Bei Katjuscha

Wo sich sowjetische Nostalgie mit Flower-Power-Musik mischt, wo der Salat mit Oliven und Feta „der Kapitalistische“ heißt und das Gesicht der Bedienung auf unser linkisches Russisch ungerührt reagiert, essen wir Wareniki und Rote-Beete-Salat. Die Speisekarte ist russisch, nicht ukrainisch. Welchem Oligarchen wohl die Kette gemütlicher Restaurants „Katjuscha“ gehört? Unser Tee neigt sich dem Ende zu und es wird langsam kühl. Sogar die Kellnerin trägt eine pinke Strickjacke über der ordentlich am Rücken überkreuzten Schürze. Die Kiewer Heizungen sind noch nicht in Betrieb, dafür gibt es warmes Wasser, sogar auf öffentlichen Toiletten. Auch wenn wir uns ein ökologisches Bewusstsein zuschreiben, ist es doch eine Wohltat, sich die vom Oktober gekühlten Hände damit zu wärmen. Die schweren Karossen der Kiewer rollen über das Kopfsteinpflaster der Straße der Roten Armee. Passanten frönen mit Pfennigabsatz und Pelz ungezügelt dem Kapitalismus. Und langsam gehen uns die Klischees aus. Beim Sammeln solchen Abklatsches werden wir heiter und doch gehen uns die schweren Gedanken nicht aus dem Kopf.

Krieg? Optisch sieht es in Kiew ein bisschen aus wie zur Fußball-WM in Deutschland, nur die Farben sind andere. Blau-gelb überall: Armbänder, Flaggen, Ohrringe, Werbetafeln, blaue und gelbe Blumen für den patriotischen Dekor, Donuts mit gefärbtem Zuckerguss… Wir fühlen uns respektlos, hier in der aufgeräumten Kiewer Innenstadt zu sitzen, gut zu essen und uns zu amüsieren. Unser Lachen scheint uns in der Stille des Lokals zu verhallen. Die Inflation der Grivnja macht das Ausgehen für uns günstig, viele Kiewer müssen jetzt auf Katjuschas Essen verzichten. Sonst merken wir der Stadt die Unruhe des Krieges kaum an. Wie es wohl den Menschen hier mit der Situation geht? Die Stellvertreterin des deutschen Botschafters in Kiew sagte heute, dass die Krise schleichend zum Alltag wird. Für uns schwer zu fassen. Es emotional nachvollziehen zu wollen, kommt uns anmaßend vor.

Erneute Annäherung. Wir schauen uns eine Fotoausstellung an. Da verabschieden sich weinende Frauen und Kinder von ihren Heroen. Da liegen Soldaten im Lazarett, ihnen eilen Frauen mit Trauringen und Brautkleidern zur Rettung. Ist das nicht der sowjetische Kult der Soldaten, der hier wiederkehrt? Wir fühlen uns unwohl damit. Und doch begreifen wir es nicht, wie es sich anfühlt, wenn das Land, in dem du lebst, im Krieg ist.

Was macht es eigentlich mit uns zu dieser Zeit in der Ukraine zu sein? Begreifen wir den Ernst der Lage? Gehen wir als Wissenschaftlerinnen zu sehr auf Distanz? Oder sind wir „teilnehmende“ Beobachter? Worin drückt sich unsere emotionale Anteilnahme aus? Viel Zeit für diese grundlegenden Fragen bleibt uns nicht. Tagsüber lernen wir Politikerinnen, Diplomaten und Aktivistinnen kennen. In der U-Bahn, auf den Bürgersteigen, bei schnellen Imbissen zwischendurch, analysieren wir die Gespräche. Morgens und abends sitzen wir über Notizblöcken und Blogeinträgen und versuchen zu verstehen, was hier los ist. Die Stimmung ist konzentriert und ernst. Ab und zu machen wir einen Abstecher in die „Normalität“, auf Facebook, ins Ballett oder eben zu Katjuscha.

Dorothee Riese und Nastasja Ilgenstein

2 Gedanken zu “Bei Katjuscha

  1. Habt Ihr dann auch das große Liebeslied gehört, das überall in Rußland und vielleicht auch in der Ukraine gesungen wird: Катюша
    Расцветали яблони и груши,
    Поплыли туманы над рекой.
    Выходила на берег Катюша,
    На высокий берег на крутой.

    Выходила, песню заводила
    Про степного, сизого орла,
    Про того, которого любила,
    Про того, чьи письма берегла.

    Ой ты, песня, песенка девичья,
    Ты лети за ясным солнцем вслед.
    И бойцу на дальнем пограничье
    От Катюши передай привет.

    Пусть он вспомнит девушку простую
    И услышит, как она поёт,
    Пусть он землю бережёт родную,
    А любовь Катюша сбережёт.

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  2. Pingback: Wiedersehen in Kiew | viadrina goes ukraine

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