Nationalismus, die Selbstliebe einer Nation und die Ausgrenzung der „Anderen“

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Mein Reisebegleiter in der Ukraine war ein großartiges Buch von Jens Mühling: „Schwarze Erde; eine Reise durch die Ukraine“. Ein sehr empfehlenswertes Buch, das von seiner Reise, seinen Eindrücken und Erfahrungen, von vielen Geschichten und Begegnungen erzählt. Zugegebenermaßen wusste ich vor dieser Reise über die Ukraine nicht besonders viel. Das erwähnte Buch fing ich noch vor der Ukraine-Reise in Berlin zu lesen an, las es in der Ukraine weiter und beendete es nach der Reise in Berlin. Es gab mir vor allem aus historischer Sicht eine sehr gute Basis. Ich bin zwar wieder zurück – zumindest in Gedanken und geistig irgendwie immer noch in der Ukraine – aber auch sehr nachdenklich in Bezug auf die Zukunft dieses wunderbaren Lands.

Ukrainisch – georgische Freundschaft

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Neben den unglaublich vielen ukrainischen Flaggen sprangen mir während meines Aufenthalts in der Ukraine auch unzählige georgische Restaurants ins Auge. Überall gab es georgischen Wein und ich musste nur diese drei Worte erwähnen: „Я із Грузії “ (Ich komme aus Georgien) sofort begegnete ich den strahlenden Blicken der Menschen und erhielt viel Wärme und freundliche Reaktionen wie „unsere Länder sind Brüder!“ Von der engen ukrainisch-georgischen Freundschaft hatte ich schon häufig gehört, aber erleben konnte ich sie erst im Land selbst.

In der Tat gibt es zwischen den beiden Ländern sehr viele Ähnlichkeiten. Die gemeinsame Sowjetgeschichte und die Tatsache, dass beide Länder über viele Jahre Teil dieses Imperiums waren und seit 1991 unabhängig sind. Beide Nationen sind sehr patriotisch – ich würde es wagen zu sagen: überpatriotisch. Das Wichtigste ist: „der Feind meines Feindes ist mein Freund“. Also kämpfen die Ukrainer und Georgier gemeinsam gegen Russland und sind Freunde.

Was Ukrainer und Georgier aus ihren Konflikten lernen könnten

Ich gehöre auch zu der georgischen Gesellschaft, trotz meiner in Deutschland verbrachten letzten neun Jahren, und um der besseren Zukunft dieser beiden Länder willen, starte ich einen Versuch diese Freundschaft aus einem anderen Blickwinkel zu betrachten. Selbstverständlich besteht ein gewisses Solidaritätsgefühl zwischen uns, natürlich ist man sehr emotional und wütend, wenn einem ein Stück seines souveränen Landes gestohlen wird. Aber wäre es nicht lohnenswert die Grundlage dieser Konflikte unter anderen auch in der restlichen Bevölkerung (also außerhalb der okkupierten Territorien) aufzuspüren?

Nationalismus ist eine Ideologie, die der eigenen Nation einen höheren Wert beimisst als anderen Nationen und diese somit herabsetzt. Das bedeutet, dass in einem monoethnischen Land, wo nur eine Ethnie beheimatet ist, ein echter Nationalismus nicht existieren kann. Es gibt eine Art des Nationalismus in einem monoethnischen Volk, den sogenannten „unechten“ Nationalismus. Zweck des „unechten“ Nationalismus ist es, die Identität zu bewahren. Dagegen ist der „echte“ Nationalismus ein Mittel durch das ein Volk ein anderes Volk in seiner Identität beherrscht. Beide Denkweisen können sich in einem kulturellen, religiösen oder auch historischen Fanatismus äußern. Das macht den übertriebenen Nationalismus gefährlich. Die Entstehung und Einheit einer Nation ist in der Regel nur dann möglich, wenn unter dem Begriff „Nation“ eine Einheit von Menschen verstanden wird, die ein gemeinsames Heimatland und gemeinsame Mythen, eine gemeinsame Geschichte, Kultur, Sprache und gleiche Machtbefugnisse besitzen. Andererseits kann die übertriebene und subjektive Bewertung der eigenen Identität zu zerstörerischen Ergebnissen führen. Meines Erachtens, hat der Nationalismus in den Konflikten der Ukraine und Georgiens die Rolle der „Ersatzideologie“ vom Kommunismus übernommen.

„Freiheit ist unsere Religion“

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In dem oben bereits erwähnten Buch las ich sehr bemerkenswerte Worte einer aus Russland stammenden und auf der Krim lebenden Frau: „Leider interessiert sich Kiew erst wirklich für die Halbinsel, seit sie annektiert wurde. Aber wenn sie zurückkehren soll, braucht die Ukraine ein Selbstbild, in dem Platz für die Krim ist… ich weiß selbst nicht, wie dieses Selbstbild aussehen könnte. Nationalistisch kann es nicht sein, dafür ist die Ukraine zu uneinheitlich… Freiheit vielleicht. Das könnte es sein, was die Ukraine zusammenhält. Die Freiheit, die in Russland fehlt“.

Mittlerweile ist deutlich geworden, dass Russland diese Länder als sein „Einflussgebiet“ betrachtet und seine Position um jeden Preis verteidigt und verteidigen wird. Die demokratische Ukraine ist für Russland sehr besorgniserregend und die Demokratieförderung in den ehemaligen Sowjetrepubliken wird allgemein als die Verstärkung der europäischen Politik angesehen. Die Ukraine sowie Georgien streben die Mitgliedschaft in der Europäischen Union an, was in beiden Fällen den Krieg zwischen Georgien und Russland und zwischen der Ukraine und Russland verursachte. Obwohl Russland diese Länder als unabhängig anerkannte, erklärt sich die russische Regierung nicht bereit, auf ihren Einfluss auf diese Länder zu verzichten. Demzufolge müssen sich beide Länder entweder für eine parlamentarische Demokratie, Rechtsstaatlichkeit und Toleranz oder für eine autoritäre Präsidialherrschaft der Großmacht entscheiden. Die außenpolitische Orientierung beider Regierungen hat bedeutsame Folgen für diese Länder. In beiden Fällen verfügt Russland über ein Mittel – in der Ukraine durch den Krieg in Donezk und auf der Krim und durch die ungelösten Sezessionskonflikte in Georgien – für eine Destabilisierung in der Region zu sorgen und die Annäherung an die EU zu verhindern.

Die EU – Realität und Erwartungen der Ukrainer und Georgier

Ich musste nun auch feststellen, dass die Erwartungen der Ukrainer und Georgier häufig nicht der EU-Realität entsprechen. Man muss klarstellen, dass die Ukrainer und Georgier auf eine Mitgliedschaft in der EU warten und mit dem Assoziierungsabkommen große Erwartungen an die EU verbunden sind. Doch die aufgrund der in der Ukraine stattfindenden Ereignisse ist die EU gezwungen ihre ambivalente Politik gegenüber den östlichen Ländern nochmal zu überdenken, was wiederum mit der Rücksichtnahme auf russische Interessen im postsowjetischen Raum einhergeht und eine große Herausforderung darstellt. Das Ziel der EU, diese Länder wirtschaftlich, politisch und normativ an die EU heranzuführen und die nötigen Maßnahmen in den jeweiligen Ländern zu unterstützen, wird von Russland als Bedrohung empfunden und als geopolitischer Wettbewerb. Unter den gegebenen Umständen ist es außerordentlich problematisch eine Politik durchzuführen, die die Stabilität und Sicherheit in den betreffenden Staaten nicht gefährdet und die EU als ein außenpolitischer Akteur nicht schwächt.

An Liebe zur eigenen Heimat und an Patriotismus in gewissem Rahmen ist nichts verkehrt. Unter Heimat ist zugleich nicht ein leeres Wort zu verstehen, es ist nicht nur ein Stück Erde, sondern man muss es wie einen Menschen behandeln und sich darum kümmern. Simple Details wie Zuhören, die sprachliche Vielfältigkeit akzeptieren, die anderen Nationen oder ethnischen Minderheiten nicht herabwertend behandeln und versuchen die offene Wunden ein wenig zu verschließen – all das wäre vielleicht der Anfang. Ein erster Schritt hin zur großen Versöhnung.

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Ein Gedanke zu “Nationalismus, die Selbstliebe einer Nation und die Ausgrenzung der „Anderen“

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