Das Impact-HUB in Odessa – Dialog zwischen Maidan und Anti-Maidan

von Dorothee Theresa Adam

Am 16. September sollen wir das „Forum der Intelligenzija“ in Odessa kennenlernen. Im Impact-HUB Odessa treffen wir auf Alexander Dobroyer, der uns das moderne Zentrum vorstellt. Das Impact-HUB ist eine Plattform für engagierte Leute, hier können sie soziale Projekte planen und miteinander in Dialog treten.

Das erste Impact-HUB wurde in Wien gegründet. Mittlerweile ist die Organisation in vielen Städten auf der Welt zu Hause. Das Impact-HUB Odessa dient tagsüber Jugendlichen als Treffpunkt, nachts wandelt es sich zum angesagten Hotspot für politische Vorträge, Diskussionen und Buchvorstellungen –  unterschiedlichste Akteure aus Zivilgesellschaft, Politik und Wirtschaft treffen hier aufeinander um gemeinsam Ideen zu schaffen und Lösungen zu erarbeiten.
Die Atmosphäre ist wie in einem hippen Berliner Start-Up: Ein großer Co-Working Space mit Pflanzen, eine Café-Bar und ein großer, runder Tisch dominieren den Raum. Hier zahlt man nicht für Kaffee und kleine Snacks, sondern für die Zeit, die man hier verbringt. Alles weitere bekommt man im Think Tank gratis dazu. Heute, erzählt Alexander, sei es verhältnismäßig leer. Viele der jungen, engagierten Leute sind gerade in Kiew, oder in Lviv zum Literaturfestival, um sich mit den neuesten Themen und Veröffentlichungen vertraut zu machen.

image

Alexander leitet unterschiedliche soziale Projekte mit Fokus auf die jüngste Generation Odessas: Schülerinnen und Schüler. Doch nicht nur die Odessiten liegen ihm am Herzen, sondern auch die ukrainische Stadt als Ganzes sowie die vielen ukrainischen Flüchtlinge, die immer noch vor dem Krieg in der Ostukraine fliehen. Bereits aus der Formulierung „ukrainische Stadt“ lässt sich einiges über die „Perle am Schwarzen Meer“ herauslesen: Odessa hat in einem Referendum für die Zugehörigkeit zur Ukraine gestimmt und gegen die Eingliederung Russlands, das erklärt uns Alexander. Das beschäftigt den Sozialwissenschaftler auch in seiner Forschungsarbeit.

Die begann nach den aufreibenden, politischen Ereignisse auf dem Maidan, der in Kiew seinen Anfang nahm und nach Präsident Janukowitschs Flucht Ende Februar 2014 das Land – so auch Odessa – entflammte. Gemeinsam mit dem Europäischen Institut für Journalismus- und Kommunikationsforschung erforschte er das sich verändernde Meinungsbild der beiden gegensätzlichen Bewegungen: des Maidan und Anti-Maidan in Odessa. Weitere Unterstützer des Forschungsprojekts sind das Institut CSS Intermedia Berlin, das Zentrum für Mediation an der Viadrina sowie das deutsche Außenministerium.

Der Maidan in Kiew sei nur die Spitze des Eisbergs der „Revolution der Würde“, meint Alexander. Bewegung und Gegenbewegung organisierten sich in vielen ukrainischen Städten. In Odessa fanden die Auseinandersetzungen ihren traurigen Höhepunkt am 2. Mai 2014. Die Schilderungen dieses Tages sind gegensätzlich. Fakt ist, dass zunächst junge Menschen in der Innenstadt erschossen wurden. Und wenig später, inmitten schrecklicher und unübersichtlicher Ereignisse, stand das Gewerkschaftshaus in Flammen. Insgesamt starben an dem Tag 48 Menschen. Bis heute herrscht ein Informationskrieg um zentrale Ereignisse des Konflikts in der Ukraine, z.B. um das Referendum in Odessa, um die „grünen Männchen“ auf der Krim, um die Referenden in Luhansk und Donezk und überhaupt um den von Russland initiierten „Hybrid-Krieg“. Dieser hatte jedoch nur bedingt Erfolg: Lugansk und Donezk sind im Kriegszustand , Odessa hingegen hat sich dagegen ausgesprochen, unter russischen Einfluss zu geraten.

image

Alexanders Forschungsprojekt enthält mehrere Komponenten. So hat er die Debatten von zwei Fokusgruppen untersucht. Eine bestand aus Anhängern des pro-europäischen „Euromaidan“ und eine andere aus Befürwortern des „Anti-Maidan“, die in Odessa auf dem „Pole Kulikowe“ ein Zeltlager errichtet hatten. Beide Gruppen unterscheiden sich markant. Odessitische Anti-Maidanisten haben Angst vor einer Umschreibung der Geschichte, sie fürchten vom „Volk der Helden“ zum „Volk der Verlierer“ degradiert zu werden. Gründe für den Erfolg des Maidan sehen sie in der Unterstützung der USA , das Ganze sei nur ein „schmutziges Spiel“ der Regierung, um sich auf Kosten des Volkes die Taschen voll zu machen. Maidan-Aktivisten hingegen motiviert die Vorstellung, das Land zu verändern. Man möchte kein geopolitischer Spielball mehr in den Händen Russlands sein. Das Ziel ist, sich vom Feudalsystem zu einer europäischen Bürgerlichkeit weiterentwickeln. Beide Fronten – Maidan und Anti-Maidan – sind sich sicher, dass die Meinungen der jeweils anderen manipuliert werden.

Alexander gibt auch einen wissenschaftlichen Einblick in die wirtschaftlichen, politischen, sozialen und kulturellen Gegebenheiten, die bestimmen, wer sich für Maidan, wer für Anti-Maidan entscheidet. Die hohe Arbeitslosigkeit und die dadurch entstandene Armut sowie die Enttäuschung über die schleppende Umsetzung des Assoziierungsabkommens zwischen der Ukraine und der EU sind nur einige Gründe.

Alexander schließt mit dem Fazit seiner Studie. Das befasst sich mit der Meinung der Odessiten vor einem Jahr: Vor allem höhere Preise, niedrigere Renten, steigende Arbeitslosigkeit und eine Zersplitterung der Ukraine bis hin zu Nicht-Existenz werden von der Bevölkerung gefürchtet. 23% der Odessiter (und 48% der über 60-Jährigen) würden einen Einmarsch russischer Truppen  als Befreiung ansehen.  Andererseits befürworten 52% der Befragten den Euro-Maidan. 42% denken, er diente zur Befreiung des Volkes und 46% sind der Meinung, die Ukraine hätte sich danach verbessert.

Rund zwei Drittel der Befragten von 2015 sehen die Lösung um Frieden zu schaffen in der Annäherung zwischen der Maidan und Anti-Maidan Bewegung. Dafür bietet das Impact-HUB Odessa die denkbar günstigsten Möglichkeiten.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s