Die versteckten Gebetsräume von Winnyzja

 

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Text: Bahar Genc
Fotos: Roman Boichuk, Robert Schwaß

Am dritten Tag unserer Exkursion trafen wir auf den Vorsitzenden der jüdischen Gemeinde in Winnyzja und besuchten das Museum für den jüdischen Alltag von Podillja.
Dabei hätte wohl kaum jemand geahnt, dass der Ort an dem unser Kleinbus hielt ein Museum beherbergt. In einem typischen Neubaugebiet hielt unser Bus vor einem ehemaligen Supermarkt. Der Schriftzug Магазин war in rostigen Lettern am Vordach angebracht und es war wirklich nicht ersichtlich, dass dies der Ort einer jüdischen Gemeinde war. Auch die Räume an sich wirkten recht schlicht und einfach.Begrüßt wurden wir neben dem Vorsitzenden auch von weiteren Gemeindemitgliedern.

Zu Beginn erhielten wir eine Führung durch den kleinen Ausstellungsraum, in dem einzigartige Stücke, die jedoch auch den Alltag jüdischer Familien und Gemeinden wiederspiegeln sollen, präsentiert wurden. Die Mitte des Raumes bildete ein Esstisch aus Holz, der zum Inventar eines jeden jüdischen Haushaltes gehört. Auf diesem Tisch wurden uns verschiedene Exponate gezeigt. So zum Beispiel besondere Formen zum Ausstechen und Verzieren von Gebäck, ein aus dem Krieg stammendes Gefäß mit zwei Griffen, das zum rituellen Händewaschen genutzt wurde („Netillat Jadajim“) und Matze, ein dünner Brotfladen, der von Juden während des Pessach Festes gegessen wird. Des Weiteren wurden uns Stücke von Privatpersonen gezeigt und diese näher erläutert. So zum Beispiel das Friseurscheren-Set eines jüdischen Mädchens, das bereits im Alter von zwölf Jahren die Haare Erwachsener schnitt. Die wohl bedeutendsten Stücke der Sammlung bilden jedoch eine Krone aus Metall, die mit Gold beschichtet wurde und aus dem 19. Jahrhundert stammt und nur zufällig gefunden wurde, sowie eine alte Tora, die möglicherweise einen einzigartigen Text enthält, der allerdings von niemandem in der Stadt gelesen werden kann.
Diese Einzelexemplare werden hier aufbewahrt und nicht restauriert, da man sonst befürchtet, dass sie, wenn sie einmal weggegeben wurden, nicht erneut ausgehändigt werden könnten. So bleiben sie also im Verborgenen und werden nur hin und wieder für Besucher herausgeholt.

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Nach dieser kleinen Führung wurden wir in das Gebetszimmer geführt, wo wir einen Vortrag über die hiesigen jüdischen Gemeinden und Synagogen und dem Judentum während und nach dem Krieg erhielten.
In Winnyzja gibt es vier funktionierende Synagogen, davon eine, die als zentral gilt.
Die Gemeinde, bei der wir zu Besuch waren, ist wie alle anderen Gemeinden in Winnyzja, nicht besonders groß und besteht aus ungefähr 30 Personen, von denen nur 15-20 regelmäßig zusammenkommen. Ein großes Problem für die Gemeinde ist auch die Auswanderung vieler jüngerer Juden, so dass vor allem ältere Menschen das Gemeindeleben aufrecht erhalten Alle Gemeinden sind miteinander befreundet und treffen sich zu den wichtigsten Feiertagen in der zentralen Synagoge.
Während die ältere Generation Unterricht bei einem Rabbi erhält, besucht die jüngere eine jüdische Schule, in der sie neben dem normalen Unterrichtsstoff auch zu religiösen Praktiken gelehrt werden.

Danach ging es weiter zu einem Besuch in die einzige, zu sowjetischen Zeiten, funktionierende Synagoge. Auch diese ist bis heute nicht als solche zu erkennen, befindet sie sich doch in einem kleinen Haus direkt am Zentralmarkt (Zentralniy Rinok). Zu Sowjetzeiten war dies eine Privatwohnung, welche mit Erlaubnis der lokalen Regierung als Gebetsraum genutzt werden durfte. Dennoch trauten sich zu Sowjetzeiten oft nur noch ältere und arbeitsunfähige oder arbeitslose Juden in die Synagoge, da alle anderen Repressalien in Form von Arbeitsverlust fürchteten. Denn Besucher wurden sofort vom Sicherheitsapparat fotografiert und zum Verhör gerufen. Diese Zeiten sind zwar schon lange vorbei, doch können sich viele der älteren Gemeindemitglieder daran erinnern, wie sie Beispielsweise während der Aufnahmeprüfungen der Universität benachteiligt wurden. So gab es selbst 1974 noch eine Quote für Juden, die unabhängig ihrer Leistungen für die Universität galt und die es nicht zu überschreiten galt.

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Mit diesen bewegenden Eindrücken verlief ein ereignisreicher und informativer Nachmittag in Winnyzja, in der wir jüdische Gemeinden näher kennen lernen durften.

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