Sojwetisches Museum neu entdeckt: das Hotel Kooperator in Kiew

Kiew, 6.10.2015

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Während sich die Studierenden mit Mitteln der Kulturwissenschaftlichen Fakultät im „Mini-Hostel“ eingerichtet haben, hat es die Natschal’niks der Exkursion in das Hotel „Kooperator“ verschlagen. Für diesen Teil bezahlt die Konrad-Adenauer-Stiftung, denn die Haushaltssperre der Viadrina sieht derzeit keine Finanzierung von Dienstreisen vor. Danke an dieser Stelle den Adenauer-Freunden: dieses eine Mal ist es nicht Eurer Finanzminister Schuld gewesen – unserer war’s!

Ob aber die Entourage von Wolfgang Schäuble im Hotel Kooperator absteigen würde? Der günstige Preis von €25,- pro Nacht wäre ein Pro-Argument. Der christdemokratische Klassenstandpunkt dagegen spräche eher dagegen. Denn im Hotel Kooperator lebt, Östliche Partnerschaft hin oder her, der Kommunismus fort. Beziehungsweise dasjenige, das sich bei westeuropäischen Besuchern davon manifestiert: der sowjetische Habitus der ungezielten Langeweile. Das Hotel Kooperatur ist ein Museum der spätsozialistischen Entschleunigung.

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Es beginnt in der Lobby. Das Hotelpersonal sitzt biopolitisch unberührt auf einem Sofa in L-Form und starrt auf Smartphones. Hinter den Tresen bewegt sich die Dame links im Bild, sobald die Viadrina-Literaturwissenschaftlerin Christa Ebert (Bildmitte) ihren Pass gefunden hat. Nach einer gewissen Zeit also beginnt eine langwierige Registrierung. Gut, auch in anderen Hotels muss man manchmal die Pässe zeigen. Aber warum werden die Passnummern per Hand in große karierte Hefte der Marke Drucksache anno 1964 eingetragen? Müssen auch die übrigen Daten noch einmal übertragen werden, nachdem man doch schon alles in das bereitliegende Formular schreiben musste? Und wozu dient das geheimnisvolle Zerteilen der Formulare mittels langer Lineale?

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Da das ganze, wie gesagt, etwas dauert, bleibt Zeit für die Besichtigung der Lobby. Der obligatorische Fernseher steht am unteren Ende eines Regals mit einer beeindruckenden Pokalsammlung. Wofür die Auszeichnungen verliehen wurden, verraten die zahlreichen Urkunden leider nur unzureichend. Viele erste Plätze jedenfalls und überall das Gelb-Blau der Ukraine. Vergeben wurden die Pokale und Auszeichnungsbänder in den letzten Jahren. Nicht zu sowjetischen Zeiten also, sondern in den Jahren seit der Unabhängigkeit der Ukraine.

Auch der Fernseher trällert auf ukrainisch. Ich frage nach, ob es auch 22 Monate nach dem Euromaidan und nach der schlimmen Gesetzgebung zur Geschichtspolitik vom Mai 2015 noch russischsprachige Nachrichten gebe. „Molodoj Tschelowek, bei den Nachrichten hören wir sowieso nicht zu. Man kann doch niemandem mehr glauben heutzutage.“ Die russisch-ukrainische Sprachfrage wird im Hotel Kooperator pragmatisch gelöst.

Am Zimmer gibt es wenig auszusetzen. Feiner, aber nicht mehr taufrischer Samt ziert die Überdecke. Selbstverständlich in karminrot. Der Teppich ist von jener kurzgeknüpften Sorte, die mit den Jahren immer weniger erkennen lässt, ob die Flecken auf Rotwein oder ein vorgeplantes Muster zurückgehen. Der Schrank? Nun, warum soll man den Rucksack überhaupt auspacken, wenn man nur zwei Nächte bleibt? Die Handtücher sind weiß und gefallen mir. Die handschriftliche Markierung „KOOP“ repräsentiert angenehme Vieldeutigkeit. Der Kühlschrank ist wirklich sehr groß, leer und brummt. Raus mit dem Stecker! Ich wüsste sowieso nicht, was ich hineinlegen sollte.

Während die Zimmereinrichtung ein wenig aus der Zeit gefallen wirkt, präsentiert ein Faltblatt die offenbar nagelneue Sauna. 50 Grivnja, das sind zwei Euro, kostet der Spaß pro Stunde. Ich versuche Jan Wielgohs, meinen erprobten Exkursionsbegleiter, zu einem Besuch zu überreden. Er verweist auf das Exkursionsprogramm und meint, dafür bleibe keine Zeit. Wo er recht hat, hat er recht.

Die Zeit im Hotel und in der Stadt vergeht wie im Flug. Schon ist der Tag der Weiterreise nach Odessa da. Zeit für ein letztes Frühstück. Die Stolowaja des Hotels könnte auch ein Ausstellungsobjekt in einer Kunstgalerie in Berlin-Mitte sein. Mir kommt es vor wie ein Akt raffinierter Geschichtspolitik. Graupen, Kascha, gekochte Zunge, grüne Tomaten, unverderbliches Graubrot – alles da! Als ich ein Foto machen will, werde ich allerdings abgewiesen. Im Grunde wie in jedem Museum. „Hier gibt es nichts zu fotografieren“.

Derart abgewiesen entscheide ich mich für einen „Kaffee Americano“ in der benachbarten „Schokoladnitsya“. Die dort zu findende westliche Auslegeware der Sorte Muffin&Bagel wird von Kellnerinnen serviert, die sich vom Personal im Hotel Kooperator ganz deutlich unterscheiden. Weniger gelangweilt, dafür im Hire-and-Fire-Regime der Ukrainehilfe des IWF. Hier finde ich das Lächeln, das mir die Rezeptionistinnen im Hotel partout nicht schenken wollten.

Nachdenklich gehe ich zurück in die Hotellobby, in der ich mein Gepäck bis zum Abend aufgebe. Der Portier gibt mir ein Kärtchen mit der Nummer 23, auf dessen Rückseite eine kleine Reklame für das Hotel gedruckt ist.

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Sieht der abgebildete Hotelportier nicht aus wie der weißrussische Präsident Aleksandr Lukaschenko? Der, nebenbei gesagt, in den letzten Monaten zu einem der beliebtesten Politiker in der Ukraine aufgestiegen ist? Sein Gesicht auf der Reklame des Hotel Kooperator erscheint mir folgerichtig. Ist Lukaschenko nicht auch eine Art Museumsvorsteher?

Man möge mich nicht falsch verstehen. Ein Leben im Museum, das geht nicht. Es führt nur dazu, dass man zur Wachsfigur wird, siehe Lukaschenko oder Udo Lindenberg. Und doch steht das Hotel Kooperator für ein Refugium. Eine Art Schutzraum, in dem Kundenfreundlichkeit und Selbstoptimierung keinen Platz haben. Ein paar Tage lang lässt es sich dort gut ausruhen.

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