Konflikt oder Toleranz? – Zur Rolle der Sprache in der Ukraine.

von Lisa Dreßler

Die Ukraine ist ein zweisprachiges Land. Viele, jedoch nicht alle, Einwohner sprechen sowohl Ukrainisch als auch Russisch. Dennoch gilt seit dem Zerfall der Sowjetunion Ukrainisch als einzige offizielle Amtssprache. Bei der letzten Volkshochrechnung 2001 gaben 29,6%[1] der Bevölkerung Russisch als ihre Muttersprache an, trotz dessen laufen alle offiziellen Handlungen auf Ukrainisch ab. Wir können nur erahnen, dass dies zu Konflikten führt und wollen daher die Positionierung der Menschen zu diesem Umstand im Rahmen unserer Exkursion herausfinden.

Wir checken am Sonntag in unserem Hostel in Kiew ein. Noch während wir unsere Taschen abstellen, unterbreitete uns der Mitarbeiter (ca. Mitte 20) schon seine eigene Sicht auf die sprachliche Situation in Kiew. Seine Familie stammt aus Russland, er versteht sich als Ukrainer, Russisch und Ukrainisch sind seine Muttersprachen, er spricht beide fließend. Gibt es einen Konflikt zwischen den Sprachen? „Nein!“ sagt er – eine klare Antwort. Plötzlich erscheint die Frage nach einem Sprachenkonflikt überflüssig. Der Hostelmitarbeiter erklärt, dass er beide Sprachen nutzt, für ihn besteht kein Konflikt, die Sprachen werden nur in unterschiedlichen Kontexten genutzt, beide Sprachen werden toleriert. Er scheint von der endlosen Debatte über die Sprachen ermüdet zu sein und dabei ist eine Lösung seiner Ansicht nach gar nicht so fern. Er erklärt, dass beide Sprachen Teil des Alltags sind und dass es von der jungen Generation so akzeptiert und praktiziert wird. Im Grunde genommen ist es egal auf welcher Sprache kommuniziert wird. Die Ukraine ist schließlich nicht das einzige zweisprachige Land.

Der Konflikt zwischen den Sprachen ist also nur erdacht und trifft für die junge Generation in der modernen Weltstadt Kiew nicht zu? Die Sprache scheint nicht zwingend ein Identifikationsmerkmal zu sein, denn letztendlich ist sie nur ein Kommunikationsmittel. Schlicht und einfach oder zu schlicht?

Die Sicht einer jungen Mitarbeiterin der Mohyla Akademie in Kiew widerspricht dieser Idee der sorglosen Zweisprachigkeit. Für sie ist die sprachliche Situation in der Ukraine und speziell in Kiew komplexer. Sie selbst stammt aus dem Westen der Ukraine, aus Lemberg. Ihre Muttersprache ist Ukrainisch, Russisch spricht sie fließend. Dennoch achtet sie darauf in Kiew nur Ukrainisch zu sprechen, um einen eigenen Beitrag zur Stärkung der ukrainischen Sprache in der Hauptstadt zu leisten. Auch sie betont, dass beide Sprachen toleriert werden. Trotz dessen sollte Ukrainisch die einzige Amtssprache bleiben und Russisch höchstens auf regionaler Ebene den Status einer Amtssprache erlangen. Sie äußert die Sorge, dass bei einer Einführung der Russischen Sprache als offizielle Amtssprache die ukrainische Sprache untergehen könne. Grund zur Sorge ist angebracht – dies belegt sie mit dem weißrussischen Beispiel, wo anscheinend die einheimische Sprache bereits vom Russischen abgelöst wurde.

Aus diesem Gespräch wurde deutlich, dass es keineswegs egal ist, welche Sprache in welchem Ausmaß gesprochen wird. Von der russischen Sprache scheint eine Bedrohung auszugehen, gegen die die ukrainische Sprache verteidigt werden muss. Um den Verlust des Ukrainischen zu verhindern, spielt die Stellung als einzige offizielle Amtssprachen eine wichtige Rolle.

In Odessa erfahren wir einen weiteren neuen Aspekt in der Sprachenfrage: Im Gespräch mit einer Deutschlehrerin und Journalisten wird deutlich, dass die Sprachen auch ein direktes Abgrenzungsmittel sind. Die Lehrerin an einer Sprachdiplomschule erzählt uns, dass ihre Muttersprache Russisch ist, Ukrainisch spricht sie fließend, aber nicht genauso gut wie Russisch. Im Ausland spricht sie dennoch nur Ukrainisch, um nicht gefragt zu werden, ob sie aus Russland kommt.

Es wird deutlich, dass die Gesprächspartnerin ihre Identität mit der Sprache verbindet und der Sprachwechsel Ausdruck des eigenen Zugehörigkeitsgefühls ist. An diesem Punkt ist die Sprache ein konkretes Mittel um die eigene Haltung zu äußern.

Professor Krivoshein von der Staatlichen Universität Dnipropetrovsk bietet uns in seinem Vortrag eine vollkommen neue Sicht auf die Sprachenfrage, in dem er die Wichtigkeit der russischen Sprache betont. Er beobachtete in den Jahren seit der Unabhängigkeit der Ukraine eine Zunahme der Zweisprachigkeit und die Wahrnehmung der Zweisprachigkeit als Verbindungselement in der Gesellschaft. Anhand einiger Umfragen verdeutlichte er, dass in zweisprachigen Familien die Verwendung der russischen Sprache deutlich höher ist. Zudem gibt es reichlich Gründe für den Unterlass der aktiven Nutzung der ukrainischen Sprache. Dazu zählen der Einfluss der Umgebung, Angst vor der Veränderung der eigenen Persönlichkeit, geringes Prestige der ukrainischen Sprache, Fehlen einer ukrainischsprachigen Umgebung sowie die fehlende Notwendigkeit Ukrainisch zu lernen. Für den Raum Dnipropetrowsk geht aus dem Vortrag hervor, dass die ukrainische Sprache vor allem durch den Schulunterricht verbreitet, jedoch nur wenig aktiv genutzt wird. Russisch behält seine Position als meistgesprochene Sprache in dieser Region, daran änderte auch die ukrainische Amtssprache nichts.

Die Tage in der Ukraine sind nun fast um, die zahlreichen Eindrücke bleiben. Die Situation zwischen der russischen und der ukrainischen Sprache ist kompliziert und wird von den Menschen von Region zu Region anders wahrgenommen. Zusammenfassend ist zusagen, dass es keine gemeinsame Sicht auf die Sprachenfrage gibt. Es ist nicht mal möglich von zwei unterschiedlichen Haltungen auszugehen, stattdessen trafen wir auf eine Vielzahl verschiedener Ansichten. Unsere Gespräche in der Ukraine konnten nicht Klarheit in diese komplizierte Problematik bringen. Es wurde jedoch die Brisanz und Komplexität des Themas deutlich. Die Frage nach der Rolle der ukrainischen und russischen Sprache wird uns daher auch weiterhin begleiten.

[1] http://2001.ukrcensus.gov.ua/eng/results/general/language/

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  1. Pingback: Der Ukraine-Konflikt – ein Generationskonflikt? | viadrina goes ukraine

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