Wenn Faschisten gegen Faschisten kämpfen

 Betrachtung über Propaganda und Identität in einer Grenzregion

 

Unbenannt

Auf einem Plakat vor der Charkover Administration steht: „Verjagt die russisch-faschistischen Invasoren aus dem ukrainischen Donbass und der Krim.“  Foto: Judith Geffert

Fast eine Woche waren wir nun in Charkiv/Charkov, im tiefen Osten der Ukraine. An einem Ort, der in deutschen Medien oft mit dem russisch-ukrainischen Konflikt, insbesondere mit der „pro-russischen“ Seite in Verbindung gebracht wird. Inzwischen können wir zumindest zwei Dinge dazu anmerken: Erstens ist die Region – genauso wie die ganze Ukraine – zu komplex, um sie auf so einfache Konzepte wie eine Ost-West-Teilung in „pro-russisch“ und „pro-EU“ herunterzubrechen. Dennoch befinden wir uns im Vergleich mit L’viv oder Kiew spürbar näher an der Frontlinie. Der schwelende Konflikt hat direkte Auswirkungen auf den Alltag der Menschen, und natürlich auf ihre Selbstwahrnehmung. Eindeutige Propaganda soll helfen, um die Identitätsfindung zu „erleichtern“.

Slobozhanshchina – Grenzregion der durchlässigen Identitäten

Will man unbedingt eine Ost-West-Spaltung der Ukraine finden, so könnte man sie in der Geschichte des Landes suchen: Während ein Teil der heutigen Westukraine lange Zeit zum Polnisch-Litauischen-Fürstentum, nach dessen endgültiger Teilung 1795 bis zum Ersten Weltkrieg zum Österreichisch-Ungarischen Kaiserreich und danach bis zum Zweiten Weltkrieg zur Zweiten Polnischen Republik gehörte, blickt ein großer Teil der heutigen Ostukraine auf eine mehr als 350 jährige gemeinsame Geschichte mit dem Russischen Zarenreich und der Sowjetunion zurück.

Die territoriale Entwicklung der Ukraine

Die territoriale Entwicklung der Ukraine – in rot und gelb das Russische Zarenreich und die Sowjetunion, in beige und orange das Polnisch-Litauische Königreich und das Österreich-Ungarische Imperium. / Quelle: http://mapsontheweb.zoom-maps.com/image/84920547780

 

Dementsprechend haben sich regionale Identitäten herausgebildet, die eng an diese historischen Voraussetzungen gebunden sind. Im nordöstlichen ukrainisch-russischen Grenzgebiet um Charkov beispielsweise, der sogenannten Slobozhanshchina, sind russische und ukrainische Kultur so eng miteinander verknüpft, dass die Bewohner*innen selbst nicht sagen könnten oder wollten, zu welcher von beiden sie sich mehr zugehörig fühlen. Die Flexibilität und Hybridität der Identität bestimmt den Alltag: mühelos wird vom Russischen ins Ukrainische gewechselt, und auch das Essen und die Feste besinnen sich auf Traditionen beider Kulturen.

Olga Filippova

Die Soziologin Olga Filippova hält uns einen Vortrag zur Identität in der russisch-ukrainischen Grenzregion./ Foto: Sebastian Pape

Nach neuesten Erkenntnissen der Soziologin Olga Filippova von der Charkover Karazin Universität ist dies seit Ausbruch des russisch-ukrainischen Konflikts nicht mehr so. Wo es früher keine besondere Bedeutung spielte, ob man russisch oder ukrainisch war, muss man sich jetzt eindeutig zuordnen und die eigene Identität sicher bestimmen können. Dem neuen Bildungsgesetz zufolge darf in Schulen und Universitäten nur noch auf Ukrainisch unterrichtet werden -– das Finden und Bereitstellen von Fachliteratur in ukrainischer Sprache kann für Dozierende allerdings schwierig sein. Wer sich für ein Fortführen des Dialogs zwischen Russland und der Ukraine einsetzt, wie beispielsweise die Studierenden von Studrespublika oder die Journalist*innen von hromadske.tv, riskiert, als „russophil“ bezeichnet zu werden und finanziellen oder politischen Repressionen ausgesetzt zu sein.

Hybridität und Flexibilität scheinen in Kriegszeiten nicht mehr als Bereicherung und Kompetenz wahrgenommen zu werden, stattdessen entsteht eine Welt, in der nur noch schwarz oder weiß zugelassen ist, keine Abstufungen dazwischen. Und so ist auch die durchlässige Landesgrenze, die früher nur von vereinzelten Wachtürmen gesäumt war, inzwischen im sogenannten „European Rampart„-Projekt (Europäischer Schutzwall) mit Stacheldraht, Schützengräben und modernster Technik abgesichert worden.

Die russisch-ukrainische Grenze

Stacheldrahtzäune und Schützengräben säumen seit 2015 die russisch-ukrainische Grenze im Charkover Gebiet. / Quelle: http://dozor.kharkov.ua/photo/army/1173778.html

Die russisch-ukrainische Grenze

Stacheldrahtzäune und Schützengräben säumen seit 2015 die russisch-ukrainische Grenze im Charkover Gebiet. / Quelle: http://dozor.kharkov.ua/photo/army/1173778.html

Gekonnte Propaganda: Wenn Faschisten gegen Faschisten kämpfen

In einer solchen Welt, in der nur noch Freund oder Feind existiert, nichts dazwischen, müssen auch starke Gefühle angesprochen und freigesetzt werden. Ist man sich seiner Identität nicht hundertprozentig sicher, müssen eindeutige Demarkationslinien zur Abgrenzung gefunden und etabliert werden. Der Andere muss möglichst entmenschlicht und verfremdet werden. Und so zielt auch die politische Rhetorik, die den Feind jeweils konstruiert, auf die innersten Gefühle der Menschen ab.

Im postsowjetischen Raum gibt es ein Wort, das so geeignet ist wie kein anderes, um gerade die tiefsitzendsten Abwehrreflexe zu aktivieren: Faschist. Die Sowjetunion als „antifaschistischer Staat“ baute einen Großteil ihres Selbstverständnisses und Machtanspruchs auf der ewigen Erinnerung an den Sieg über den schlimmsten Feind, den Faschismus auf. Egal wie viele unterschiedliche Völker in der Sowjetunion existierten: die immer wiederholte Propaganda von einem gemeinsamen Kampf und Sieg über Nazideutschland verband sie, und so lebt die Erinnerung an diesen glorreichen Sieg in den meisten postsowjetischen Nachfolgestaaten bis heute in vielen Traditionen (am pompösesten der „Tag des Sieges“ am 9. Mai, in der Ukraine seit der Dekommunisierung 2015 „Tag des Sieges über den Nazismus im 2. Weltkrieg“) und in Denkmälern fort.

Den Feind auch heutzutage als „Faschist“ zu bezeichnen ist also eine Strategie, die den Anderen entmenschlicht und es somit vereinfacht, ihn zu hassen. Absurd ist aber, dass beide Seiten einander gegenseitig so bezeichnen. Im Stadtzentrum von Charkov zeigen ukrainische Patriot*innen Bilder, die Putin mit Hitler vergleichen. Russische Plakate zum Referendum auf der Krim stellen als Alternative zur russischen Krim eine ukrainische Krim mit Hakenkreuzen übersät dar.

Wolodja, komm zu uns!

Ein ukrainisches Plakat vor der Charkover Administration mit der Aufschrift „Wolodja (Putin), komm zu uns! Wir haben schon auf dich gewartet!“./ Foto: Judith Geffert

Krim Referendum

Auf einem russischen Plakat zumKrim-Referendum steht: „Am 16. März wählen wir … oder …“. / Quelle: http://www.kosherpress.com/russian-propaganda-war-in-full-swing-over-ukraine/

"Russland heute"

Ein ukrainisches Plakat vor der Administration in Charkov mit der Aufschrift „RuSSland heute“./ Foto: Judith Geffert

"Stop Faschism"

Ein russisches Plakat zum Referendum auf der Krim mit der Aufschrift: „Stop Faschismus! Alle zum Referendum!“ und den durchgestrichenen Worten „UPA“ (Ukrainische Aufstandsarmee) und „Rechter Sektor“. / Quelle: http://euromaidanpress.com/2015/03/24/5-reasons-why-in-russia-the-word-fascist-means-putins-enemy/#arvlbdata

Bandera – Held oder Faschist?

Aber die faschistische Front verläuft selbst innerhalb der beiden Länder. In der Ukraine ist man sich bis heute noch nicht einig, wie man den westukrainischen Kämpfer Stepan Bandera sehen soll: als Faschisten, da er mit den Nazis kollaborierte und sich auf rechtsextremes und nationalistisches Gedankengut stützte? Dieses Argument verwendet meist die russische Propaganda, wenn sie die Ukraine als faschistisch diffamiert. Oder soll man ihn als Helden verehren, da er die Ukraine in die Unabhängigkeit von der Sowjetunion führen wollte und dafür ein starkes Heer aufgebaut hatte? Die rot-schwarze Fahne seiner Ukrainischen Aufständischen Armee (UPA, Українська Повстанська Армія) wurde jedenfalls nicht selten auf dem Maidan geschwungen. Und während Lenindenkmäler mit Wohlwollen gestürzt wurden, thront das riesige Banderadenkmal weiter über L’viv. Das Freiwilligenbataillon Asow, das im Donezker Gebiet gegen pro-russische Kräfte kämpft, verwendet als Symbol die ehemals von der SS genutzte „Wolfsangel“ zusammen mit ukrainischer Flagge.

Ähnlich ambivalent ist die neo-nazistische Bewegung in Russland. Hier ist es kein Widerspruch, Antifaschist und gleichzeitig radikaler Nationalist, Rassist und Antisemit zu sein. Die deutschen Begrifflichkeiten von links und rechts greifen hier nicht mehr. Das beste Beispiel dafür ist wahrscheinlich die inzwischen verbotene Nationalbolschewistische Partei Russlands, die kommunistisches und radikalnationalistisches Gedankengut miteinander verband. Und auch die Neonazi-Szene ist in Russland sehr ausgeprägt. Wer also das andere Land als faschistisch bezeichnen möchte, findet in beiden Fällen genug „Beweise“ oder Anhaltspunkte. Die Frage ist nur, ob sie sich jeweils auf das gesamte Volk anwenden lassen, wie es die hier vorgestellte Propaganda versucht.

Kampf gegen das Unverständnis

Die Folgen von solch polarisierender Propaganda können fatal sein, das hat uns die Historikerin Gelinada Hrinchenko in ihrem Vortrag über Oral History eindrucksvoll erläutert. Im Fall von Russland und der Ukraine hat sie bereits jetzt dazu geführt, dass die Menschen nicht mehr miteinander sprechen (können). Bei fast jedem Vortrag, den wir während unserer Exkursion gehört haben, wird von непонимание (njeponimanie), dem völligen Unverständnis, gesprochen. Und die Propaganda wirkt sich natürlich besonders auf die Bewohner*innen der Slobozhanshchina aus, in deren Inneren der Kampf von Faschist gegen Faschist wohl am stärksten sein muss. Zu welcher Seite soll man sich zählen, wenn man Verwandte direkt auf der anderen Seite der Grenze hat, die einen plötzlich vor den Faschisten retten möchten? Welche Art von Faschist ist man, wenn man im Alltag die für die Region typische Mischsprache Surzhik spricht, und dabei selbstverständlich Russisch und Ukrainisch in Einklang bringt?

Ein kurzer Blick auf die Absurditäten, die Propaganda in Kriegszeiten hervorbringt, zeigt bereits, wie komplex der Konflikt im Osten der Ukraine ist. Von einer Ost-West-Teilung zu sprechen ist daher genauso falsch, wie ein ganzes Volk mit einem Wort zu diffamieren. Die Frontlinien verlaufen nicht nur etwa 150 km östlich von Charkov, sondern in den Menschen selbst. Zum Glück haben wir auf unserer Reise Menschen kennen lernen dürfen, die sich durch diese Tatsache nicht davon abhalten lassen, weiter miteinander sprechen zu wollen und sich gegenseitig zu verstehen versuchen.

 

Vielen Dank an Miriam Kruse und Mikhail Minakov.

 

2 Gedanken zu “Wenn Faschisten gegen Faschisten kämpfen

  1. Pingback: Postsowjetische Wunderkammern: Manchmal erscheinen Objekte im Spiegel der Geschichte ferner, als sie es tatsächlich sind. | viadrina goes ukraine. Exkursion 2017

  2. Pingback: Visual recap – part 2: Charkiw/Charkov | viadrina goes ukraine. Exkursion 2017

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