Besuch der Unterkunft „Stadt der Flüchtlinge“ in Charkiw

Im Rahmen unserer Exkursion haben wir unter anderem eine Unterkunft für Binnenflüchtlinge in Charkiw besucht, wo Menschen aus der Ostukraine, die auf Grund des Krieges aus ihrer Heimat geflohen sind, eine neue Bleibe gefunden haben. Sie trägt den Namen „Stadt der Flüchtlinge“.

An einem windigen, grauen Tag fahren wir von unserem Hotel aus ungefähr eine halbe Stunde durch die Stadt, um zu eben dieser Unterkunft zu gelangen. Als wir ankommen, stehen wir vor einem blauen Zaun, der die Unterkunft sichtbar als eine solche markiert. Bei ihrem Anblick versteht man, warum sie „Stadt der Flüchtlinge“ genannt wird. Das umzäunte Wohngebiet sieht von außen wie eine kleine Wohnsiedlung aus. Um die Unterkunft zu betreten, muss man durch ein kleines Tor gehen, welches von Wachpersonal besetzt ist. Später erfahren wir, dass in der Siedlung Alkoholverbot herrscht und dass es die Aufgabe der Wachleute ist, dafür sorgen, dass alkoholisierte Bewohner*innen keinen Zutritt bekommen. Hinter dem Zaun befindet sich ein Spielplatz, auf dem zwei Mädchen miteinander spielen. Außerdem sieht man mehrere Wohncontainer, die auch Module genannt werden und es gibt Gehwege aus Pflasterstein. Zwischen den Wohneinheiten und den Gehwegen stehen einige niedrige Büsche und vereinzelt blühen immer noch manche Blumen, obwohl schon Herbst ist.

Alles ganz normal

Zu Beginn unseres Besuchs treffen wir eine eine Mitarbeiterin, eine Frau mittleren Alters, die für die Verwaltung und Organisation in der Unterkunft zuständig ist. Sie arbeitet von Anfang an hier mit, also seit dem die Unterkunft im Januar 2015 gebaut wurde. Im Laufe des Gesprächs erzählt sie uns  von den (aus ihrer Sicht) positiven Aspekten, die das Leben den Bewohner*innen hier bietet. Man zahlt hier nur die anfallenden Nebenkosten und keine Miete, es gibt immer warmes Wasser unf Strom. Des Weiteren ist für die Grundersorgung der Menschen gesorgt, beispielsweise durch Lebensmittelspenden von karitativen Organisationen oder durch eine Kinderärztin, die die hier wohnenden Kinder regelmäßig untersucht. Außedem gibt es verschiedene Volunteers, z.B. solche, die psychologische Betreuung leisten und internationale NGO’s helfen den Kindern hier Englisch zu lernen, was besonders ist, denn Englisch zu lernen ist in der Ukraine keine Selbstverständlichkeit.

Die Mitarbeiterin spricht immer wieder von der Unterstützung, die Geflüchtete erfahren und dass es in der Ukraine „ganz normal“ ist, dass man Menschen, die eine Notsituation geraten sind hilft. Aber auf die Frage wie die Charkiwer*innen auf die Neuankömmlinge reagieren, bekommen wir keine direkte Antwort von ihr.

Jemand aus der Gruppe stellt die Frage, ob die Menschen in der Unterkunft eher kurzfristig oder langfristig wohnen. Die Mitarbeiterin sagt uns, dass die meisten Menschen, die hier leben aus einem sozial eher schwachen Umfeld kommen. Insbesondere Mehrkindfamilien, alleinerziehende Mütter, ältere Menschen oder auch Menschen mit Behinderung haben hier ein neues Zuhause gefunden. Sie räumt ein, dass genau diese Personen auf Grund ihrer Lebenssituationen Schwierigkeiten haben eine Arbeitsstelle oder eine Wohnung zu bekommen. Aber sie fügt schnell hinzu, dass, wer es wirklich will, es schafft eine Arbeit und eine Wohnung zu finden – diesen Satz wiederholt sie im Laufe unseres Gesprächs mehrmals.

Optmistisch bleiben

Nach unserem Gespräch werden wir eingeladen uns näher umzusehen und mit den Bewohner*innen vor Ort zu sprechen. Das Gelände der Unterkunft ist überschaubar. Einige Bewohner*innen können wir beim Kochen und Plauschen beobachten. Manche von ihnen tragen noch ihre Morgenmäntel. Auch wenn es einzelne Wohnabteile gibt, die etwas abseits von den anderem stehen, so ist der Raum für Privatsphäre begrenzt. Ich fühle mich etwas unwohl, denn ich habe das Gefühl, ich bin ungefragt, ohne vorher um Erlaubnis gebeten zu haben, in einen privaten Raum getreten.

Trotz anfänglicher Hemmungen kommen wir unter anderem mit einer Bewohnerin ins Gespräch, die mit ihrem Mann und ihren drei Söhnen bereits seit Januar 2015 hier lebt. Die Familie teilt sich ein Wohnmodul, welches 24 m² groß ist. Sie erzählt uns, dass sie aus dem Gebiet Luhansk Oblast kommt und vorher in einem kleinen Dorf gelebt hat. Ihr Zuhause und ihr Besitz wurde durch den Krieg zerstört. Sie ist in die Unterkunft gekommen, weil sie gehört hat, dass man sich das Leben dort leisten kann. Ihre Söhne haben hier mittlerweile Freunde gefunden und ihr Mann eine Arbeitsstelle – es sei also alles gut. Sie müsse in ihrer Lage optimistisch bleiben, es bleibe ihr ja nichts anderes übrig.

Schließlich stellt jemand die Frage, ob sie zurück in ihre Heimat möchte. Nein, das will sie nicht, da es dort nie wieder so sein wird, wie es einmal war. Was denn jetzt anders sei an ihrem Heimatort wollen wir wissen? Die Antwort bleibt offen, da eine weitere Anwohnerin herangewunken wird. In Begleitung von zwei ihrer Töchter tritt sie näher und erweitert dadurch unsere Runde.

Es gibt solche und solche Leute

Wir erfahren von ihr, dass sie zehn Kinder hat, die sie alleine großzieht. Ihr Mann ist vor Kurzem wieder in die Region Luhansk zurück gegangen. Während sie erzählt, streichelt sie einer der beiden Töchter über die Wange. Auf die Frage, ob sie sich in Charkiw willkommen fühlt, zuckt sie zunächst mit den Schultern. Es gibt eben solche und solche Leute. Es gibt Momente, wo Kinder auf dem Spielplatz ihre Kinder meiden würden, weil man mit „solchen“ Kindern nicht spielt. Und auch die Wohungssuche sei schwer. Es sei erstens schwer, wenn man alleinerziehend ist und keine Arbeit hat und dann fehlen schlicht die finanziellen Mittel. Außerdem habe man auch als Person, die nicht aus Charkiw kommt, keine guten Chancen auf eine Wohnung und darum bleibe sie erst einmal hier wohnen. Als das Gespräch zu Ende ist, bedanken wir uns bei den beiden Frauen.

„Wer wirklich will, der schafft es auch“. Bei unserer Rückfahrt in die Stadt geht mir dieser Satz nicht aus dem Kopf. Die Menschen, die in der Unterkunft „Stadt der Flüchtlinge“ leben haben  Erfahrung mit  Krieg und Zerstörung gemacht. Sie haben ihre Heimat ungewollt verlassen und meistens auch noch ihren bescheidenen Besitz verloren. In Anbetracht dieser Umstände, so denke ich, wird deutlich, dass der eigene Wille nicht die einzige Ressource für den Aufbau eines neuen Lebens darstellt. Aber vielleicht ist das Mantra „Wer will, der schafft es auch! “ auch ein Schutz, der vor dem Hintergrund des anhaltenden Konflikts in der Ostukraine und bei der Arbeit im Umgang mit Geflüchteten, vor Verzweiflung und Fatalismus schützt? Denn eine schnelle und friedliche Lösung ist momenten leider nicht in Aussicht.

 

2 Gedanken zu “Besuch der Unterkunft „Stadt der Flüchtlinge“ in Charkiw

  1. Pingback: Postsowjetische Wunderkammern: Manchmal erscheinen Objekte im Spiegel der Geschichte ferner, als sie es tatsächlich sind. | viadrina goes ukraine. Exkursion 2017

  2. Pingback: Visual recap – part 2: Charkiw/Charkov | viadrina goes ukraine. Exkursion 2017

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