Geschichte „als Droge“?

Der Weg zum Treffen in der deutschen Botschaft führt uns durch Kiews beliebtes Szeneviertel zum Andreassteig. Händler*innen säumen die Kopfsteinpflasterstraße, die sich den Hügel hinaufschlängelt. Zum Verkauf stehen selbstgemachte Ohrringe, sowjetische Orden, Kunsthandwerk, Bernsteinketten, Wollsocken und ukrainische Volkstrachten. Hinter den Verkaufsständen liegen hippe Cafés, das Wohnhaus von Michail Bulgakow und Treppen, die zu kleinen Aussichtsplattformen hinaufführen, von denen man über die Stadt blicken kann.

Street Art auf dem Andreassteig

Street Art auf dem Andreassteig. Foto: Sebastian Pape

 

Andreaskirche

Andreaskirche in Kiew. Foto: Sebastian Pape

Hinter der letzten Kurve taucht die St.-Andreas-Kirche auf, die mit ihren türkisen Kuppeln und goldenen Ornamenten auf dem Hügel thront. Auf dem Bürgersteig vor der Kirche stehen etwa 15 Infotafeln, eine Ausstellung mit dem Titel „Krieger: Die Geschichte der ukrainischen Armee“. Zu sehen sind nachgestellte Fotos ukrainischer Kämpfer*innen verschiedener historischer Epochen. Der letzte Aufsteller behandelt den Zeitraum 2014-2016 und zeigt echte Fotografien eines ukrainischen Soldaten und einer Kämpferin, die einem Freiwilligenbataillon angehört. Urheber ist das „Ukrainische Institut für nationales Gedenken“, das von der Regierung unter Petro Porošenko großzügig unterstützt wird.

Ausstellung "Krieger: Geschichte der ukrainischen Armee" vor der Andreaskirche in Kiew

Ausstellung „Krieger: Geschichte der ukrainischen Armee“ vor der Andreaskirche in Kiew. Foto: Miriam Kruse

Auf einem einführenden Plakat heißt es:

„Russische, sowjetische und aktuell wiederum russische Propaganda vermeiden es, über die ukrainische Armee zu sprechen. Stattdessen wird behauptet, Ukrainer seinen friedlich und faul. (…) Das entspricht nicht der Wahrheit. Selbst in den härtesten Zeiten ohne ukrainische Staatlichkeit verstanden wir es, uns im Angesicht von Bedrohungen zu organisieren um uns und unsere Heimat zu verteidigen. (…) Im 20. Jahrhundert bewiesen die Ukrainer Mannestum, Ausdauer und Kampfgeist. Ukrainer haben in ihrer Geschichte – so wie jedes andere Volk – mit fast all ihren Nachbarn Krieg geführt. Nicht jeder Krieg war erfolgreich, und manchmal war die Ukraine das Opfer, aber unweit jeder Niederlage war der Sieg.

Aktuell ist es von enormer Wichtigkeit, dass die ukrainische Armee der glorreichen militärischen Tradition unserer Vorfahren zur Wiedergeburt verhilft, und dass wir die Bedeutung dieses Erbes verstehen. Das Projekt „Krieger: Die Geschichte der ukrainischen Armee“ will diese Traditionen darstellen und bekannt machen. Auf den Bildern sehen Sie Krieger in Uniformen bestimmter historischer Epochen und ihre Rüstungen.“ (Übersetzung: Mykhailo Minakov, Miriam Kruse)

Ausstellung "Krieger: Geschichte der ukrainischen Armee" vor der Andreaskirche in Kiew

Ausstellung „Krieger: Geschichte der ukrainischen Armee“ vor der Andreaskirche in Kiew. Foto: Miriam Kruse

Ich denke an den Vortrag von André Härtel, von dem wir grade kommen. Mehrfach hat er den ukrainischen Historiker Jaroslav Hrytsak zitiert, der davon spreche, dass Geschichte in der Ukraine instrumentalisiert und „als Droge“ verwendet werde. Was man sich darunter vorstellen kann, hat der deutsche Osteuropahistoriker Wilfried Jilge folgendermaßen definiert: „Geschichtspolitik dient der Konstruktion und Mobilisierung von kollektiven Identitäten, der Legitimation von politischen Zielen und – in der politischen Auseinandersetzung – der Diskreditierung des politischen Gegners.“ (Jilge 2014, 239)

Vortrag von André Härtel

Vortrag von André Härtel Foto: Sebastian Pape

Ich frage mich, wie Ukrainerinnen und Ukrainer die Ausstellung wahrnehmen, und spreche einige Passant*innen an. Die erste Antwort ist stets dieselbe: Es sei wirklich sehr interessant, etwas über die Geschichte der Armee zu erfahren.

Eine Familie aus Odessa bleibt stehen und betrachtet die Aufsteller. „Uns gefällt die Ausstellung“, erklärt mir die Mutter. „Hier geht es um unsere Geschichte. Daran muss man erinnern, und darüber muss man Bescheid wissen.“ Besonders in Zeiten des aktuellen Konflikts in der Ostukraine sei es wichtig an die Bevölkerung heranzutragen, an das eigene Land und die eigene Geschichte zu glauben.

Ausstellung "Krieger: Geschichte der ukrainischen Armee" vor der Andreaskirche in Kiew

Ausstellung „Krieger: Geschichte der ukrainischen Armee“ vor der Andreaskirche in Kiew Foto: Miriam Kruse

Nastja (20) kommt auf dem Heimweg von der Uni an der Ausstellung vorbei. Sie studiert Kunst und kommt aus der Nähe von L’viv in der Westkukraine. „Die Ausstellung ist toll, wirklich sinnvoll“, schwärmt sie. „Wenn ich das sehe, macht mich das sehr stolz, es ist gut, dass wir daran erinnern!“ Die Ausstellung zu sehen, gebe ihr auch Hoffnung. „Das hier zeigt mir: Dein Land ist geschützt, und es wird immer geschützt sein.“

Daran gab es, als der Krieg in der Ostukraine im Jahr 2014 ausbrach, erhebliche Zweifel: Die Ausrüstung der ukrainischen Armee war in einem desaströsen Zustand. Landesweit entstand eine Freiwilligenbewegung, die die Versorgung der Streitkräfte und Freiwilligenbataillone organisierte: Kleidung, Uniformen, Fahrzeuge, Tarnnetze, Lebensmittel und Medikamente besorgte und verteilte die Zivilgesellschaft.

Das Foto auf dem Bürgersteig in Kiew, das den zeitgenössischen ukrainischen Soldaten in der Ostukraine zeigt, präsentiert dagegen einen vollausgestatteten Kämpfer mit Schutzweste, Helm und Sonnenbrille, der breitbeinig und mit entschlossenem Gesichtsausdruck posiert, das Gewehr in der Hand.

Ausstellung "Krieger: Geschichte der ukrainischen Armee" vor der Andreaskirche in Kiew

Ausstellung „Krieger: Geschichte der ukrainischen Armee“ vor der Andreaskirche in Kiew. Im Zeitabschnitt 2014-2016 wird ein ukrainischer Soldat gezeigt, der in der Ostukraine gekämpft hat. Foto: Miriam Kruse

 

Vor seinem Bild steht Artom (24). Er ist ebenfalls zum Studium aus der Westukraine nach Kiew gezogen. Auch Artom findet die Ausstellung informativ, aber: „Sie weckt in mir jetzt keine besonderen Gefühle.“ Früher habe es im öffentlichen Raum solche Ausstellungen über das Militär nicht gegeben. „Das hat erst in den letzten paar Jahren angefangen. Ich denke, das hat irgendwas mit Patriotismus zu tun. Aber was genau, das kann ich nicht sagen.“

Alexander (40) kommt mit einer Aktentasche unterm Arm den Hügel hinunter. „Manchmal, wenn ich hier vorbeikomme, stelle ich mir vor wie es wäre, an ihrer Stelle zu sein.“ Er nickt mit dem Kopf in Richtung der Fotos der Soldat*innen. „Aber ich habe nunmal einen anderen Beruf.“ Alexander arbeitet in einem Ministerium. „Zu anderen Zeiten stünde hier vielleicht eine andere Ausstellung… sagen wir, über Volkstrachten.“ Aber jetzt gehe es den Macher*innen wohl darum die Moral in der Bevölkerung zu stärken. Denn jetzt gebe es einen Feind, eine Bedrohung.

Ausstellung "Krieger: Geschichte der ukrainischen Armee" vor der Andreaskirche in Kiew

Ausstellung „Krieger: Geschichte der ukrainischen Armee“ vor der Andreaskirche in Kiew. Im Zeitabschitt 2014-2016 wird die Kämpferin eines Freiwilligenbataillons gezeigt, die in der Ostukraine gekämpft hat. Foto: Miriam Kruse

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Quellen:

Jilge, Wilfried: Geschichtspolitik auf dem Majdan: Politische Emanzipation und nationale Selbstvergewisserung, Osteuropa 5-6/2014, S. 239-257.

Für die Unterstützung bei diesem Eintrag bedanke ich mich bei Mykhailo Minakov und Jonas Eichhorn.

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