Der Ukraine-Konflikt – ein Generationskonflikt?

Von Christian Hörbelt

Auf die Frage, ob man mehr Ukrainisch oder Russisch spreche, reagieren die meisten gelassen. Ja, man spreche ukrainisch, aber russisch ist die Alltagssprache – und das weiterhin in vielen Bereichen des öffentlichen und privaten Lebens: Egal ob es in Kiew, Dnepropetrovsk oder Odessa war (siehe mehr dazu in Lisa Dreßlers Reportage). Die Konfliktlinie, die sich in der Ukraine aufzeigt, ist nicht gebunden an die Sprache (siehe dazu Ukraine-Analysen 152 und 156), wie man es im Westen missverstehen könnte – sie ist vielmehr eine Generationenfrage.

Zwar identifizieren sich relativ mehr Ukrainer, die auch ukrainisch sprechen, mit ihrer Nation als Russischsprachige oder Bilinguale, doch zeigt sich die Konfliktlinie zwischen den Generationen: wenn man den alten Ukrainern zuhört, die darauf pochen, wie gut die Sowjet-Zeit gewesen sei. Die Ukraine ist nicht nur geographisch janusköpfig: die junge Generation, vor allem im Westen, blickt nach Europa, wohingegen die Alten, vor allem im Osten und Süden, nach Mütterchen Russland blicken, in die Vergangenheit der glorreichen Sowjetunion. Es wird in die Zukunft geblickt, festhaltend am Alten, in der Hoffnung, die Vergangenheit mitzuziehen in eine europäische Zukunft. Was die Ukraine durchlebt, kann als Auftakt der Ent-Sowjetifizierung gesehen werden, der in einem Generationskonflikt mündet, vollends entflammt durch die russischen Aggressionen im Osten des Landes. Beide Seiten mögen ihre Berechtigung haben, aber wie sollte man dort eine Lösung finden? Kann es was Neues im Alten geben?

Aleksandr Varuschko und die guten alten Sowjet-Zeiten

Wenn man mit Sowjet-Nostalgikern wie Aleksandr Varuschko aus der derzeitigen Frontstadt Dnipropetrowsk (hier ein interessantes Stadtporträt von Jonas Eichhorn) spricht, dem Vorsitzenden des Vereins OKEAN „Offene Konföderation der europäischen und asiatischen Völker“, blickt man in ein Stück glorreiche Vergangenheit. Für westliche Ohren zeichnet der 56-jährige eine Welt nach, die  es so nie gegeben hat, völlig überspitzt, aber mit viel Liebe zum Detail: Wenn man ihm zuhört, ist es mehr ein Wunsch nach der alten Würde, die im neuen Zeitalter ihren Glanz verliert. Wie bei einem Gang durch ein Museum werden die vergangenen Errungenschaften vorgeführt: „Wir haben die besten Satelliten gebaut, Dnipropetrowsk war die Raketenschmiede und unsere Wissenschaftler waren einige der besten. Wir haben das alles geschafft“, schwellt Aleksandr in alten Zeiten. Die Alten, die Sowjet-Nostalgiker: Sie fühlen sich als Verlierer in einer Weltordnung, die nicht mehr den guten Sowjetmenschen fordert, sondern das freie Individuum. Es ist die Angst zu begreifen, dass das alte Weltbild ein falsches gewesen sein mag – eine große Lüge, die alle sich immer wieder als Wahrheit ausgegeben haben. Der Selbstbetrug hatte System. Man muss einfach nur daran glauben, ganz fest, dann erfüllt sich der Traum einer sozialistischen Gesellschaft. Doch auch in allen seinen Schwachpunkten war das Sowjet-System als Gedankenkonstrukt gemütlich, selbsterklärend, gab Sicherheit und Hoffnung – jedes Individuum hatte seinen Platz, der einem vorgegeben wurde. Die Folgen der katastrophalen Wandlung in den 1990er Jahren werden –  aus westlicher Sicht – richtig erkannt: „Das Machtsystem der Oligarchen zersetzt den ukrainischen Staat und unterdrückt das ukrainische Volk. Wir müssen das jetzt endlich beenden.“ Die Lösung für viele Alte ist die Rückkehr zum Sowjet-System – und nicht zur westlichen Ordnung, wo Europa ein Beispiel sein könnte. Für viele ist es eine Glaubensfrage, die sich in ihrem Weltbild rational anfühlt, trotz aller Widersprüche, trotz all den alten Lügen. Aleksandr möchte mit allen Seiten zusammen arbeiten: „Wir wollen Frieden mit allen Völkern. Wir wollen eine freie Ukraine.“

Vadim Schebanov und der Kampf das Alte abzuschütteln

Die etwas jüngere Generation sieht es anders, will einen Wandel. Als ein Vertreter kann hier der 46-jährige Vadim Schebanov genannt werden, Mitarbeiter der Stadtverwaltung in Dniprepotrowsk und ehemaliger stellvertrender Gouverneur der Oblast – somit ein ehemaliger Zuarbeiter des Oligarchen Ihor Kolomojskyj, eines umstrittenen Multimillionärs und Oligarchen aus der Region. Vadim kandidiert bei den diesjährigen Kommunalwahlen als Bürgermeisterkandidat. Seine Konkurrenten sind mächtiger, einflussreicher und vor allem – finanziell reicher. Der derzeitige Bürgermeister, Anatoly Krupski, dem zahlreiche Korruptionsaffären und Misswirtschaften vorgeworfen werden, wird wohl erneut das Rennen machen. Vadim wettert gegen die Oligarchen und fordert einen radikalen Wandel, der das alte System hinweg fegen soll. Er fordert vor allem eine Reform im Parteiensystem und eine nachhaltige Steuerreform: „Seit zehn Jahren stelle ich allen Leuten, egal ob Ukrainer oder Ausländern, dieselbe Frage: Wie viel zahlen Sie an Steuern?“, sagt Vadim und erklärt, dass in der Ukraine über 90 Prozent der Bevölkerung nicht wissen würde, wie viel sie an Steuern zahlen. Generell, so Vadim, sei die Bevölkerung dem Staat gegenüber sehr misstrauisch und fordere dabei immer nur ein: „Hier fragt niemand: Was kann ich für den Staat Ukraine tun? Hier ist immer nur die Frage: Was kann der Staat Ukraine für mich tun?“. Vadim ist schon längere Zeit aktiv, nicht erst seit den Ereignissen um den Maidan. Er meint, seit dem Maidan seien die Ukrainer aufgewacht: „Wir müssen uns endlich von den Russen loslösen. Auch die Oligarchen müssen verstehen, dass sie auf das Volk hören müssen“, so Vadim, der nun jetzt auch ein Gewehr daheim hat, dass er einst während der „Revolution der Würde“ kaufte, jederzeit bereit, erneut zu kämpfen.

Ein Mit- oder ein Gegeneinander der  Generationen?

Dr. Egorova Elena Vitalievna, Dozentin am Lehrstuhl der Geschichte und politischen Theorie der Nationalen Bergbauuniversität in Dnipropetrowsk, sieht ganz klar einen Generationskonflikt, weniger einen sprachlichen. „Es gibt drei Generationen, die derzeit eine Rolle im Konflikt spielen. Die jüngere, die nur den freien ukrainischen Staat kennt, von 15-35 Jahren. Die mittlere Genration von 35-60, die den Wandel der Ukraine nach 1991 entscheidend mitgeprägt hat. Und die alte Generation ab 60, die völlig im Sowjet-System sozialisiert wurde.“ Es herrsche vor allem ein Konflikt zwischen der jüngeren und der alten Generation, so ihre Konklusion. Das wird auch immer wieder deutlich im persönlichen Gespräch mit den Menschen in der Ukraine.

Beide, Alkesandr Varuschko und Vadim Schebanov, sind überzeugt von ihren Weltbildern. Für Außenstehende mögen ihre Worte zum Teil verwirrend bis verstörend sein. Der eine sieht in Russland weiterhin einen natürlichen Slawen-Freund, der andere den größten Feind und Unterdrücker. Die eine Seite will das Vergangene nicht vergessen, die andere erprobt einen radikalen Wandel. Wie soll man solchen Menschen begegnen, die überzeugt sind, für die gerechte Sache zu kämpfen, aber einander vorbeireden?

Was soll man machen? Oder: Was tun?

Die Ukrainer, egal ob in West oder Ost, sprechen vielleicht nicht dieselbe Sprache, aber sie wollen das gleiche. Nur beide Generationen zusammen können die Ukraine zum besseren wandeln. Beide Seiten müssen wieder aufeinander zugehen, zuhören, versuchen zu verstehen und sich bewusst werden: Es geht um die Ukraine, nicht um das, was war, sondern um das, was sein wird – und vor allem um das, was jetzt ist. Die Ukrainer werden dabei immer stärker aktiv. Als ein Indikator kann die weiterhin hohe Zahl von NGOs genannt werden, hier als Beispiel die Initiative „Neuer Rechenschaftsbericht“ in Odessa, die Flüchtlinge Hilfe zur Selbsthilfe gibt, ihnen so einen neuen Start in die Gesellschaft und Berufsleben ermöglicht (mehr dazu im Blog-Eintrag A New Start in Odessa). Ernüchternd ist der Blick auf die Parteien, die noch immer mehr Projekte von reichen Einzelpersonen sind, ohne Bindung an eine Ideologie. Dementsprechend niedrig war auch die Wahlbeteiligung laut OPORA – und wird sie auch in der kommenden Kommunalwahl im Herbst 2015 sein, vor allem unter den Jüngeren.

Sollten der Westen und die neue ukrainische Generation mit Arroganz reagieren, den Alten und Sowjet-Nostalgikern das neue System aufzwingen? Nein, man muss in einen Dialog eintreten, auch wenn man nicht denselben Lösungsweg hat, sucht man doch dasselbe Ergebnis: Frieden, Sicherheit und das private Glück. Die westlichen Staaten würden klug handeln, wenn sie beide Seiten versöhnen, statt weiter spalten. Auch wenn man sich aus seiner Wertehaltung heraus im Recht sieht, heißt es nicht, dass man auch Recht bekommt.

Links:

https://www.facebook.com/vadim.shebanov

http://dniprorada.gov.ua/zastupniki-miskogo-golovi

https://viadrinagoesukraine.wordpress.com/2015/10/13/konflikt-oder-toleranz-zur-rolle-der-sprache-in-der-ukraine/#more-383

http://2487813.vkrugudrusey.ru/

https://www.youtube.com/watch?v=PdtNUrEuCJQ

https://de.wikipedia.org/wiki/Ihor_Kolomojskyj

http://www.cvk.gov.ua/vnd_2012_en/

http://map.oporaua.org/rezultaty-viboriv

http://www.kas.de/ukraine/de/publications/39315/

http://www.laender-analysen.de/ukraine/archiv.php

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