Dossier Tiraspol: Ein Museum der Sowjetunion?

von Judith Vöcker

Die Fahrt ins Unbekannte beginnt bereits früh am Morgen, die Augen sind noch klein, die Aufregung groß. Gegen Mittag haben wir die Grenze passiert und erreichen bald die Stadtgrenzen von Tiraspol. Gefühlt wie nach dem Ausschlussverfahren passieren wir Straße um Straße auf der Suche nach unserem Domizil, dem V.V.P Hotel, das auf der Komsomol’skaja Straße liegen soll. Einer halben Stadtrundfahrt später, macht sich inzwischen unzähliger Plattenbauten und einiger Baustellen eine Oase auf. Wir beziehen unsere Zimmer, ziehen eine Runde im hoteleigenen Pool und treffen am Nachmittag Andrej, gebürtiger Tiraspoler. Er wird uns die Stadt zeigen.

Um ins Zentrum der Stadt zu gelangen, die heute nur noch mehr oder minder 100.000 Einwohner beheimatet, nehmen wir eine Marshrutka und bezahlen 3,5 transnistrische Rubel für eine ca. 15 minütige Fahrt durch die Nachmittagshitze. Ich steige als letztes ein, da ich noch schnell ein Foto von diesem Sticker schießen wollte:

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“9. Mai – Zum Tag des Sieges”

Wir fahren und fahren, an den Scheiben kleben Verhaltensregeln, wie beispielsweise nicht zu schlafen oder zu essen während man öffentliche Verkehrsmittel benutzt. Wir steigen am Nationaltheater aus, die Bushaltestelle bietet wiederum ein interessantes Bild:

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Jeder freie Zentimeter ist tapeziert mit Angeboten von Busunternehmen, die nach Moskau und Piter – Sankt Petersburg – fahren. Andere Ziele scheinen in dieser Angebotsflut unbemerkt unterzugehen. Wir kreuzen die Straße und mein Blick fällt auf eins der vielen Wahlplakate, die noch folgen werden.

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„In der Zukunft gemeinsam mit Russland!“

Andrej betont stolz, dass wir an zwei ganz besonderen Tagen gereist seien. Heute sei nämlich der 10. Jahrestag des nationalen Referendums über die Unabhängigkeit Transnistriens und den Anschluss an Russland und morgen, am 18. September öffnen sich die 22 Wahllokale in Transnistrien – die größte Anzahl an Wahllokalen außerhalb des Territoriums der Russischen Föderation, wie wir später erfahren – um ihre Stimme für die Duma-Wahlen abzugeben. Andrej schätzt, dass von den 450.000 Einwohnern Transnistriens ca. 200.000 den russischen Pass besitzen und somit bei Volljährigkeit auch wahlberechtigt wären.

Das Nationaltheater also, die erste Station unseres Stadtrundgangs, benannt nach der Schauspielerin und Regisseurin Nadežda Aronezkaja, ist gleichfalls ein bedeutender Ort für die Stadtgeschichte. Hier wurde am 2. September 1990 die „Pridnestrovische Moldauische Republik“ ausgerufen, daran erinnert eine große Gedenktafel. Wir gehen weiter, auf den Straßen weit und breit niemand – Andrej erklärt das mit der Wichtigkeit des heutigen Feiertages. Vorbei an der Staatlichen Ševčenko Universität und einer grauen Gedenkbüste von Jurij Gagarin, erreichen wir das Dom Sovjetov – Das Haus der Sowjets. Wer jemals in Moskau gewesen ist, dem sticht die Ähnlichkeit zu den Pavillons des WDNCh (dem Ausstellungsgelände der Errungenschaften der Volkswirtschaft) schnell ins Auge; ähnliches wird uns durch unseren Ortskundigen bestätigt, hier handele es sich um die bekannte stalinistische Bauweise. Wir nähern uns dem mächtigen Bau, dem ein Leninkopf voransteht und schießen einige Erinnerungsfotos mit eben jenem.

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Wir folgen der Hauptstraße der Stadt, der Straße des 25. Oktobers – Namensgeber ist hier der Beginn der Oktoberrevolution im Jahre 1917 – auf der sich weiterhin kaum andere Menschen außer uns bewegen. Neben dem Dom Sovjetov fällt uns ein riesiger Banner mit Fotos verschiedener Männer und Frauen auf:

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Die Überschrift wird von Andrej übersetzt: Es handelt sich um die Nominierten für den städtischen Wettbewerb namens “Anerkennung”, darunter eine Lehrerin der Kindermusikschule, eine Schwimmerin und Vertreter der Politik. Eine Art und Weise, Bürger der Stadt auszustellen und öffentlich für ihre Taten zu loben, die stark an frühere Zeiten erinnert. Später finden wir auf der anderen Straßenseite einen ähnlichen Aushang: “Die Gesichter des Sieges”.

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Wir erreichen nun einen Straßenblock, an dessen Frontseite ein Gebäude der 1930er Jahre strahlt: die frisch renovierte und scheinbar auch frisch gestrichene Poliklinik, finanziert durch den transnistrischen Präsidenten. Dahinter ein Traum von Plattenbau in all seinen Facetten.

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Der Kontrast sticht klar ins Auge, Prioritäten wurden gesetzt und ausgeführt. Weitere Baustellen sollten auch im weiteren Verlauf unserer Stadtführung immer wieder Fragen aufwerfen. Momentan ist unter anderem ein Verwaltungsgebäude der Sheriff Gruppe in Bau, sowie ein überdimensionales Einkaufs- und Vergnügungszentrum mit Kleidungsgeschäften, einem Kino und einem Schwimmbad. Bei einem erneuten Blick auf die Straßen der Stadt stellt sich nur die Frage, wer in diesem modernen Freizeitapparat seine Zeit verbringen soll. Ein scheinbar gewöhnlicher Wohnblock mit kleineren Geschäften zur Straßenseite hin stößt uns ins Auge: Dort sind zwei Fahnen angebracht, die in der seichten Spätsommerbrise wehen.

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Der Blick auf die darunter angebrachten Schilder erklärt: Hier befinden sich die Auslandsvertretungen von Abchasien und Süd-Ossetien; eine Autonomie gibt sich hier mit der anderen die Hand. Bleiben wir also beim Thema: Der Lärm auf der Straße des 25. Oktobers wird größer, wir überqueren die Lenin-Straße, kaufen Postkarten aus Tiraspol und moldawische Briefmarken mit transnistrischen Rubeln. Von weitem sehen wir ein Meer aus Fahnen, die die russischen und transnistrischen Farben tragen, eine kleinere Ansammlung von Menschen und eine Bühne, auf der abwechselnd Tanz- und Musikgruppen angekündigt werden, ihre Kunst zum Besten geben, um kurz darauf wieder in dem Betonwürfel zu verschwinden. Andrej erzählt, das seien die Feierlichkeiten zu diesem wichtigen Tag heute:

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17. September – 10. Jahrestag des nationalen Referendums über die Unabhängigkeit Transnistriens und den Anschluss an Russland

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Die Lieder und Gesänge der großen Bühne sollten uns ab jetzt bei den letzten Stationen unserer Stadtführung begleiten. Das Publikum ist spärlich gesät und wird durch eine breite Betontreppe von dem Spektakel getrennt, daneben prangt ein Banner in den Nationalfarben Rot und Grün: „Zum Tag der Republik! 26 Jahre“ Uns trennt die breite Straße des 25. Oktobers von dem Geschehen, unsere neugierigen Augen schielen immer mal wieder auf die Bühne, bis sich vor uns ein weiterer, großer Platz aufmacht, der so einiges zu bieten hat:

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Neben einem Panzer, den die Aufschrift “Für die Heimat” ziert, steht auf selbigen Platz eine russisch-orthodoxe Kapelle mit güldenem Zwiebeltürmchen, eine Ewige Flamme und ein Denkmal für die gefallenen Soldaten des Zweiten Weltkrieges. Dieses Szenario wird abermals mit einem Gruppenfoto festgehalten bevor uns noch ein letztes Highlight entlang der sechsspurigen Straße erwartet. Andrej warnt uns aber: Fotografiert das Gebäude nicht ohne die Statue davor! Gesagt, getan.

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Es handelt sich hier um das transnistrische Parlament und somit um ein politisch brisantes Objekt, das nicht ohne weiteres fotografiert werden sollte – gleiche Szenarien kommen mir aus Moskau bekannt vor. Ich stelle mich also in Position, fokussiere auf das massive Abbild von Lenin und drücke auf den Auslöser.

Langsam werden die Beine schwer, der Kopf müde, der Himmel färbt sich lila, dann rot. Wir schlendern dem Tumult entgegen und lauschen eine Zeit lang den Musik- und Tanzeinlagen der jungen transnistrischen Bevölkerung. Es wird brav geklatscht, auch wenn der Moderator an manchen Stellen nachhelfen muss: “Geben Sie einen kräftigen Applaus! Lauter, man hört Sie nicht!” Wir wohnen dem Spektakel noch eine Weile bei, bevor wir uns langsam auf den Heimweg begeben. Ein letzter Blick zurück gen Bühne, die letzten Töne schweifen noch über den Asphalt und was bleibt, ist dieser Anblick.

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Es war schön bei dir, Transnistrien.

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