Jüdisches Schowkwa

Text: Roman Boichuk, Katarzyna Gabrysiak

       1. Jüdisches Leben in Schowkwa

Die ersten Juden siedelten sich in Schowkwa schon kurz nach dessen Gründung an. Im Jahr 1600 erteilte der Besitzer der Stadt Stanisław Żółkiewski der jüdischen Gemeinde die Erlaubnis ein Gotteshaus zu errichten. Eine hölzerne Synagoge wurde 1624 errichtet und der erste Rabbi trat sein Amt 2 Jahre später an. Parallel entstand ein jüdisches Viertel, dass sich um die „Jüdische Straße“ (Ulica Żydowska) konzentrierte. Hier entstanden u. a. ein Krankenhaus, das Haus des Rabbis, sowie Räume für koschere Schlachtungen (shechita) und rituelle Reinigungen (Mikwe).

Anfänglich unterstand die Gemeinde der jüdischen Gemeinde in Lwiw, doch 1620 wurde sie unabhängig. In den folgenden Jahren wuchs sie kontinuierlich. Während Bohdan Khmelnytskys Feldzug suchten tausende von Juden Schutz in Schowkwa und halfen bei der Verteidigung dieser. 1765 war die Zahl der Gemeinde auf 1500 Menschen angestiegen. 1890 beherbergte die Stadt ca. 7143 Einwohner, davon waren 3783 jüdischen Glaubens, also 53 %. Nach dem 1. Weltkrieg sank ihre Zahl leicht. In der Zwischenkriegszeit stieg die BewohnerInnenanzahl Schowkwas zwar auf 11.000 Menschen, doch die Anzahl der Juden sank prozentuell im Vergleich zur Gesamtbevölkerung. Diese setzte sich nun aus 40 % Juden, 35% Polen und 25% Ukrainern zusammen.

Das Zusammenleben dieser Gruppen, so Natalia Hurska, war eher ein Nebeneinander statt eines Miteinanders. Persönliche, enge Kontakte entwickelten sich auf nachbarschaftlicher Ebene. So kam es denn auch, dass in einigen multikulturellen Nachbarschaften religiöse Feste zusammen gefeiert wurden und sich enge Freundschaften entwickeln konnten. Beachtenswert ist die Tatsache, dass es in Schowkwa zu keinen Pogromen gegen Juden kam. Viele Juden waren assimiliert innerhalb der polnischen Kultur und sahen sich nicht zwingend als Juden an, so Hurska.  Einige dieser Menschen schickten ihre Kinder auf die Schule, die im linken Flügel des Schlosses untergebracht war. Hier wurden die jüdischen Kinder zusammen mit polnischen Kindern in polnischer Sprache unterrichtet. Das führte dazu, dass die Hauptsprache der assimilierten Juden Polnisch war oder Deutsch (vor allem unter der Herrschaft Österreich-Ungarns). Chassidische Juden, wiederum entsanden ihre Kinder auf chassidische Schulen, deren Fokus auf religiöser Lehre lag. Die Lehre wurde auf Jiddisch durchgeführt, die Alltagssprache der chassidischen Juden.

Der Ausbruch des Zweiten Weltkrieges veränderte das Leben in der Stadt diametral. Im September 1939 marschierte die Wehrmacht in das Städtchen ein, wurde jedoch in der 3. Septemberwoche von der Roten Armee zurück gedrängt. Nach 2 Jahren nahm die Wehrmacht Schowkwa wieder ein und errichtete für die jüdische Bevölkerung 1942 ein Ghetto. Seine Grenzen verliefen entlang der Mauer an der Dominikanischen Kirche und der Turyniecka Straße. Im Ghetto herrschten unzumutbare Zustände, die Versorgung mit Lebensmitteln, als auch mit Medikamenten war schlecht. Die Menschen starben an Unterernährung oder an Seuchen, wie z.B. Typhus, die sich rasant vermehrten.  Im November 1943 wurde das Ghetto aufgelöst und die verbliebenen Menschen wurden in ein nahe gelegenes Waldstück namens „Bór“ verschleppt und dort massenweise erschossen. Ungefähr 4000 Juden fanden hier den Tod. Ein weiterer Teil wurde in dem Vernichtungslager Janowska, bei Lwiw umgebracht, weitere Menschen kamen in das Arbeitslager Rawa Ruska, wo sie ebenfalls getötet wurden. Den Holocaust überlebten lediglich 70 Menschen, welche sich nach dem Krieg entschließen nicht lange in Schowkwa zu verbleiben. Sie verlassen die Stadt gen Westeuropa, Amerika oder Israel.

Zu den Überlebenden zählt Clara Kramer, die als Jugendliche zusammen mit ihrer Familie und weiteren Menschen in einem bunkerartigem Raum von dem volksdeutschen Valentin Beck versteckt wurde. In dem Versteck befanden sich 18 Menschen, die auf kleinstem Raum über eine längere Zeit miteinander auskommen mussten. Bis auf die Schwester Claras überlebten alle den Holocaust. Noch im Bunker fing sie an ein Tagebuch zu schreiben. Dieses wird dann im Jahr 2009 unter dem Titel „Clara`s War – One Girl`s Story of Survival“ publiziert.

фото4Lokalhistorikerin Natalia Hurska während der Exkursion mit dem Buch „East West Street“ von Philippe Sands, dessen Handlung sich teilweise in Schowkwa abspielt und Identitätsfragen, den Holocaust, als auch die eigene Familiengeschichte des Autors behandelt.

        2. Die Synagoge – eine Perle architektonischer Kunst

Wir passieren den lokalen Markt und laufen an einem einst zartrosa angestrichenem Gebäude vorbei, dass sich bautechnisch in einem desolaten Zustand befindet. Es ist mit einem Metallzaun umgeben, so dass es uns (zumindest vorerst) unmöglich ist näher an das Gebäude heran zu kommen.

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Natalia bleibt an dem Zaun stehen und erzählt uns, dass dies einst die Synagoge der Stadt war. Sie wurde Ende des 17. Jhd. im Stil der Spätrenaissance erbaut und es herrschen Gerüchte wonach der polnische König Jan Sobieski, der III. den Bau höchstpersönlich finanziert hatte. Eindeutig geklärt werden kann dies nicht, was an der dünnen Quellenlage liegt. Fakt ist jedoch, dass der Bau acht Jahre dauerte und er mittelalterlichen Bauvorschriften für jüdische Gotteshäuser unterlag. Den Kirchen wurde zu damaliger Zeit eine größere Wichtigkeit beigemessen und so sollten sie im Stadtpanorama dominieren und nicht die Synagoge. So durfte die Synagoge nicht höher sein, als die vorhandenen Kirchen. Des Weiteren wurde verboten die Fassade zu weißen, was an dem prachtvollen Architektur dieser Synagoge lag. Der zartrosa Anstrich ist also aus diesem Verbot entstanden. Beim Umherlaufen in der Stadt merken wir jedoch, dass sie sich merkwürdigerweise aus nahezu jedem Winkel trotzdem bemerkbar macht.

Das Gotteshaus wurde rege genutzt, denn in der Stadt lebten bis 1941 ca. 4500 Menschen jüdischen Glaubens. Sie machten ca. 40 % der BewohnerInnen Schowkwas aus. Im selben Jahr wird die Synagoge von der Wehrmacht gesprengt. Die Sprengung verläuft aber nicht nach Plan, die Mauern des Gotteshauses sind zu dick. Jedoch brennt der Dachstuhl des Gebäudes komplett ab. Was mit der Inneneinrichtung passierte, ist unklar.  Zu Zeiten der Sowjetunion wird es als Lager, wie so viele andere Gotteshäuser, bis in die 90er genutzt.

Wir bekommen die einmalige Möglichkeit in die Synagoge einzutreten und uns umzuschauen. Was wir im Inneren vorfinden, ist erschütternd. Gleich am Eingang findet sich in einer Ecke eine umfangreiche Materialsammlung vor, bestehend aus dutzenden von Ziegelsteinen und Fensterrahmen. Durch einen weiteren Eingang kommen wir in den Hauptraum der Synagoge. Er ist komplett entkernt, hier und da blitzen ein paar Stuckelemente auf, einige Fensterrahmen lehnen träge an den kahlen Wänden. Auf der rechten Seite türmen sich Dachziegel. Vom Thoraschrein keine Spur, dasselbe gilt für die gesamte Einrichtung. Einige Fenster wurden mit Bretterbalken beschlagen, an anderen fehlen wiederum die Scheiben. Das wir in einer Synagoge sind, erkennen wir an einigen Gebetstafeln, an denen verblichenes Hebräisch zu erkennen ist. Einst war das Innere jedoch reich an Stuckarbeiten und Freskos. Wie wir von Natalia erfahren, steht das Gebäude unter Denkmalschutz und trotzdem oder vielleicht gerade deswegen, ist der Zustand so beklagenswert. Nicht wenige Gebäude, die in Frankfurt (Oder) stehen, sehen genauso aus. Der Unterschied besteht jedoch in den Besitzverhältnissen.

Die Synagoge gehört der Stadt. Diese hat jedoch keine ausreichenden finanziellen Mittel, um das Gebäude zu renovieren. Immerhin wurde das Dach ausgetauscht und durch ein Blechdach ersetzt, welches von internationalen Organisationen finanziert worden ist. Abgesehen von mangelndem Kapital für die Renovierung stellt sich auch die Frage wie das Gebäude genutzt werden könnte. Eine jüdische Gemeinde existiert in Schowkwa nicht mehr. Natalia erzählt, dass es momentan für kulturelle Feste genutzt wird. So zum Bespiel fand erst vor einiger Zeit ein Konzert eines Chores aus Weimar statt, eine Buchpräsentation wurde hier ebenfalls abgehalten. Die Akustik ist im Inneren besonders gut. Schon im September wird die Synagoge ihre Pforten wieder öffnen. Denn dann, so erzählt uns Natalia stolz, wird hier ein Festival für jüdische Kultur stattfinden.

Das würde der Synagoge wieder ein bisschen Leben einhauchen. Und die Erinnerung an all die getöteten jüdischen Menschen bewahren.

 

      3. Friedhof auf dem Markt oder Markt auf dem Friedhof?

Außer der Synagoge gibt es einen weiteren, wichtigen und interessanten Ort, der die hiesige jüdische Gemeinde geprägt hat: der Friedhof. In jüdischer Kultur ist der Besuch von Grabstätten nicht weniger wichtig als die Begegnung mit seinen Zeitgenossen.

Infotafel und Schild des Marktes

Der jüdische Friedhof befand sich im Herzen der Stadt. Im Jahr 1854 betrug die Fläche des Friedhofs 3,2 Hektar. Der Friedhof war von einer alten Mauer umgeben, noch heute sind ihre Fragmente erhalten. Zu Beginn des Jahres 1941 wurden mehrere Mazewa (jüdische Grabsteine) in die Friedhofsmauer eingebaut. Der Friedhof wurde von den Nazis Anfang im Herbst 1941 umfassend zerstört. Beim Betreten des Areals schließt nichts drauf hin, dass dies einst ein Friedhof war.

фото7Eingang zum Markt

Denn jetzt befindet sich auf dem Friedhofsgelände, wie schon auf einem ehemaligen Friedhof im Lwiw, ein Basar. Wir haben auf dem Territorium des Marktes einen Mann getroffen, der heute dort arbeitet. Der Mann wusste sehr gut, was an diesem Ort passiert ist, und hat uns sogar gezeigt, wo die Reste der Grabsteine zu finden sind. Paradoxerweise ist der Markt nur samstags offen, dem Tag der im Judentum als Ruhetag gilt.

фото6Gespräch über den ehemaligen Friedhof mit dem Arbeiter auf dem Markt

FAZIT

Schowkwa ist, wie so viele Städtchen und Städte in dieser Region, ein prägendes Beispiel für die Vernichtung einer ganzen Ethnie und die Verdrängung einer weiteren. Diese Ereignisse haben die Stadt bis in die Gegenwart geprägt. Die Stadt wurde letztendlich ihres multikulturellen Geflechtes beraubt, welches sich über Jahrzehnte entwickelt hat. Hier und da stoßen wir noch auf Spuren jüdischen Lebens in Schowkwa, wie z. B. die Synagoge oder Einkerbungen für Mesusas an den Türen von Häusern, die einst von jüdischen Kaufleuten bewohnt wurden. Im Hinblick auf den Friedhof fragen wir uns, wie kann man im Einklang mit der einheimischen Bevölkerung jüdisches Kulturerbe bewahren und hinterlassenen Gebäuden wie der Synagoge respektvoll neues Leben einhauchen?

An dieser Stelle möchten wir uns ganz herzlich bei Natalia Hurska bedanken, die sich für uns Zeit genommen hat und uns hat teilhaben lassen an ihrem umfangreichen Wissen über die bewegte Geschichte Schowkwa.

 

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