Friseurschnack mit Gewicht

von Dorothee Theresa Adam

Auf unserer Exkursion hatten wir Termine, Termine, Termine – mit Expertinnen und Experten, die sich in Politik, in Kultur, in Recht, Verwaltung und Geschichte auskannten. Informelle Gespräche, kleine entspannte Unterhaltungen zwischen uns und Menschen, die in der Ukraine heimisch sind, gab es nicht so viele. Eines davon erlebte Dorothee, als sie sich trotz begrenzter Sprachkenntnisse zum Friseur traute.

Czernowitz, 6:30 morgens. Mein Wecker klingelt in unserem Appartement und ich springe förmlich aus dem Bett, um zu vermeiden, dass meine beiden Mitbewohnerinnen aufwachen, was natürlich schief geht, da ich vor lauter Aktionismus über sämtliche am Boden liegende Dinge stolpere. Leise setze ich unser Frühstück auf, Haferbrei mit Milch und Früchten, dazu grünen Tee und gehe anschließend ins Bad. Heute ist der große Tag für mich: Ich gehe zum Friseur!

Schon gestern Abend konnte ich vor Aufregung nicht einschlafen, habe mir immer und immer wieder den Weg angeschaut, die Zeit berechnet, nach Vokabeln gesucht, um mein Vorhaben auch erklären zu können – falls das Foto und die Beschreibungen von Anna, der ukrainischen Muttersprachlerin in unserer Gruppe, nicht ausreichen. Um sieben frühstücken die Mädels mit mir, denn es ist gleichzeitig mein letzter Tag, da ich heute Abend schon abreise. Um halb acht verlasse ich unser warmes, gemütliches Appartement mit dem Geruch des süßen, milchig-cremigen Haferbreis in der Nase. Draußen erwartet mich ein kühler, windiger Tag mit leichtem Nieselregen. Warm ist mir trotzdem – vor Aufregung.

Ich laufe zu der Halstestelle, an der wir gestern auch eingestiegen sind, und warte auf die „Marschrutka“ mit der Nummer Fünf. Anna hat mich genauestens über den Weg instruiert. Und trotzdem bin ich mir aufgrund der kyrillischen Lettern unsicher – und die kann ich lesen. Da kommt die „Marschrutka“ auch schon angefahren. Ich nehme am Fenster Platz, um auf keinen Fall die Haltestelle zu verpassen. Den Namen kenne ich nicht. Wir fahren kreuz und quer – mein Handy-Navi funktioniert nicht, also starre ich angestrengt nach draußen und suche nach vertrauten Hausfassaden, Reklameschildern, Restaurants – vergeblich. Die „Marschrutka“ füllt sich und die Temperatur steigt, sodass die Scheiben beschlagen. Ich biete einer älteren Dame meinen Platz an, hoffe insgeheim aber, dass sie ablehnt, da ich fürchte, ohne den Fensterplatz auch die Haltestelle zu verpassen.

Natürlich setzt sie sich und ich rede mir gut zu, dass es bestimmt trotzdem klappt. Inständig hoffe ich, dass die Friseurin Anna nicht aus dem Bett klingelt, falls ich den Salon doch nicht finde. Es wird immer enger, die Sicht ist durch die vielen Menschen versperrt. Im gefühlten Sekunden-Takt werden mir Hriwna, die ukrainische Währung, in die Hand gedrückt, die ich weiter zum Fahrer nach vorn durchgebe um anschließend Fahrkarten in die umgekehrte Richtung zu reichen. Ein Blick auf die Uhr, Punkt acht. Noch eine halbe Stunde. Die gefahrene Zeit kommt mir wie eine Ewigkeit vor und mir fehlt völlig die Orientierung, der Bus wird auch nicht leerer. Irgendwie schaffe ich es doch einen Blick nach draußen zu werfen und entdecke einen Straßennamen: Ivana Francisk – das ist die Straße in der sich der Salon befinden soll – nur hatten wir gerade gehalten. Ich hoffe, dass die nächste Haltestelle gleich kommt und versuche mir den Weg zu merken.

Endlich halten wir, schnell laufe ich zurück und finde zum Glück auch gleich die Hausnummer – jedoch ist der Salon geschlossen, Öffnungszeiten sind von 9-18 Uhr angegeben. Ich laufe die Straße weiter auf und ab, noch 5 Minuten, dann haben wir halb neun und ich sollte mich auf dem Stuhl im Salon befinden. In meinem Kopf rattert es, Handy funktioniert nicht, die Menschen auf der Straße sind in Eile. Straßenaufwärts finde ich einen kleinen Tante-Emma Laden mit Lebensmitteln und zwei Verkäuferinnen, meine Chance. Ich frage, hantiere mit Händen und Füßen, forme meine Finger zu einer Schere. Wir verstehen uns und die ältere Verkäuferin begleitet mich die Straße hinab. Sie redet unablässig, ich nicke nur und höre gespannt zu. Wir stehen wieder vor dem gleichen Salon – und er ist auf! Valia, die Friseurin, kommt mir entgegen, ich bedanke mich bei der netten Verkäuferin. Unglaublich, wie hilfsbereit die Leute hier sind! Schon sitze ich auf dem Stuhl und mir werden die Haare gewaschen.

Valia ist erst sehr schweigsam, ich versuche ein Gespräch anzuregen. Zum Glück gibt’s hier überall W-Lan und ich kann Vokabeln im Internet nachschlagen. Das erleichtert Einiges. Meine Haare sind schon sehr kurz und so fällt es ihr schwer, die Lockenwickler einzudrehen. Das bemerke ich und sie stimmt mir zu. Ich stelle belanglose Fragen und teste gleichzeitig ihre Geduld. Valia wurde in der Nähe von Irkutsk geboren, lebt aber seit der Kindheit in Czernowitz. Ihre Mutter ist Ukrainerin und ihr Vater Russe. Sie hat eine achtjährige Tochter, die Englisch und Französisch lernt. Ich frage sie zur sprachlichen Situation, ob es einen Unterschied macht, Russisch oder Ukrainisch zu sprechen – nein. Das ist egal, trotz des Krieges im Osten der Ukraine. Ob sie Angst vor dem Krieg hat, die Frage beantwortet sie mit Ja.

Ein Freund von ihr ist seit Beginn des Krieges im Donbass-Gebiet, im Osten des Landes, und kämpft dort für die Ukraine. Sie macht sich Sorgen, hofft auf eine Besserung der Situation. Für sie sei wichtig, dass ihre Tochter sicher aufwächst, die Schule besuchen kann und sie weiterhin arbeiten kann. Sie fühlt sich ukrainisch, so wie alle in Czernowitz. Die ganze Gegend hier ist ukrainisch und nicht russisch. Ich spreche Valia auch darauf an, ob sie mehrere Pässe besitzt. In vorherigen Gesprächen erfuhren wir, dass derzeit viele Ukrainer einen rumänischen Pass beantragen. Der Westen der Ukraine war in der Zwischenkriegszeit unter rumänischer Herrschaft. Doch sie und ihre Tochter haben nur ukrainische Pässe, auch keinen russischen. Mehrere Pässe zu besitzen, diese Leute würden nur tricksen und so versuchen, das Beste aus der Situation zu machen. Ich denke mir, wer ihnen das vergönnen könnte, unter diesen Umständen.

Alle stehen zusammen hinter der Ukraine als Land, aber nicht hinter dem jetzigen Präsidenten. Ob sie Janukowitsch besser fand? Nein, beide, Poroschenko als auch Janukowitsch sind Oligarchen, die die ukrainische Bevölkerung auf der Strecke zurück lassen. Ihre Politik ist zu weit weg von den Leuten, Kiew ist zu weit weg von Czernowitz. Zwischendurch wechsle ich den Platz, wieder zum Waschbecken und wieder zurück, die Zeit verrinnt und ich bin erfreut über ihre offenen Worte. In meiner letzten Frage zur politischen Lage möchte ich von ihr erfahren, wie sie den Maidan fand. Sie überlegt so lange, dass ich das Gefühl habe, sie hat mich nicht verstanden oder ich habe mich seltsam ausgedrückt oder hat sie mich vielleicht einfach nicht gehört? Ich lenke ein und entschuldige mich für diese sehr persönliche Frage. Vielleicht habe ich hiermit unbeabsichtigt den Finger in eine Wunde gelegt?

Weiter arbeitet sie geschäftig an meinen Haaren, dann antwortet sie doch noch. Sie steht nicht hinter dem Maidan, findet ihn nicht gut, aber auch nicht schlecht. Aber wenn sie sich nun für eine Seite entscheiden müsste, dann doch für den Maidan, keine weiteren Erklärungen und ich wage auch nicht, noch weiter nachzufragen. Unser Gespräch gleitet in sanftere Gefilde ab und ich erkläre ihr anhand des Filmes „Findet Nemo“ meinen Namen: Dori, so werde ich die ganze Zeit genannt – auch von den anderen Friseurinnen, die immer wieder prüfend vorbei kommen und Valias Werk auf meinem Kopf begutachten. Valia an sich ist auch interessiert an Deutschland und sie erzählt mir, dass sie Erich Maria Remarque gelesen hat und „Im Westen nichts Neues“ zu ihren Lieblingsbüchern gehört.

Nachdem ich nun gefühlte achtmal die Haare gewaschen bekommen habe und geföhnt wurde, macht Valia noch ein paar Fotos für ihre Website. Die anderen Friseurinnen stehen in einer kleinen Traube um mich herum und bewundern meine Haare – ich ernte Komplimente, die natürlich eigentlich Valias Können gelten. Glücklich verlasse ich den „Schönheitssalon“ und fühle mich tatsächlich schöner und bereichert.

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