ und umzusetzen begann: Gemeint ist damit ein bis heute andauernder Prozess der Umbenennung von Straßen, Plätzen und Städten, ebenso ein Abriss entsprechender Denkmäler sowie ein Verbot der Zirkulation von Zeichen, welche sich auf die Epoche kommunistischer Herrschaft beziehen. Man könnte nun meinen, das Steckenpferd eines älteren Charkover Bürgers – das Sammeln historischer Büsten – wäre ebenfalls diesem Vorgang zum Opfer gefallen. Er erklärt Miriam Kruse aber, weshalb die Skulpturen noch immer in seinem Vorgarten stehen:

Auf unserer Exkursion beobachteten wir immer wieder auch synkretistische Verwendungsweisen nationalsozialistischer Zeichensprache durch rechtsextreme Bewegungen und Freiwilligenbataillone ukrainischer und, so wird berichtet, russischer Nationalisten: Ein Barbesitzer in Charkov streckte uns, Judith Geffert, Miriam und mir, noch am selben Abend den rechten Arm entgegen,  nachdem er von unserer Nationalität erfuhr. Ein mit Nazi-Phrasen bedruckter Aufkleber wurde auf die Frontscheibe eines Reisebusses, der uns auf der Schnellstraße M3 aus Donezk entgegen kam, geklebt. Und immer wieder werfen sich die Konfliktparteien in kaum aufhebbaren Widersprüchen genau solche Handlungen gegenseitig vor. Entsprächen die Beschreibungen jeweiliger Gegner auch nur annähernd der Bedeutung, die wir den jeweils verwendeten Symbolen beimessen, dann kämpften hier tatsächlich Faschisten gegen Faschisten. Ausnahmsweise möchte man beiden Streitparteien viel Erfolg beim Auslöschen der gegnerischen, doch identischen Ideologie wünschen, doch so nahe liegt leider die Lösung nicht. Unerträglich krude, menschenverachtende Meinungen scheinen auf beiden Seiten, nicht selten, und auch nicht nur unter der Hand, zu existieren. Rücksicht und Anerkennung aber scheinen noch nicht einmal einen Platz im Wertekanon entsprechender Gruppierungen einzunehmen. Getroffen werden deshalb immer auch unbeteiligte Zivilisten.

Von sich aus — so lehrt die Semiotik — neigt aber weder ein Zeichensystem aus alten, noch ein solches, das aus neu erfundenen Zeichenträgern besteht, zur starren Verbindungen mit einem Sinn. Zwar gibt es Bedeutungen, die sich de facto für einen gewissen Zeitraum an Signifikanten knüpfen; diese Verbindungen jedoch dehnen sich, bröckeln, zerfallen, schmelzen und zerfließen auch wieder. Zeichenträger und Sinn können – und werden – sich in „freiem Spiel“ neu zusammenfinden, einander vertauschen oder in eins fallen.[1] Die Bedeutung eines Zeichens kommt immer erst nachträglich und von außen zu diesem hinzu. Im Fall eines Zeichens aus der Klasse der Symbole wird Sinn durch gesellschaftlich geteilte Konventionen gestiftet. Wie wir auf unserer Reise durch Kiew, die Charkover und Teile der Donezker Oblast sehr greifbar erfahren konnten, sind allerdings auch die der Bedeutungsproduktion zugrundeliegenden, sozialen Konventionen alles andere als starr. Auch, oder gerade sie verschieben sich radikal, gelten auf einmal nicht mehr bedingungslos, sondern nur noch unter Umständen. Seit Annexion der Krim durch Russland und dem für viele Ukrainerinnen und Ukrainer traumatischen Ereignis des russischen Eintritts in den Konflikt um die östlichen Landesteile im Jahr 2014, ist der zuvor brüderliche Nachbar nicht mehr Geschwistervolk, sondern gefährlicher Feind. Fragile und bewegliche Grenzen der Gültigkeit sozialer Konventionen verlaufen deshalb sowohl durch geografische Gebiete, als auch zwischen den Generationen. Sie zerteilen sogar Familien. Ältere Personen aus der früheren Sowjetunion interpretieren sie und ihr Zerfallen anders, möglicherweise mit sentimentaler Wehmut, als Kinder, Jugendliche oder Mittzwanziger, die die Erfahrung der Sowjetunion gar nicht teilen können und auf den Krieg sowie Kriegsgegner eher mit Wut, gar mit Hass reagieren werden. Ukrainer und Ukrainerinnen aus Lwiw fundieren ihre je eigene Sinnproduktionen in ganz anderen sozialen Sicherheiten, als etwa Menschen in einem Vorort Donezks: Für die einen bietet die Wohnung in einem prächtig renovierten Art déco Gebäude der faszinierenden Altstadt ein sicheres Dach über dem Kopf, für die Anderen wurde ihr Zuhause – ein für jeden Menschen lebensnotwendiger Rückzugsort – zum Ziel gewalttätiger Aggressionen. Welcher symbolische Zeichenträger welche Bedeutung evozieren kann, unterliegt deshalb sowohl subtilen, auch zeitlichen Aufschüben und Verschiebungen, als auch gröbsten Brüchen und brutalen Verwerfungen. Nach der Flucht aus einem umkämpften Gebiet kann ein nur 24 Quadratmeter messender Wohncontainer für eine elfköpfige Familie als eigenes Zuhause stehen; das Bild eines früher von der gleichen Familie als heimelig empfundenen, nun verlassenen Hofes mit Stall, Obst-, Blumen- und Kräutergarten bei Luhansk vermag für die gleichen Menschen aber vielleicht nie wieder den Sinn von Sicherheit zu vermitteln.[2]

Ein Wort (auch Wörter sind Symbole, doch nicht nur für Helden, sondern für das damit Beschriebene), welches gestern bloß ein Küchenkraut meinte, heute als Schimpfwort verwendet wird, könnte morgen schon durch die zuvor Beschimpften als Kosename appropriiert worden sein. Der russische Ausdruck укроп (Ukrop), früher von jedem sowjetischen Russen und jeder sowjetischen Russin nur als das Gewürzkraut Dill verstanden, verspottete jenseits ukrainisch beherrschter Gebiete im umstrittenen Teil des Donbass‘ für kurze Zeit, aufgrund des identischen Klangs beider Anfangsbuchstaben sowie dem, was man mit einem Gewürzkraut nun einmal macht — es abschneiden und mit Moskauer Gurken einlegen — die Streitkräfte der Ukraine. Ukrop wurde diesseits der ukrainischen Grenze, so berichtet uns der Schriftsteller Serhij Zhadan, aber bald auch zur positiv konnotierten Selbstbezeichnung einer neu gegründeten Partei.[3] Eine Nähe zum Dill und dessen Abmähbarkeit wäre im Ukrainischen gar nicht gegeben: Hier heißt das Kraut кріп (Krip).

Auf unserem Spaziergang durch Charkov stolperten Miriam und ich nun allerdings in jenen Vorgarten, dessen Kräuterbeete nicht nur укроп / кріп, sondern einige recht sonderbare Pflänzchen bereithalten. Wie in Form einer Horde von Gartenzwergen zwischen Blumenstauden aufgereiht, blickten uns von dort ein strenger Marx, der Schlächter Dserschinski,[4] ein sportlicher Lenin, der von den meisten Ukrainerinnen und Ukrainern verehrte Dichter Taras Schewtschenko, Juri Gagarin und viele weitere, in Stein gemeißelte Heldinnen und Helden erster und zweiter Klasse entgegen. Keine und keiner dieser sowjetischen Heldinnen und Helden aber befindet sich mehr (hier die Ähnlichkeit zum geernteten Dill) auf seinem ursprünglichen Postament. Alle Büsten sind abgeschlagen, nach einer Art Ikonoklasmus von ihren früheren Sockeln gestürzt und aus dem Verkehr der öffentlichen Symbolzirkulation gezogen. Wer aber, so fragten wir uns mit Dario Gamboni, „wird es wagen, diese Bildwerke aufzuheben?“[5] Soll man, so ließe sich außerdem mit Bruno Latour überlegen, nach den Rollen dieser Vermittler, dieser agierenden, „selbst sinnbildenden“, [6] sichtlich auch alternden Dinge suchen?[7]

Eine unkritische Verehrung von Ikonen (Dserschinski!) konfrontiert uns jedenfalls nicht selten mit unerträglichen Problemen. In nicht mindergravierende Schwierigkeiten befördert man sich aber auch dann, wenn durch Zerstörung jede Möglichkeit einer kritischen Auseinandersetzung verstellt wird. Die beiden älteren Herren aus dem sonderbaren Vorgarten, denen der Schalk sichtlich im Nacken sitzt, halten letztere Option immerhin offen.

Interviews und Lektorat: Miriam Kruse
Übersetzung und Untertitel: Judith Geffert
Text und Video: Mathias Windelberg

[1] Vgl. Jacques Derrida, ‘Die Différance’, in Randgänge der Philosophie, Herausgeben von Peter Engelmann (Wien: Passagen, 1999), S. 29–56.

[2] Das berichtete am 6. Oktober 2017 die Mutter einer geflüchteten Familie bei unserem Besuch der durch die Gesellschaft für technische Zusammenarbeit errichteten, von der Kommune Charkov betriebenen Unterkunft Станция Харьков für Binnenflüchtlinge (internally displaced persons). Vgl.: https://www.giz.de/en/worldwide/302.html

[3] Unsere Gruppe hat Serhij Zhadan am 4. Oktober 2017 getroffen. Er berichtete unter anderem über sprachliche Verwerfungen im Ukrainisch-Russischen Konflikt. Ausführlicher sind diese in seinem Roman: Mesopotamien (Berlin: Suhrkamp, 2015) nachzuvollziehen.

[4] Felix Dserschinski war Gründer und Vorsitzender der ersten sowjetischen Geheimpolizei WeTscheKa: „Die erste sowjetische Geheimpolizei tötete Zehntausende ‚Klassenfeinde‘ ohne jedes Gerichtsverfahren, auf diese Weise Schrecken verbreitend erreichte sie schließlich ihr Ziel, nämlich den Erhalt der Sowjetmacht.“ Anna Schor-Tschudnowskaja ‚ ‚Volksfeinde‘  im Visier. Das Stasi-Vorbild KGB, (Berlin/Bonn: Bundeszentrale für politische Bildung, 2016), http://www.bpb.de/geschichte/deutsche-geschichte/stasi/234596/kgb-wurzeln

[5] Dario Gamboni, Bildersturm und Vandalismus im 20. Jahrhundert (Köln: Dumont, 1998), S. 23.

[6] Jacques Derrida, Grammatologie, Übersetzt von Hans-Jörg Rheinberger und Hanns Zischler (Frankfurt am Main: Suhrkamp, 1974), S. 25.

[7] Bruno Latour, Iconoclash. Gibt es eine Welt jenseits des Bilderkrieges? (Berlin: Merve, 2002), Insb. S. 30ff.

Ein Gedanke zu “Postsowjetische Wunderkammern: Manchmal erscheinen Objekte im Spiegel der Geschichte ferner, als sie es tatsächlich sind.

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