Die Sprache als Trägerin von Emotionen – Ein Treffen mit Serhij Zhadan

Bei Kharkiv Today mit Serhij Zhadan. Fotos: Sebastian Pape

Es ist schon relativ spät geworden, ein langer Tag liegt hinter uns und wir treffen uns mit Serhij Zhadan, dessen Gedichtzeile „Eine Stadt an der Front am Tag vor der Weihnacht“ das Leitmotiv unserer Reise darstellt. Er hat nicht viel Zeit, muss seine Tochter noch vom Kindergarten abholen. Von Stress ist in der einen Stunde, die wir mit ihm sprechen, trotzdem nichts zu spüren. In einem lebhaften Stakkato, das durch die Übersetzungen unterbrochen wird, berichtet er uns von seiner Arbeit und seiner Sicht auf den Krieg. Dass wir diesen explizit als einen russisch-ukrainischen Konflikt bezeichnen, findet er gut. Zu oft sei noch die Meinung zu hören, es handle sich dabei um einen Bürgerkrieg, was falsch sei. Auch wir haben beide Versionen im Laufe der Exkursion schon vernommen.

Serhij Zhadan, seines Zeichens Schriftsteller und Musiker, wurde in einem Dorf in der Nähe von Charkiw geboren und ist trotz wachsender internationaler Bekanntheit tief in der Region verwurzelt. Regelmäßig fährt er an die Front, um dort humanitäre Hilfe zu leisten und mit den Menschen zu sprechen. Auch Konzerte und Lesungen versteht er als wichtiges Instrument, ihren Schmerz zu lindern. Kulturveranstaltungen können eine therapeutische Wirkung entfalten. Dessen ist er sich ganz sicher. Kurz haben die Menschen dann das Gefühl, dass der Krieg weit weg sei, dass alles normal sei, so wie früher. Wo gelesen und gesungen wird, wird in der Regel nicht geschossen. Trotzdem ist er gleichzeitig der Meinung, dass Kulturarbeit nicht überschätzt werden sollte. Letztendlich geht es immer um die harte Realität, in der Menschen entweder auf der Flucht sind oder ein Heim haben, in der Krieg herrscht oder Frieden.

Der Krieg sei nach dreieinhalb Jahren längst zur Gewohnheit geworden. Trotzdem werde diese Gewohnheit ganz unterschiedlich erlebt. Für die einen sei er kaum spürbar. Restaurants, Bars, Shoppingcenter sind immer noch offen und werden besucht. Es wird gearbeitet, studiert, sich amüsiert. Auch in Charkiw, im Osten. Doch dann könne man immer mal wieder einen Hubschrauber über dem Platz der Freiheit schwirren hören. Einen Hubschrauber, mit dem verletzte Soldaten von der Front in das nahe dem Platz der Freiheit gelegene Krankenhaus geflogen werden. Für einen kurzen Moment entsteht dann über dieses Geräusch eine Verbindung in eine andere Sphäre des Kriegserlebens. Nämlich in die Sphäre, in der diejenigen leben, die ganz unmittelbar von den Kampfhandlungen betroffen sind – die Soldaten, die Anwohner, die Binnenflüchtlinge, die zum Teil immer noch in Lagern leben. Diese beiden Sphären würden sich jedoch nur selten berühren, meint Zhadan. Sie existierten die meiste Zeit nebeneinander.

Was jedoch für alle gleich spürbar sei, sei die Veränderung der Sprache durch den Krieg: „Die Sprache ist eine sensible Substanz, die sehr schnell auf Veränderungen, insbesondere auch auf Emotionen reagiert.“. Sie hätte sich auf lexikalischer Ebene militarisiert und viele Begriffe hätten sich auf Ebene ihrer Bedeutungen verschoben – Der Begriff der „Toleranz“ sei insbesondere bei Nationalisten nun negativ behaftet, „Demokratie“ wiederum bei den Separatisten, und „Referendum“ genauso wie „Föderalismus“ bei den meisten Ukrainern. Auch gänzlich neue Bedeutungsinhalte entstehen schnell, um neuen Phänomenen Bezeichnungen zukommen zu lassen. So wären die Protestierenden auf dem Maidan zunächst als „Ukrop“ bezeichnet worden, was so viel bedeutet wie „Dill“, wobei die Bezeichnung lediglich aufgrund der ersten drei Buchstaben „Ukr(…)“ ausgewählt worden sei, um den patriotischen Geist der Versammlung ein wenig ins Lächerliche zu ziehen.

Gesprochenes trägt nicht nur Emotionen in sich, ist nicht nur Ausdruck von Emotion, sondern löst ebensolche auch aus. Deshalb gelte es, seine Formulierungen mit Bedacht zu wählen und sich im „pro-ukrainischen Lager“ keinesfalls zu der gleichen reißerischen Propaganda hinreißen zu lassen, die von Seiten Russlands über die Medien verbreitet werde. Man solle nicht „mit einer ukrainischen Lüge auf eine russische Lüge antworten“, so Zhadan. Obwohl er sich selbst als Patriot sieht, bleibt er stets kritisch und genau beobachtend. Über den Krieg könne man auch nur dann adäquat schreiben, wenn man sich aus seiner Komfortzone heraus in die gefährlichen Gebiete begebe, meint Zhadan. Täte man dies nicht und berichte vom heimischen Sofa aus über Dinge, die man nicht genau beobachtet habe, würde entweder eine kriegerisch-heroische oder aber pazifistische Propaganda entstehen, die dem Anspruch einer differenzierten Betrachtung nicht gerecht wird. Auch sei es schwer, in der normalen „zivilen“ Sprache über den Krieg zu schreiben. Das sei sonst „so wie in den Animationsfilmen, wo Tiere mit Menschenstimmen sprechen und menschliche Emotionen nachahmen“.

Zhadans Schreibstil ist sachlich, auf den Punkt, manchmal brutal. Er stellt Bilder hin, ohne zu viel Interpretation vorzugeben. Es wäre genug, die Dinge so zu nennen, wie sie sind, sagt er. Nichts ist schwarz-weiß, auch nicht im Krieg. Einmal hätte jemand bei einer seiner Lesungen laut gefragt, ob denn auch die Separatisten seine Bücher lesen würden – und aus einer anderen Ecke hätte es geheißen: „Ja, tun wir und wir werden das auch weiter tun!“. Dies hätte sich im Oblast Lugansk zu einer Zeit ereignet, als beide Kräfte bereits etwa gleich stark vertreten waren. Ob eine solche Lesung jetzt immer noch funktionieren würde, weiß er nicht.

 

2 Gedanken zu “Die Sprache als Trägerin von Emotionen – Ein Treffen mit Serhij Zhadan

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