Dossier Lemberg

von Annika Schall

„[…] Immer gab’s zuviel Lemberg, niemand konnte
alle Stadtteile kennen, das Flüstern von jedem
Stein erlauschen, den die Sonne
versengt hat, die orthodoxe Kirche schwieg ganz
anders nachts als die Kathedrale.“

Adam Zagajewski – „Nach Lemberg Fahren“

Real und phantastisch zugleich erscheint einem Lemberg. In der Altstadt die Illusion einer westeuropäischen Stadt, als wäre man nach all den Tagen im postsowjetischen Raum in der Heimat angekommen. Der wunderbare Kern voll verschiedener Architektur, Renaissance, Gotik, Klassizismus und Jugendstil, klein und überschaubar, konstruiert wie ein Modell, aber doch zum Verlaufen. Aber zu entdecken gibt es immer etwas. Rund um das Rathaus und den Rynok Square tummeln sich die Touristen in den kleinen Kopfsteinpflaster-Straßen und bewundern die Architektur und die verschiedenen Gotteshäuser, die älteste Apotheke Lembergs, die erste Post, verlieren sich in einem der zahlreichen Kaffeehäuser oder Restaurants, besuchen eines der Museen, besteigen den Turm des Rathauses um die Altstadt von oben zu bewundern oder wühlen sich durch einen der vielen Souvenirläden um das beste Mitbringsel für die Liebsten zu Hause zu erwerben.

Marktplatz in Lemberg / Foto: Annika Schall

Marktplatz in Lemberg / Foto: Annika Schall

Die Altstadt Lembergs ist seit dem Jahr 1998 UNESCO-Weltkulturerbe und so reich an verschiedenen Facetten von Kultur, wie es diese Ehrung erwarten lässt. Die Stadt erzählt eine Geschichte des erfolgreichen Zusammenlebens verschiedener Kulturen und Religionen. So war Lemberg in den letzten Jahrhunderten Teil des alten Russlands, Polens bzw. Polen-Litauens, Österreich-Ungarns, der Sowjetunion und seit 1991 dann Teil der Ukraine. Unsereins kann gedankenlos flanieren, bewundern, konsumieren, was diese verschiedenen Einflüsse mit sich gebracht haben, denn es kostet ja alles kaum etwas. Ein Paradies. Doch bei all dieser positiven Sinnesüberflutung vergisst man schnell, dass die Geschichte der verschiedenen kulturellen Einflüsse auch eine Geschichte der Vertreibung und Vernichtung ist.

Lemberger Opernhaus / Foto: Annika Schall

Lemberger Opernhaus / Foto: Annika Schall

Von den einstigen polnischen und jüdischen Mehrheiten in der Stadt sind nur noch die Überreste erkennbar. Die meisten Polen wurden 1944 vertrieben durch die Sowjets und die jüdischen Lemberger wurden während der deutschen Besatzung im Zweiten Weltkrieg in Ghettos und Arbeitslagern untergebracht und systematisch ermordet. Von der ältesten Synagoge im jüdischen Viertel sind heute nur noch Ruinen zu sehen. So stehen sich schon historisch Idyll und Realität gegenüber, das Idyll bleibt, wird saniert und die historische Realität durch die Gegenwart ergänzt: Die Altstadt wird immer prachtvoller, die alten Bauten hergerichtet, das Bewusstsein über die reiche Vergangenheit der Stadt geschärft und mehr Touristen angelockt.

Lemberg von oben / Foto: Annika Schall

Lemberg von oben / Foto: Annika Schall

Was allerdings Realität ist in Lemberg, findet man erst in Entfernung zum Stadtkern in den äußeren Bezirken der Stadt. Denn hier stellt man fest, dass es sich auch in Lemberg um eine postsowjetische Stadt handelt und dass auch hier mit den Problemen gekämpft wird, die die Überwindung des alten Systems mit sich bringt: Dezentralisierung, Reformen, von denen keiner weiß, wie er sie umsetzen soll, und eine junge Generation Ukrainer auf Identitätssuche.

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