Frühstück am Sabbat

P1040937

Den letzten Tag unserer Reise verbringen wir in der ukrainischen Hauptstadt Kyjiw. Dort besuchen wir die Orthodoxe Gemeinde von Kyjiw im Stadtteil Podil, wo wir viel über die Synagoge und das Alltagsleben der Gemeinde erfahren. Gleich danach fahren wir ins Ukrainische Zentrum für Holocaust-Studien, in dem wir mehr über die wissenschaftliche Aufarbeitung des Holocausts und Rolle der Vermittlung von Geschichte erfahren.

Text: Przemysław Bartosz
Fotos: Przemysław Bartosz, Robert Schwaß

Nach einer knapp dreistündigen Fahrt aus Berdytschiw und dem Kampf mit den berühmten Staus der Hauptstadt, erreichen wir unser Ziel – die Orthodoxe Gemeinde von Kyjiw in Podil. Auf dem Gelände der Gemeinde befindet sich außer der Synagoge auch das Hotel „Podol Inn“, in dem wir übernachten werden. Das Besondere an dem Hotel ist, dass es koscher ist, was uns am Ende unserer Reise ein paar spannende Einblicke in das jüdische Leben ermöglicht. Da wir von Freitag zu Samstag im Hotel übernachteten, konnten wir am Sabbat auch miterleben. Vor allem wie ein Hotelbetrieb weiterläuft, an einem Tag, an dem eigentlich nicht gearbeitet werden darf.

Nach dem Einchecken in das Hotel begeben wir uns in die direkt gegenüberliegende Synagoge, auch als Rosenberg-Synagoge bekannt. Dort wurden wir von der Orthodoxen Gemeinde eingeladen, sodass wir uns die Synagoge anschauen und etwas über das Leben der Gemeinde in Kyjiw erfahren konnten. Die Synagoge wurde Ende des 19. Jahrhunderts gebaut und im Jahr 1916 erweitert. In der Jüdischen Tradition muss die Wand der Synagoge mit dem Toraschrein (Aron ha Kodesz) Richtung Jerusalem gebaut sein. Das war die Seite, die zur Straßenseite zeigte. Nach geltenden Recht musste aber die Eingangstür eines Gebäudes an der Straßenseite eingebaut sein. Um diese Vorschrift zu umgehen wurde eine ‚Schein‘-Eingangstür an der Straßenseite gebaut. Die Synagoge wurde im Jahr 1929 geschlossen und in einen Reitstall umgewandelt. Nach dem Krieg wurde sie wiedereröffnet – was eine Besonderheit darstellt, wenn man die damalige Religionspolitik in Betracht zieht. Auf dem Gelände befindet sich auch eine jüdische Bäckerei, die für die gesamte Ukraine und andere Länder traditionelle Matze (dünner Brotfladen) backt. Der hier gebackene Matze waren für kurze Zeit sogar in Deutschland und in Indien zu kaufen.

IMG_6523

Vom Vorsitzenden der Orthodoxen Gemeinde, Jewheni, erfuhren auch mehr über das heutige Leben der Gemeinde. Die Mitglieder der Orthodoxen Gemeinde sind eher jung, im Durchschnitt 30 – 35 Jahre alt. Jeden Tag finden Gottesdienste statt, an Feiertagen kommen bis zu 200 Leute in die Gemeinde. Das Leben in der Gemeinde ist lebendig, weswegen gerade unsere weiblichen Teilnehmer gebeten wurden nach Sonnenuntergang längere Kleidung zu tragen, um die Kleiderregeln in der Orthodoxen Gemeinde nicht zu verletzten. Auch sollten wir am Sabbat nicht auf dem Gelände rauchen und nur auf unseren Zimmern telefonieren.

Nach der aufschlussreichen Fragerunde und einem kurzen Austausch über das Leben der Juden in der heutigen Ukraine sind wir auf dem Weg in das Ukrainische Zentrum für Holocaust Studien. Dafür sind wir sehr tief unter die Erde getaucht – Und zwar in die Kyjiwer Metro. Die tiefste Station – Arsenalna liegt 105 Meter unter der Erdoberfläche und ist damit die tiefste U-Bahn-Station in der Welt.

Das Zentrum ist eine Nichtregierungsorganisation und wurde im Jahr 2002 gegründet. Es beschäftigt sich mit der unabhängigen Recherche zum Holocaust und der Bildungsarbeit an Schulen. Ziel der Organisation ist es, zu verdeutlichen, dass die jüdische Geschichte auch Teil der ukrainischen Geschichte ist. Das Zentrum publiziert eigene Bücher und beteiligt sich an der Übersetzung von ausländischen Publikationen in die ukrainische Sprache. Außerdem veröffentlicht das Zentrum ein eigenes Bulletin.

DSC_1077

Nach der kurzen Einführung über die Arbeit des Zentrums von Direktor Anatolii Podolsky erfahren wir mehr über das jüdische Leben in Polen und der UdSSR in der Zwischenkriegszeit in einem kleinen Vortrag. Danach erzählte uns Witali Bobrow, Koordinator des pädagogischen Programms des Zentrums, mehr über ihre Bildungsarbeit – die Hauptaufgabe des Zentrums. Ein großes Problem in der Ukraine ist, dass das Wissen über Juden sehr gering ist. Als das Zentrum seine Arbeit aufgenommen hat, gab es Lehrer, die nichts über den Holocaust wussten. Ein Grund dafür war die sowjetische Politik – die Bildungsprogramme damals waren so angelegt, dass dieses Thema sehr wenig oder überhaupt nicht angesprochen wurde. Seitdem hat sich die Lage aber verbessert. Es gibt auch immer mehr Interesse an den Projekten des Zentrums. Dazu gehören verschiedene Schulungen, Vorträge, Publikationen und Wettbewerbe.

Bei den Schulungen wird vor allem die offene Auseinandersetzung mit der Geschichte angesprochen. Man will von der sowjetischen Herangehensweise Abstand nehmen und möchte den offenen Umgang mit der Geschichte zeigen. Ein Umgang, indem man diskutiert und die komplizierten Zusammenhänge dargestellt, die über ein „Schwarz-Weiß“-Denken hinausgehen.

Nach den informativen Vorträgen gab es die Möglichkeit, Fragen zu stellen, was die Studenten reichlich genutzt haben. Danach war das Programm unserer Exkursion beendet. Es gab ein paar Stunden Zeit, Kyjiw zu entdecken, bevor wir uns für eine abschließende Diskussionsrunde trafen, um die Woche in der Ukraine zusammenzufassen. Hier hatten wir die Möglichkeit, die besonderen Momente der Reise zu besprechen. Anschließend ließen wir den Tag bei leckerem georgischem Essen ausklingen.

Am nächsten Morgen gab es noch ein ganz besonderes Frühstück zum Abschied in Hotel. Uns wurden traditionelle jüdische Gerichte serviert – allerdings kalt da am Sabbat nichts aufgewärmt werden darf. Trotzdem wurde die ganze Gruppe mehr als satt, da der Tisch reichlich gedeckt war. Es spricht für die Gastfreundlichkeit der Orthodoxen Gemeinde und Osteuropas im Allgemeinen, dass sich dennoch ein Mitarbeiter um uns sorgte und entschuldigte, dass nicht genug Essen da sei. 😉

20190810_101726.jpg

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s