Eine Liebe auf Distanz

von Luise Vörkel

Stellt euch vor, ihr habt zum Ende eurer Schulzeit allen Mut zusammen genommen und das beeindruckendste Mädchen der Klasse, mit dem ihr schon so lange so gut befreundet seid, nach einem Date mit Wodka und Fisch gefragt. Sie winkt freundlich ab. Ein Schlag in die Magengrube, aber Freunde bleiben, klar, das klappt schon irgendwie. Was eher nervt, ist, dass dieses andere Mädchen euch jetzt immer auf der Pelle hängt und trotz freundlichem Ablehnen eurerseits nicht von ihrem Vorhaben abrücken will, mit euch zu gehen. Ihr wisst ganz genau, das würde nie klappen, es hapert schon am Smalltalk. Aber sie ist sich sicher, die Differenzen könnt ihr überwinden.

So wie ihr von der Beeindruckenden auf Distanz gehalten werdet, haltet ihr die andere auf sicherer Entfernung. So klappt das ganz gut. Euer Leben läuft weiter, die disfunktionale Love Triangle schleppt sich irgendwie mit. Aber sie nimmt seltsame Züge an – wildfremde Menschen fragen euch ständig zu dieser Privatsache aus. Sie wollen sogar vermitteln und gehen soweit, gemeinsame Gespräche einzuberufen. Und ihr seid mit der Zeit auch seltsam geworden – oder wie würdet ihr sonst eure kleine Jubiläumsfeier bezeichnen, die ihr anlässlich 10 Jahre unerwiderter Liebe veranstaltet habt?

Willkommen in Transnistrien!

Natürlich, der Vergleich hat seine Stolperfallen. Bewaffnete Auseinandersetzungen und vergossenes Blut sind absolut nicht mit einer Abfuhr unter Teenagern vergleichbar. Blickt man jedoch ins heute, so wirkt die Verbindung zwischen Transnistrien und Russland wie eine Freundschaft, bei der ein Partner stets den Gedanken mit sich trägt, dass das doch noch einmal mehr werden könnte. Bei der der andere Partner darum weiß und versucht, das Ganze so angenehm wie möglich zu halten. Keine komplizierten Gespräche, bitte.

Per Zufall landen wir an einem Wochenende in Transnistrien, an dem dieses Spannungsverhältnis sehr gut zu beobachten ist. Wie von Judith Vöcker in ihrem Tiraspol-Dossier beschrieben, kann unsere Gruppe einer Feier beiwohnen, die wie eine sowjetische Sport- und Tanzschau im Kleinformat anmutet. Im leeren Zentrum von Tiraspol drehen kleine Mädchen Pirouetten, führen ältere traditionelle Mode vor, nehmen Teenager das Mikro in die Hand um zu singen: Allein sind wir schwach, in der Zukunft nur mit Russland.

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Dieser Spruch, „In der Zukunft nur mit Russland“, ist auch auf vielen Plakaten in Tiraspol zu lesen. Darauf erinnern transnistrische Politiker daran, am Sonntag die Stimme bei den russischen Duma-Wahlen abzugeben. Denn etwa die Hälfte aller Einwohner*innen von Transnistrien hat den russischen Pass. Hinzu kommen mehrere tausend russische Soldaten, die so lange in Tiraspol bleiben werden, wie der Konflikt um das nicht-anerkannte Land nicht gelöst ist. Der ehemalige Außenminister Vladimir Jastrebchak, der uns am Sonntagmorgen zum Gespräch trifft, erzählt, dass Transnistrien außerdem eine Reserve von etwa 10.000 Mann hat, die jederzeit zu den Waffen greifen würden, wenn es „ihr Land“ oder Russland verlangt.

Dass die Mobilisierung klappt, sehen wir bei unserer Fahrt raus aus der Stadt. Hunderte von Menschen reihen sich vor einem Gebäude mit russischer Flagge ein um ihre Stimme abzugeben. Es gibt insgesamt 22 russische Wahl-Lokale in Transnistrien. Die Straßen wirken plötzlich nicht mehr leer. Ungläubiges Lachen erfüllt die hinteren Reihen unseres Busses, als wir an mehreren unter Tarnnetzen versteckten Panzern vorbeikommen. Tarnnetze spannen sich auch über kleine Gräben neben der Straße, Soldaten patrouillieren. Lustig ist das nicht, aber wir sind überrascht.

Wenige Minuten später kommen wir vorbei an einem riesigen Werksgelände von Sheriff, dem einen großen Unternehmen, dass die Wirtschaft im Land bestimmt. Zur Präsidialwahl im Dezember werden sie auch einen Kandidaten stellen – der einzige Konkurrent des amtierenden Oberhaupts. Nach dem Gespräch mit Jastrebchak haben wir den Eindruck gewonnen, dass es nicht viel ausmacht, wer schlussendlich an die Macht kommt. Transnistrien hat sich eingerichtet in diesem seltsamen Verhältnis.

Exporte fließen nicht nur nach Russland, sogar mehr als in die Föderation gehen in die Europäische Union und weitere nach Moldau. Mit der Grenzregion in der Ukraine werden wirtschaftliche Beziehungen gepflegt und diese weiß Transnistrien zu schätzen. Deswegen gibt es keine Statements zum Konflikt im Donbass. Auch, wenn ehemalige transnistrische Unirektoren jetzt Bildungsminister in Donezk sind.
Oder zählen Taten mehr als Worte? Dieser Auffassung ist Jastrebchak – die Liebe von Russland ist für ihn gar nicht unerwidert, denn auch wenn Transnistrien kein Mitglied der Russischen Föderation ist, auf die freundschaftliche Unterstützung aus Moskau kann dieses Land, das kein Land ist, zählen.

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