Wiedersehen in Kiew

Es geht wieder nach Kiew. Ein Jahr nach unserer letzten Ukraine-Exkursion empfängt uns die Stadt mit schönstem Sonnenschein und blauem Himmel. All die Wintersachen, die wir nach der Erfahrung im letzten Jahr eingepackt haben, bleiben erstmal im Koffer. Wir witzeln schon, dass wir keinen Bikini eingepackt haben – wenn wir am Dienstag schon mal ans Schwarze Meer fahren…

Noch ist die Exkursion nicht losgegangen und wir wollen erstmal ankommen, die Stadt begrüßen und die Atmosphäre in uns aufnehmen. Wir laufen die Straßen entlang, die uns noch aus dem letzten Jahr vertraut sind. Die Nationalsymbolik ist nicht mehr ganz so präsent: Keine blau-gelben Donuts mehr in der Auslage und auch aus den Fenstern hängen kaum noch Fahnen. Die Straßenabsperrungen und Blumentöpfe erstrahlen jedoch weiterhin in den Nationalfarben. Es dämmert und wir schlendern den Chreschatik runter zum Maidan. Die Straße ist für den Autoverkehr gesperrt und es herrscht Volksfeststimmung. Überall sitzen Straßenmusikanten und singen, beatboxen und zupfen ukrainische Volksweisen auf der Gitarre. Kinder cruisen mit Kettcars zwischen den Passanten umher, Liebespärchen bevölkern die Straßenbänke und junge Frauen posen für die Kamera. Die Kiewer genießen die letzten warmen Tage des Jahres. Auf dem Maidan angekommen, erinnern noch einige Tafeln an die „Revolution der Würde“. Die Institutskaja ist noch immer gesäumt von den Bildern der Himmlischen Hundert, die Aktivisten, die bei den Ereignissen 2013/2014 ums Leben kamen. Es liegen noch immer Blumen vor den Bildern, auch wenn es nur noch ansatzweise an das Blumenmeer aus dem vorigen Jahr erinnert. Wir genießen die gelöste Stimmung in den Straßen und haben insgesamt den Eindruck, dass die Stadt viel weniger politisch aufgeladen ist als im letzten Jahr. Die Spannung in der Luft, die politische Euphorie und die Nationalsymbolik waren im letzten Jahr durchgehend präsent und lässt sich nun – auf dem Maidan sitzend – nicht mehr in diesem Ausmaß feststellen. Allerdings ist dies nur ein allererster Eindruck und es wird sich zeigen, ob sich dieser bestätigen wird.

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Als es bereits dunkel wird, überkommt uns der Hunger und wir kehren ein – erneut bei Katjuscha. Was uns bei der letzten Exkursion schon als gemütliches und preiswertes Restaurant erschien, ist nun für uns unfassbar günstig: Die Hrywnja hat innerhalb eines Jahres um beinahe die Hälfte an Wert verloren. Ein Ukrainer setzt sich zu uns, schiebt ein Bild herüber. „Ich liebe dich“ steht in großen Buchstaben darauf. Ein bisschen Unbehagen und Verwirrung überkommt uns. Aber kurz darauf folgt die Erklärung, dass er Künstler sei und uns eines seiner Bilder schenken möchte. Djakuju! Vielen Dank! Er hätte gehört, dass wir Deutsch sprechen und möchte mit uns seine neu erlernten Deutschkenntnisse erproben. Nächstes Jahr möchte Sasha nämlich an der UdK in Berlin Kunst studieren. Wir freuen uns über diese Freundlichkeit und Aufgeschlossenheit. Bleibt nur die Frage, wie das derzeit eigentlich um die Visa-Politik der EU so steht? War da nicht was?

Am nächsten Tag trudeln die nächsten Exkursionsteilnehmenden ein. Pläne werden geschmiedet, was man an diesem noch freien Tag in Kiew so machen kann. Ein Teil von uns entscheidet sich die Villa Janukowichs zu besichtigen. Andere buchen eine Stadtführung und wieder andere wollen bei den angekündigten 25 Grad einfach auf den öffentlichen Plätzen sitzen und das Stadtleben auf sich wirken lassen.

Es hat nur wenige Stunden gedauert bis Kiew uns mit seinem so eigenen Charme wieder eingefangen hat. Der Berliner Alltag liegt weit zurück und wir kommen langsam in den Exkursionsmodus. Direkt drängen sich uns viele Fragen auf und wir möchten noch einmal versuchen uns dieses Land mit seinen vielschichtigen Wahrheiten zu erschließen. Wie ist die Verminderung der Nationalsymbolik zu deuten? Zurzeit ist etwas Ruhe eingekehrt im Osten, vielleicht ist die gelöste Stimmung als zwischenzeitliche Erleichterung der Menschen zu verstehen? Oder hat man sich mittlerweile an den Krieg gewöhnt? Was wurde aus der Euphorie über den erfolgreichen Ausgang des Maidans? Hat sich eventuell Ernüchterung breitgemacht?

Wir freuen uns schon sehr auf die morgen startende Exkursion und hoffen viele dieser Fragen beantworten zu können. Auch wenn wir jetzt schon wissen, dass jede Antwort weitere Fragen mit sich bringt…

Nastasja Ilgenstein, Jasna Ibach

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