Versuch eines Zwischenfazits: ukrainische Identität im Moment der Verunsicherung

Karl Schlögel hat vor einigen Jahren den Begriff der Augenarbeit ins Spiel gebracht, um eine bestimmte Methode der Erkenntnis nicht nur zu beschreiben, sondern auch zu propagieren. Gemeint ist mit der Augenarbeit das Eintauchen in den „Reichtum der Wirklichkeit“, in die „Fülle des Konkreten“. Erst jüngst hat Schlögel mit dem Buch „Entscheidung in Kiew“ (1) erneut bewiesen, zu welch beeindruckenden Erkenntnissen die Methode führen kann, sich mit offenen Augen städtische Räume zu erlaufen.

Auf unserer Exkursion erweist sich Augenarbeit in der Tat als unerlässlich. Zum Beispiel wage ich meinen Augen kaum zu trauen, als am vorletzten Tag der Reise das Handbuch der Kulturwissenschaften (2) aus den Tiefen meines Gepäcks auftaucht. So kommt es, dass ich im BUFET unseres Ho(s)tels in Dnipropetrovsk anfange, mich der Frage der ukrainischen Identität auch über Grundlagenlektüre zu nähern. Karl Schlögel würden sich, das halte ich jedenfalls für möglich, die Zehennägel kräuseln. Auf Exkursion in der Ukraine, und das nur für ein paar Tage, und die werden mit Theorielektüre gefüllt? Are you kidding me?

Ukraine-Exkursion Bufet Sverdlovsk

Und es ist ja etwas dran. Augenarbeit statt Lesearbeit würde enthüllen, dass unterschiedliche Identitäten aus Ost und West im Hotel Swerdlowsk mit den Händen zu greifen sind. Hier das Personal, das inmitten von Wareniki-, Kotlet- und Kapustabergen ungläubig zur Kenntnis nimmt, dass man „bei den Ausländern“ den Tee offenbar mit Milch und ohne Zucker trinkt. Dort die WLAN-Kultur zwischen Kalifornien und Frankfurt (Oder), die sich auf kleinen und durchaus fettigen Tischen auszubreiten versucht und einen Ort okkupiert, der zum Verweilen nicht eingerichtet ist. Vereint sind die Hotelbediensteten und Universitätsangehörigen in dem Unbehagen, wie mit den zahlreichen Flüchtlingsfamilien und Kriegsversehrten umzugehen ist, die ebenfalls im Hotel untergekommen sind. Die Bettennot ist so groß, dass aus dem eigentlich vorhandenen Aufenthaltsraum die Sofas entfernt wurden, um in nun überfüllten Hotelzimmern als Schlafgelegenheiten zu dienen.

Ukraine-Exkursion aufenthaltsraum hotel sverdlovsk

Warum sich also dem ukrainischen Selbstverständnis (auch) über Textlektüre nähern? Das bereits zitierte Handbuch hält in einem Beitrag von Jürgen Straub (Universität Bochum) zum Schlagwort der „Identität“ einige Antworten bereit.

Zunächst weist Straub darauf hin, dass Identitätskonstruktion prinzipiell nicht als etwas je Abgeschlossenes anzusehen ist. Personen in modernen Gesellschaften müssen „selbst sehen, und zwar stets aufs Neue, wer sie (geworden) sind und sein möchten“ (3). Sicherlich, auf ein Land im Jahr 23 nach der staatlichen Unabhängigkeit trifft dies sowieso zu. Unübersehbar ist aber auch, dass dies in der Ukraine nicht nur auf die Bewohner eines im Inneren zerrissenen Landes zutrifft. Auch Westeuropäer (besser gesagt EU-Bürger) und Russen, die beiden wichtigsten Referenten für die gesellschaftliche Selbstverortung der Ukraine, durchlaufen gegenwärtig erhebliche Identitätskrisen und sind daher als Positivmodelle nur eingeschränkt geeignet. Das simultane Auftreten von innerem Zwiespalt und diskreditiertem Zukunftsideal macht die Ukraine in gewisser Weise zu einem Prototyp der Spätmoderne, nicht zu einem Nachzügler in Sachen Nation Building.

Eine produktive Identitätsentwicklung, so Straub weiter, hängt dabei nicht unwesentlich davon ab, dass sich Individuen und Kollektive der Erkenntnis stellen, ihrer eigenen Identität einen offenen Charakter zuzugestehen. Identitäten sind partiell, nicht total. Sie entstehen, sie sind nie abgeschlossen. Wo Schließung angestrebt wird, geschieht dies allzu häufig in Form gewalttätiger Exklusion und Inklusion – so die seit langem vorliegende These des seinerzeit in Jena lehrenden Lutz Niethammer. Kollektive Identitätsbildung beruhe somit fast immer auf „verklärten Fiktionen“ (4).

Bedeutsam für das Verständnis der Gegebenheiten in der Ukraine wird der mögliche Totalitätscharakter von Identität, wenn man sich das komplementäre Konzept der Autonomie hinzudenkt. Ohne den Rückgriff auf Identität, so Straub, ließe sich weder bestimmen, was unter Autonomie überhaupt zu verstehen sei, noch angeben, ob einzelne Entscheidungen oder Handlungen als autonom einzuschätzen seien (5). Handeln die politisch Verantwortlichen in der Ukraine autonom, wenn sie um Mariupol‘ Verteidigungswälle errichten, auf die Umbenennung sowjetischer Straßennamen dringen oder marode Staatsbetriebe privatisieren? Jedenfalls ist man nicht geneigt, auf all dies sofort mit „ja“ zu antworten. Vielmehr fällt der defensive Charakter der ukrainischen Selbstbehauptung ins Auge. Die Rote, pardon: die russische Armee kommt von Osten, der Washington Consensus aus Brüssel. Und auch beim Gedächtnis an die Sowjetunion, vorrangig zweifellos eine Herausforderung innen, zerrt das Ausland kräftig mit. Am nun heftig kritisierten Gesetz zur ukrainischen Geschichtspolitik haben westliche Thinktanks fleißig mitgeschrieben. Die innere Autonomie, die die Ukraine für die Entwicklung einer eigenen Identität eigentlich benötigen würde, wird dem Land von außen nicht zugestanden.

Heißt dies aber nun, dass alle äußeren Einflüsse auf den ukrainischen Staat gleich zu bewerten seien? Dazu existieren, wie wir wissen, unterschiedliche politische Positionen – erinnert sei nur an die sehr deutsche Debatte um das Putinverstehertum. Neben politischen lassen sich aber auch identitätstheoretische Überlegungen heranziehen, um die Lagerung des jungen Gebildes namens ukrainischer Nationalstaat besser zu verstehen.

So sollte in der Tat formuliert werden: ein junger Nationalstaat. Über Eigenstaatlichkeit verfügt die Ukraine bekanntlich erst seit 1992. Aber auch die Existenz der ukrainischen Nation ist jung und in gewisser Weise „unerwartet“ (6). Ohne die Tumulte der Perestrojka wäre schwerlich eine Situation entstanden, in der die Gründung eines ukrainischen Nationalstaats überhaupt im Bereich des Möglichen erschienen wäre. Und ohne den Nationalchauvinismus des Putin-Regimes wäre die Selbstidentifikation als Ukrainer – die heute auf den Straßen auch von Charkiw, Odessa und Dnipropetrowsk mit den Händen zu greifen ist – möglicherweise ein regionales Phänomen der Westukraine geblieben.

Einzuordnen sind die neuen Bekenntnisse im neuen Staat vor der vielleicht wichtigsten Botschaft der Identitätsforschung: Identitäten bilden sich nicht aus sich selbst heraus, sondern entfalten sich in Auseinandersetzung mit einem „Anderen“. Nicht die (konstruierte) Einheit macht die (fluide und unscharfe) Substanz einer Identität aus, sondern die Differenz. Ob wir uns an Jacques Derrida, Henri Tajfel, Paul Ricoeur oder Edward Said orientieren: Prozesse der Selbstvergewisserung vollziehen sich über Abgrenzung. „Gruppen bilden sich, wachsen und bleiben zusammen, indem sie sich eine andere (konstruierte, imaginierte) andere Gruppe als negativen Vergleichs- und Kontrasthorizont hernehmen“ (7). Paul Ricoeur spricht von einer „Idem-Identität“, einer Identität im Sinne des englischen „sameness“ (8). Idem-Identität formiert und verändert sich über eine Vergleichsreferenz; ohne Spiegelbild kein Selbst.

Mein Versuch, diese Überlegungen auf die Exkursionserfahrungen in Odessa und Dnipropetrovsk zu übertragen, führt in abschüssiges Gelände. In der Ukraine existieren letztlich zwei Referenzidentitäten – die EU mit Polen in herausgehobener Position auf der einen Seite, Russland bzw. historisch die Sowjetunion auf der anderen. Das europäische Modell wird wegen seines hegemonialen Charakters nicht einhellig begrüßt, in manchen seiner Vorzüge aber durchgängig geschätzt. Russland aber hat die meisten wohlwollenden Projektionen, die in der Ukraine noch vor wenigen Jahren durchaus zu verzeichnen waren, verspielt. Die Propaganda über die „Faschisten“ in Kiew wird durchschaut, das Leugnen der Kriegsbeteiligung wird als unaufrichtig empfunden. Das Dulden zweier Volksrepubliken unter mehr als zwielichtigen Führen hat offenbart, dass Moskau sein Regime der „Gauner und Banditen“ (Aleksej Nawal’nyj) nicht bekämpft, sondern exportiert.

So hat sich innerhalb weniger Jahre aus zwei ambivalenten Alternativen eine durchgesetzt. Das russische Regime mit seiner ukrainefeindlichen Politik ist zum Negativbild des ukrainischen Selbstverständnisses geworden. Für Identitätstheoretiker ist wenig erstaunlich, dass die Auseinandersetzung mit dem „Anderen“ in einem solchen Fall zu einer abwertenden Disqualifizierung des Spiegelbildes führt. Die Formel, dass Identität sich immer in einem Zustand der Konstruktion befindet, stimmt auch im Hinblick auf das Selbstbild der Ukraine in Abgrenzung zu Russland. Sie beruht zentral darauf, dass zu viele Russen (besonders die Eliten) der nach sich selbst suchenden Ukraine das Recht nach Selbstsuche absprechen. Der identitär in die Defensive gedrängte Durchschnittsukrainer reagiert darauf mit der Herabsetzung des „Anderen“. Das russische Modell hat einen großen Teil seiner Aspirationsqualitäten verloren. Es strahlt Kontingenzverleugnung – also identitäre Totalität – aus und wird auch in der russophilen Ukraine ganz überwiegend abgelehnt. In dieses Bild passt, dass sich auf unserer Exkursion mit einer Ausnahme alle Gesprächsteilnehmer vehement zur Ukraine bekennen – und das, obwohl fast alle von ihnen über enge familiäre oder berufliche Verflechtungen mit Russland oder Russen verfügen.

Während also im identitären Verhältnis der Ukraine zu Russland die Zeichen derzeit auf Sturm stehen, wird die EU ihrerseits als offener empfunden – allerdings unter ambivalenten Vorzeichen. Die bürokratische Konditionalität des Assoziierungsprozesses wird vielerorts als wenig sexy empfunden. Aber es wird auch registriert, dass im Rahmen der Assoziierung zahlreiche Programme z.B. zum Bildungsaustausch existieren und genutzt werden können. Schwache Landeskenntnisse und übermäßige Pauschalisierungen im Westen werden missbilligend zur Kenntnis genommen. Zugleich hören wir an vielen Stellen den Wunsch, die unabhängigen Medien „des Westens“ sollten ihre Aktivitäten in russischer oder ukrainischer Sprache ausdehnen. Auch wird die EU für die Reaktionen auf die russische Aggression gelobt – in einer Schule in Kiew erhält unsere verdutzte Gruppe sogar Applaus für die „standhafte Politik Eurer Kanzlerin Angela Merkel“, wie es heißt.

Unter dem Strich finden sich, so mein Fazit, in der Ukraine unterschiedliche Abgrenzungsprozesse nach Westen und nach Osten. Als Grenzziehungen gegenüber dem „Anderen“ sind beide konstitutiv, unterscheiden sich aber in ihrem Charakter.

Dementsprechend verläuft auch die identitätstheoretische Deutung auf unterschiedlichen Pfaden. Gegenüber Russland verläuft die Identitätsbildung der „russischsprachigen Ukraine“ vollständig defensiv und läuft in der Tat Gefahr, die bei Niethammer und anderen befürchteten Konsequenzen nach sich zu ziehen: aggressive Abgrenzung und diskursive Herabsetzung zwischen russischen und ukrainischen Sprechakteuren sind überall deutlich zu verzeichnen.

Gegenüber der EU existiert ebenfalls eine identitäre Verunsicherung, der indes weniger ausgrenzend begegnet wird. In ihrer Aspiration auf Selbstbestimmung und Autonomie wird die Ukraine bekräftigt. Wenigstens in einem gewissen Maße haben sich die EU und auch die USA dem Korruptionsabbau und der Entflechtung von wirtschaftlicher und politischer Macht verschrieben. Der Rechtsstaat und die Wahrung des Völkerrechts stehen dabei im Mittelpunkt und sind durchaus dazu geeignet, etwas wie einen zivilen Patriotismus zu fördern. Im deutschen Kontext mag dies ambivalent klingen – im Vergleich zu den autokratischen Nationalismen in den meisten anderen postsowjetischen Staaten stellt er jedoch das geringe Übel dar. Allerdings ist kaum zu leugnen, dass die westliche Strategie von rechtsbasierten Identity Politics auch ihre Kehrseite hat – sie vertieft die Gräben zwischen der Ukraine im Moment der Verunsicherung und einem russischen Regime, das sein Dominanzgebaren gerade in der Verletzung von ukrainischem und internationalem Recht auslebt.

Ukraine-Exkursion Dnipropetrovsk Alma Mater

Kehren wir noch einmal zur Augenarbeit zurück. Inwieweit kann es ihr gelingen, abstrakte und großräumige Phänomene zu erfassen? Mitunter ergeben sich Blicke und Perspektiven, die mehr vermitteln als Textbücher, auf deren begriffliche Schärfungen ich dennoch nicht verzichten möchte. Etwa in der Rektoratsetage in der siebten Etage der Universität von Dnipropetrovsk. Wir gehen durch eine Art Gedenkflur, laut Überschrift verneigt sich die Alma Mater tief vor ihren Helden. Wer sind die Helden? Es sind besondere Absolventen der Staatlichen Universität Dnipropetrovsk. Links hinten etwa dreißig „Helden der Sowjetunion“, gegenüber zehn „Helden der Ukraine“. Links vorne ebenfalls etwa dreißig Gefallene der Schlacht von Dnipropetrovsk im Großen Vaterländischen Krieg. Rechts vorne: sechs Gefallene des Jahres 2014, getötet zwischen Lugansk und Mariupol. Die ukrainische Identität marschiert voran.

Ukraine-Exkursion Fahne Saporoschje

 

(1) Schlögel, Karl, 2015: Entscheidung in Kiew. München: Hanser.

(2) Jaeger, Friedrich / Liebsch, Burkhard (Hrsg.), 2011: Handbuch der Kulturwissenschaften. Band 1: Grundlagen und Schlüsselbegriffe. Stuttgart/Weimar: J.B. Metzler.

(3) Straub, Jürgen, 2011: Identität. In: Jaeger/Liebsch, Handbuch der Kulturwissenschaften (Band 1), S. 280.

(4) Niethammer, Lutz, 2000: Kollektive Identität. Heimliche Quellen einer unheimlichen Konjunktur. Reinbek: rororo, S. 625.

(5) Straub, Jürgen, 2011: Identität. In: Jaeger/Liebsch, Handbuch der Kulturwissenschaften (Band 1), S. 290.

(6) Wilson, Andrew, 2009: Ukrainians. The Unexpected Nation. Princeton: Yale University Press.

(7) Straub, Jürgen, 2011: Identität. In: Jaeger/Liebsch, Handbuch der Kulturwissenschaften (Band 1), S. 296.

(8) Ricoeur, Paul, 1996 (1990): Das Selbst als ein Anderer. München: Fink

Ein Gedanke zu “Versuch eines Zwischenfazits: ukrainische Identität im Moment der Verunsicherung

  1. Pingback: Auftakt zur Exkursion 2016 | viadrina goes ukraine

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s