Im Dunkeln tappen – und wie die Journalisten von „Hromadske“ damit umgehen

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Über Jannas Blogeintrag ist auch der Rest der Exkursionsgruppe auf die aktuelle Ausstellung „Fragile State“ im PinchukArtCentre aufmerksam geworden. Insbesondere die beim ihrem Besuch nicht mehr besuchte interaktive Performance von Marina Abramovic weckte unsere Aufmerksamkeit. „Generator“ nennt sich ihr Arrangement. Es hat sich bereits eine lange Schlange vor dem Eingang gebildet. Einzeln werden wir kurz darüber aufgeklärt, was gleich passieren wird: Uns werden die Augen verbunden und schalldichte Kopfhörer aufgesetzt. Anschließend werden wir in einen Raum geleitet, wo wir dann machen sollen, was immer wir wollen, „solange wir uns nicht schnell bewegen oder aggressiv werden“, so der Tenor. Wenn wir rausgeholt werden wollen, sollen wir die Hand heben. Aha. Na gut. Schon geht es los. An einer Hand geleitet stolpern wir blind und taub unsicher ein paar Meter geradeaus, bis wir schließlich alleine dastehen.

In Marina Abramovics „Generator“

Ich beschließe, so lange geradeaus zu laufen, bis mir irgendetwas oder irgendwer begegnet. Das klappt – ich laufe volle Kanne gegen eine Wand. Immerhin habe ich jetzt einen Orientierungspunkt. Ich fahre mit der Hand an der Wand entlang und bewege mich langsam vorwärts, von einer Ecke zur nächsten. Es gelingt mir unterschiedlich gut, die Ecken zu erkennen, bevor ich wieder gegen die nächste angrenzende Wand laufe. Irgendwer berührt mich flüchtig und ich zucke zusammen. Beim nächsten Zusammenstoß suche ich nach der Hand des Gegenübers und begrüße die Person mit einem Händedruck, bevor wir uns aneinander vorbeischlängelnd weiter durch den Raum bewegen. In einer Ecke halte ich inne, drehe mich mit dem Rücken zur Wand, laufe ein paar Schritte in den Raum hinein und setze mich auf den Boden. Wie lange ich dort sitze, kann ich nicht sagen – mit der Sinnesdämpfung verlässt einen auch das Zeitgefühl. Ich höre – was ich dem Konzept nach wahrscheinlich nicht sollte – wie auch andere Menschen gegen die Wände laufen. Es kracht in regelmäßigen Abständen. Den Geräuschen nach zu urteilen, müssen sich in etwa sechs bis acht weitere Menschen mit mir dort befinden. Faszinierend, dass sich alle an die Wände zu halten scheinen. Wir sind hilflos uns greifen nach jedem Strohhalm, der uns Orientierung bietet. Ich beschließe im Anschluss an diesen Gedanken, mutiger zu werden, kreuz und quer durch den Raum zu laufen, ende wieder vor einer Wand, überlege dann aber, den Ausgang alleine zu finden, statt die Hand zu heben. Irgendwo bin ich hier schließlich rein gekommen. Ich ertaste einen Samtvorhang und schlüpfe schnell hindurch. Ein paar Meter weiter will man mich aufhalten und zurückschieben. Nun hebe ich die Hand, man nimmt mir Augenbinde und Kopfhörer ab, das Licht blendet, die Farben und Klänge sind intensiver, das Menschengewusel führt zu leichter Überforderung.

Für uns eine interessante, spielerische Erfahrung, sich trotzdem zurecht finden und Entscheidungen treffen zu müssen, wenn man einerseits physische Unsicherheit spürt und, abstrakt gesprochen, nur wenige Informationen dafür zur Verfügung stehen. Real wie abstrakt gesprochen im Dunkeln zurecht kommen zu müssen – das kennen die Journalisten vom „Hromadske“  Netzwerk nur zur gut, welches wir am letzten Tag unserer Reise besuchen. Anastasiya Stanko, mit der wir sprechen, wurde bei einem journalistischen Einsatz im Donbass von den Separatisten gekidnappt und drei Tage lang mit einem Sack über dem Kopf in einem Keller gefangen gehalten. Sie hätte vermutlich anders empfunden als wir, wenn sie sich in Abramovics „Generator“ befunden hätte. Für sie wäre das keine interessant, spielerische Erfahrung gewesen. Auch nicht für die vielen von der Front zurückgekehrten Soldaten und Binnenflüchtlinge, deren innere Bilder und emotionale Reaktionen während der partiellen sensorischen Deprivation vermutlich ebenfalls anders ausgesehen hätten, als die unseren. Verständlich, warum es am Anfang bei der Einweisung hieß, man solle nicht aggressiv reagieren und sofort die Hand heben, wenn es einem zu viel werden würde. Verständlich, weil wir uns in der Ukraine befinden.

Grau – Die neue Farbe der Hoffnung

Die Journalisten von „Hromadske“ machen eine Arbeit, deren Wert keinesfalls zu unterschätzen ist. Sie sind die Grauen. In einer Zeit, in der es nur Schwarz und Weiß zu geben scheint, in der man entweder Patriot oder kein Patriot und damit ein Feind der Ukraine ist, haben sie sich der unabhängigen, kontroversen und differenzierten Berichterstattung verschrieben. Dabei setzen sie sich vielen Vorwürfen aus, die bis zu regelmäßigen Anfeindungen und Drohungen im Netz reichen. Stellen sie offiziellen Stellen unangenehme Fragen, bekommen sie Sätze zu hören wie: „Why are you asking these questions? Are you working for the terrorists, too?“. Diese Gegenfrage kam von der Sprecherin des nationalen Sicherheitsdienstes, als es um die kürzlich wegen Staatsverrats zu neun Jahren Haft verurteilten Journalisten ging, weil diese angeblich für russische Medien gearbeitet hätten.

Primäre Ursache dieser Situation, in der es nur zwei Extreme zu geben scheint, ist der Krieg. Sekundär ist es der Umgang damit. „People want to have it black and white. They want to hear: ‚We are on the good side and they are the bad ones‘.“, sagt Stanko. Die Berichterstattung über den Krieg sei in den Medien größtenteils sehr einseitig. Die ukrainischen Soldaten werden heroisiert, die gegnerischen Soldaten als Tiere und Zombies stilisiert. Portraits der eigenen Soldaten sind willensstark und kampfbereit. Dann kommt lange nichts. Und schließlich sieht man die in Nationalfarben geschmückten Särge. Stories, die das Sterben und das tatsächliche Kriegsgeschehen an der Frontlinie thematisieren, werden nicht gern gesehen – „War is like a summer camp. You can just go there, make some friends and pet some dogs.“, so der Eindruck. Die Realität aber sähe anders aus. Beispielweise wurden einem von Separatisten gefangen genommenen ukrainischen Soldaten im besetzen Gebiet die Beine amputiert. Das hat ihm das Leben gerettet. Als ein Journalist von „Hromadske“ den bereits in die Ukraine zurückgekehrten Invaliden im Krankenhaus besucht, ist sein Krankenbett umringt von Verwandten. Diese reden eindringlich auf den Journalisten ein. Dieser Mann ist ein Held! Schreiben sie über ihn als Helden! Dem Mann im Bett ist das unangenehm, doch vor seinen Verwandten sagt er nichts. Erst auf der Männertoilette, beim Genuss einer Zigarette, spricht er offen. Sie seien alle nur normale Menschen. Da, an der Front. Menschen, die schießen, die verletzt werden und die auf beiden Seiten sterben. Das aber sei schwierig zu erklären – sogar oder vor allem den eigenen Verwandten.

Links ein Foto, welches in den Räumen von „Kharkiv Today“ Teil einer Ausstellung war. Die auf den Fotos der Ausstellung abgebildeten Soldaten wirken stets stolz, haben oft Hundebabys mit dabei, mit denen sie spielen. Rechts ein Foto, welches in den Räumlichkeiten von „hromadske“ hängt. Der darauf abgebildete Soldat wirkt sehr nachdenklich.

Die Wahrheit habe es gerade schwer in der Ukraine, sagen uns die Journalisten. Erstmal müsse man den Krieg gewinnen und bei journalistischen Darstellungen auf Feinheiten zu achten, sei dabei nicht so wichtig. Das sei der common sense, der sich durch Politik, Medien und Gesellschaft zieht. Dass man den Krieg aber mit Schwarz-Weiß-Malerei nicht beendet, würden viele nicht hören wollen. Diese Schilderung passt auch zu Erzählungen anderer Menschen, mit denen wir im Laufe unserer Exkursion sprachen und die gar der Meinung waren, die politische Elite wolle den Krieg zur Zeit gar nicht beenden. Er lenke von den nur unzureichend umgesetzten, aber dringend benötigten Reformen ab. Reformen, die die Macht der herrschenden Oligarchen-Clans beschränken könnten. Vielleicht sind die Journalisten von „Hromadske“ nicht nur keine Anti-Patrioten, sondern gehören vielmehr zur Gruppe der tatsächlichen, reflektierten Patrioten. Wenn sie über die dunklen Zeiten des Krieges berichten müssen, versuchen sie dieses Dunkel nicht durch Kontraste aufzulösen, sondern das Grau mit scharfem Sinn möglichst präzise zu beschreiben. Dafür riskieren sie viel in einer Gesellschaft, die hoch emotional aufgeladen ist.

„The Hromadske Network prides itself on its impartiality. Hromadske is run as an NGO “Public Television” (Hromadske TV in Ukrainian). Journalists founded and run the organisation, and the funding comes from non-profit organisations. Launched on the eve of some of the most tumultuous days in the country’s history, Hromadske became the go-to medium for Ukrainians — the place to discover and make sense of what was happening in the country and the region.“ About „Hromadske“ Network 

3 Gedanken zu “Im Dunkeln tappen – und wie die Journalisten von „Hromadske“ damit umgehen

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