Gedenkort im Sonnenblumenfeld

IMG_3539

In dem kleinen Ort Samhorodok wurde das jüdische Leben 1942 ausgelöscht – über 500 Juden wurden auf einem Feld unweit des Ortszentrums von den Nationalsozialisten erschossen. Bei unserem Besuch in Samhorodok erfahren wir, wie man den schrecklichen Taten von damals zu Gedenken versucht.

Text: Anna Kaiser, Nicola Ulsamer
Fotos: Roman Boichuk, Robert Schwaß

Als wir Winnyzja verlassen, rasen wir über unebene Landstraßen. Je weiter wir die Stadt hinter uns lassen, desto größer werden die Unebenheiten auf der Straße. Kurz vor Samhorodok rollen wir im Slalom an tiefen Schlaglöchern vorbei.

Samhorodok selbst schlängelt sich an der Straße entlang. Es ist kein großer Ort – die Häuser stehen einreihig an der Straße, einige Apotheken und ein zweistöckiger Univermag (Kaufhaus) deuten auf die ehemalige Bedeutung als Zentrum unter den umliegenden Kleinstädten hin. Aber auch vor der Zeit der Sowjetunion war Samhorodok als Shtetl* kein unbedeutender Ort.

Vor Ort empfängt uns Jurij Bereza, der uns durch das ehemalige Shtetl führt. Er erzählt uns von der Geschichte dieser Stadt und beginnt mit der Poststrecke von St. Petersburg nach Odessa, die durch Samhorodok führte, und so der Stadt zu relativer Wichtigkeit verhalf. Dem folgt ein Exkurs über alle wichtigen Personen neuerer Geschichte, die ebenfalls einmal Samhorodker Boden betreten haben sollen (unter anderem Symon Petljura, Angehörige der Adelsfamilie Potocki und Fedor Dostojewskis Cousin). Mit anderen Worten: früher war Samhorodok eine viel bedeutendere Stadt als es das heute ist. Außerdem erfahren wir, dass anders als an anderen Orten das Zusammenleben zwischen jüdischer und christlicher Bevölkerung in Samhorodok bemerkenswert war und auch wirklich als -zusammen- leben bezeichnet werden kann.
Zeitzeugen berichten, dass die Bevölkerung in Samhorodok auch während des Kriegs zusammenhielt, so wurden beispielsweise jüdische Menschen von der lokalen Bevölkerung versteckt.

DSC_0045Das Gelände der früheren Synagoge, wo sich heute ein Internat für sehbehinderte Kinder und Jugendliche der Region Winnyzja befindet. 

Wir steigen wieder in den Bus um eine im Entstehen befindliche Gedenkstätte außerhalb der Stadt zu besichtigen. Unterwegs halten wir an einem Schulgebäude an. Jurij Bereza erzählt, dass dort im Jahr 1942 für eine Nacht die jüdische Bevölkerung aus Samhorodok und den umliegenden Dörfern – etwa 500 Menschen – von den Nazis (konkret von deutschen Soldaten und deren ungarischen Verbündeten) untergebracht wurden.
Den Menschen im Schulgebäude wurde erzählt, dass sie deportiert werden würden.  Als erster Zielort ihrer Deportation wurde ihnen das knapp 30 Kilometer entfernte Örtchen Turbiw genannt. Von dort aus sollte es dann mit Zügen weitergehen.

Wir fahren mit dem Bus weiter. Links und rechts stehen die letzten Häuser Samhorodoks, dann lassen wir die Stadt hinter uns. Wir biegen einmal rechts ab und fahren weiter auf einer schmalen Straße zwischen Feldern und Äckern. Die etwa anderthalb Kilometer lange Strecke, die wir heute im Bus zurück legen, ging die jüdische Bevölkerung damals zu Fuß. Wir halten neben einem Feld voller blühender Sonnenblumen. Vor dem Sonnenblumenfeld steht eine unbeschriftete Gedenktafel und eine noch nicht fertige Stele. Hier auf dem Feld wurde die jüdische Bevölkerung von Samhorodok im Jahr 1942 von den Nationalsozialisten erschossen und in einem Massengrab verscharrt, genau dort, wo heute ein Sonnenblumenfeld ist.

IMG_3542

Also auch dort, wo wir jetzt stehen. Als ‚Gedenkort im Entstehen‘ stand dieser Punkt auf unserem Tagesplan. Zwar ist hier vieles noch baulich abgeschlossen, dennoch hinterlasst dieser Ort einen tiefen Eindruck. Denn es fühlt sich beinahe absurd an, inmitten von blühenden Sonnenblumen zu stehen, und auf den Ort zu blicken, an dem 500 Menschen ermordet und vergraben wurden. Zum Massengrab und der entstehenden Gedenkstätte führt ein kleiner Pfad ins Feld hinein. Während sich die Sonnenblumen, die so hoch stehen, dass man nicht ins Feld hineinsehen kann, von uns weg in Richtung Sonne gedreht haben, gehen wir, mit der Straße im Rücken auf dem schmalen Pfad ins Feld. Jurij erwähnt noch, dass während der Massenerschießungen Militärflugzeuge über dem Gelände kreisten, um die Geräusche zu übertönen. Der Pfad endet unvermittelt, direkt neben uns öffnet sich eine kleine freie Fläche. Ein Teil davon ist abgrenzt und mit Steinen bedeckt – wir stehen vor dem Grab aus vielen Steinen. Dessen längliche, stiefelförmige Form entspricht der Form der Grube, die örtliche Kolchosangehörige graben mussten, in der dann erschossenen Menschen verscharrt wurden. Auf den Steinen des Grabs steht ein Obelisk, der schon zu Sowjetzeiten an diesen Ort erinnerte. Jedoch das mit Steinen bedeckte Massengrab wurde erst jetzt angelegt. Da es im jüdischen Glauben nicht erlaubt ist Knochen umzubetten, wurde mit viel Aufwand und Technik das Feld gescannt, um die menschlichen Überreste ausmachen zu können. Rund um das Grab blühen Sonnenblumen und es wird nach wie vor Landwirtschaft betrieben, da das Feld in privater Hand ist. Immerhin ist das Massengrab jetzt gekennzeichnet.

IMG_3547

Einen Tag später in Berdytschiw werden wir erfahren, dass diese Steine, zwar nicht in Samhorodok – aber an anderen Orten, auch heute noch auch als Schutz vor Grabplünderern dienen. Unsere Dozentin Bozhena Kozakevych erzählt uns eine kurze Geschichte über ein anderes Massengrab in einer anderen Stadt. Bei ihrem Besuch an diesem Ort, habe eine Frau aus dem Dorf Wasser mit ans Grab genommen und dort ausgegossen. Anfangs war diese Frau jedweder Frage nach dem Wasser ausgewichen. Erst später erzählte sie, dass während des Krieges, kurz vor den Erschießungen ein jüdischer Mann eine Person am Straßenrand um Wasser gebeten hatte und keines bekommen habe. Aus diesem Grund nehme sie nun Wasser mit ans Grab. Auch wenn Menschen erst nach dem Krieg geboren wurden, man spürt, dass auch heute noch die Bevölkerung den ermordeten Menschen in den Massengräbern mitnichten gleichgültig gegenüber steht, sondern Trauer und Trauma über Generationen hinweg weitergegeben werden.

IMG_3548

Wir verweilen noch einen kurzen Moment am Bus, und dann fahren wieder in die Stadt zurück. Wie so oft auf unserer Exkursion ändert sich auch hier unser Plan. Im Bus beschließen wir auch den jüdischen Friedhof am Rande der Stadt zu besuchen. Wir erfahren, dass es während der deutschen Besatzung auch auf dem jüdischen Friedhof Erschießungen gab, das aber anfänglich nicht bekannt war, weswegen der jüdische Friedhof nicht zum Projektort von „Erinnerung bewahren“ gehört. Allerdings wollte sich die  Bevölkerung Samhorodoks nicht damit zufrieden geben, dass es nur für einen Teil der Ermordeten einen würdigen Gedenkort gab. So entschied sie sich selbst, auf eigene Kosten einen zweiten Gedenkstein zu finanzieren, um an diejenigen zu erinnern, die auf dem jüdischen Friedhof erschossen wurden. Und dieser Gedenksteine sei jetzt fertig, teilt man uns mit, der Dorfrat sei gerade auf dem Weg zum Steinmetz um den Stein abzuholen. Also fahren wir zum jüdischen Friedhof, wieder durch das Dorf hindurch und dann neben einem kleinen Teich den Berg hoch. Die Straße auf die wir abbiegen, ist benannt nach einer Person der himmlischen Hundertschaft vom Euromaidan. Hier verbindet sich alte Geschichte mit neuer.

Während wir uns den Friedhof ansehen, auf dem im Jahr 1963 die letzte Person begraben wurde, fährt ein weißer VW-Bus den Hügel zu uns hoch. Aus dem Bus steigen sieben Männer aus dem Dorf, auf dem Anhänger liegen zwei Gedenksteine. Die Männer diskutieren zuerst, wo sie die Gedenksteine ablegen wollen und legen dann einen auf die Wiese, der zweite wird gerollt, ist mit zu schwer zu tragen, selbst für acht ukrainische Männer. Schwarzglänzend mit weißer Inschrift erinnern sie an diejenigen, die hier in den Jahren 1941-1943 gestorben sind.

68555058_2635008670120744_4222204064605143040_o.jpg

Nach einem Zwischenstop in der Bibliothek, mit Tee, Kaffee und Pralinen und mit mittlerweile über einer Stunde Verspätung fahren wir weiter nach Berdytschiw. Im Bus ist es seltsam still.

 

 

 

*Shtetl: Stadt/Dorf mit hohem Anteil jüdischer Bevölkerung im Ansiedlungsrayon (pale of settlement)

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s