Hoffnung trotz Krieg – Alexander Filonenkos Glaube an eine friedliche Ukraine

Auch eine Woche später schwirrt mir Alexander Filonenkos Vortrag noch immer im Kopf herum. Nicht nur war er sehr eindrucksvoll und sprachgewaltig, in Filonenkos Geschichte fand ich die Positionen so einiger wieder, mit denen wir auf unserer Reise sprachen.

Filonenkos ukrainische Geschichte wäre nicht vollständig ohne seine Schilderung des Krieges und den Auswirkungen, welche dieser auf sein Leben hat. Daher nun hier noch mein Eintrag zum dritten prägenden Ereignis, in Filonenkos Erzählung, sein Erleben des Kriegsausbruchs. Krieg war bis zum tatsächlichen Ausbruch kein Teil seiner Vorstellungshorizonts. Er, der sich selbst als Pazifisten bezeichnet, wurde von diesem Ereignis vollkommen überrumpelt.

Der Krieg an der Russisch- Ukrainischen Grenze betrifft Filonenko nicht nur, weil sich sein Haus nur 30 km von dieser entfernt befindet, sondern vor allem, weil er viele Verbindungen nach Russland hat. Der Krieg zerreißt seine ganze soziale Welt. Seine eigenen Wurzeln wie auch die seiner Frau liegen in Russland. Jedoch ist er in der Ukraine zu Hause. Die Verständigung mit der Familie und Freunden in Russland wird zunehmend schwerer, sie scheinen nicht mehr in der selben Welt zu leben. In seiner Wahlheimat Ukraine herrscht Krieg und seine alte Heimat Russland will ihn befreien.

Im Vergleich zu seinen Erfahrungen auf dem Maidan, welche durchwegs positiv erschienen, erzählt er zum Thema des Krieges weniger Anekdoten. Es scheint, als könnte er diese noch andauernde Situation selbst nicht ganz greifen. Doch ganz rückt er nicht von seinem bildhaften Erzählstil ab und formuliert mit Hilfe von Metaphern sein Verständnis des Konflikts und seine Hoffnung wie dieser zu einem Ende kommen könnte.

„Wir hatten Angst und hatten diese sehr lange, und dann hatten wir es satt Angst zu haben.“. Diese Aussage Filonenkos scheint die Stimmung in Kharkiv gut zu beschreiben. Die Ausnahmesituation des Krieges ist ganz nah neben der Stadt zur Normalität geworden. Die Kneipen sind voller Menschen, man konsumiert, genießt und macht irgendwie weiter. Von der Stadt alleine oder selbst von der Ukraine allein kann dieser Krieg nicht beendet werden. Es braucht beide Seiten, eine neu wachsende Gesellschaft in der Ukraine und eine solche in Russland, die verstehen, dass es nicht um von kriegsmüden Diplomaten ausgehandelte Friedensverträge geht, sondern um Versöhnung.

Ein von oben verhängter Frieden, so Filonenko, sei keinenfalls die Lösung. Aus anthropologischer Sicht könne dieser Frieden gleichzeitig auch weiterhin Krieg bedeuten. Erst die Änderung der gesellschaftlichen Ordnung, weg von einer Ordnung der Anonymität, könne solch einen Frieden auch in Versöhnung umwandeln.

Die wahre Friedensordnung erklärt er uns, ist nur möglich durch Versöhnung. Diese scheint ihm nur möglich in einer Gesellschaft, in der nicht weiter alle anonym vor sich hin leben, sondern über Namen, Personen und Stimmen wahrnehmbar sind. Nur so könnte es zu einem gegenseitigen Verstehen und damit letztendlich auch zu einer Versöhnung kommen.

Die Hoffnung auf eine solche nicht-anonyme Gesellschaft keimte in Filonenko als er die Gesichter der Menschen auf dem Maidan zum ersten mal auf dem Bildschirm sah. Diese Hoffnung, welche er als zartes Pflänzchen, gewachsen aus Beton, bezeichnet, gilt es nun zu pflegen, um es wachsen und gedeihen zu sehen. Vielleicht wird er selbst den gewachsenen Garten nie sehen, so Filonenko, doch nichts desto trotz sieht er den Dienst an diesem Wachstum und die Hoffnung auf sein Entstehen als vielleicht die wichtigste Entwicklung, die aus dem Euromaiden hervorgegangen ist.

Solange sich solch eine Entwicklung nicht auch in Russland vollzieht, sieht Filonenko nur geringe Chancen auf eine Versöhnung.

Den Krieg an der Grenze sieht er nicht als Krieg zwischen zwei Ländern. Anthropologisch gesehen seien da keine Unterschiede zwischen den Menschen, die sich  auf beiden Seiten der Front gegenüberstehen. Vielmehr sieht Filoneko den Unterschied in der Mentalität. Alles scheint in seinem Verständnis von der von ihm immer wieder gepriesen, neu entstehende Gesellschaft abzuhängen.

Alexander Fiolonenko erschien mir in seiner Situation und mit seinen Ansichten als repräsentativ für alles, was ich in der Ukraine gesehen habe. Ein Mensch, welcher durch die äußeren Umstände gezwungen ist sich mit seiner nationalen Identität auseinander zu setzten, dessen bisheriges soziales Umfeld zerrissen wurde und der es satt hat, in Sorge zu leben und sich für die Fokussierung auf seine hoffnungsvollen Gefühle entschieden hat.

In seinem Vortag kamen für mich seine Gefühle für die Ukraine, welche er während dem Maidan entdeckt hatte, deutlich zum Ausdruck. Genauso wie es auffällt, dass seine Zukunftsvision für eine freie, gerechte Ukraine von diesen Gefühlen und einer starken Hoffnung getragen wird, war für mich bemerkenswert, dass Politiker für die Entstehung dieses hoffnungsvollen Bilds keinerlei Beitrag leisten. Wie für viele mit denen wir in unseren zehn Tagen in der Ukraine gesprochen haben, scheint auch für Filonenko die Politik eher ein Hindernis als ein Mittel zu sein.

Die hoffnungsvolle Gesellschaft von der er spricht, wächst nicht in den bestehenden politischen Strukturen. Vielmehr müssen sich ihre jungen Triebe einen Weg um diese herumranken. So haben wir auf unserer Reise viele Menschen kennen gelernt, die sich ihre eigenen Wege zurechtlegen, um das in ihrer Macht stehende zu tun, um für eine stärkere Gesellschaft, in der mehr kommuniziert wird, mehr Verstehen möglich ist und damit Versöhnung vielleicht in Sicht kommen könnte, einzutreten.

Ein Gedanke zu “Hoffnung trotz Krieg – Alexander Filonenkos Glaube an eine friedliche Ukraine

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