Braucht die Ukraine eine nationale Identität?

Die öffentliche Wahrnehmung der politischen Entwicklung in der Ukraine bleibt durch Waffenbrüder und Wirtschaftsbarone geprägt. Erstere gönnen sich derzeit eine Verschnaufpause. Letztere, auch Präsident Petro Poroschenko, warten den richtigen Zeitpunkt für die Entflechtung von ökonomischer und politischer Macht noch ab – und wer weiß, ob dieser Zeitpunkt jemals kommen wird. An den beiden wichtigsten Fronten erscheinen die Aussichten der Ukraine gemischt und, wie eigentlich immer seit der Unabhängigkeit, unsicher.

Die Masse der Bevölkerung besitzt wenig Kontrolle darüber, wie sich Militärstrategen und Oligarchen verhalten. Wenn es in der Ukraine in den letzten 25 Jahren einen Grund zum Optimismus gegeben hat, dann ist er in der Gesellschaft auszumachen. Trotz beispielloser Ausbeutung durch die Eliten, obwohl die Ukraine im Ausland kaum Anerkennung findet und trotz latent auseinander treibender Regionen im Inneren präsentiert sie sich erstaunlich stabil. Es kränkt den westlichen Beobachter, wenn sich angesichts der widrigen Umstände nicht größere soziale Unruhen und ausufernder Radikalismus besichtigen lassen. Weswegen es auch nicht an Versuchen fehlt, beides herbeizureden.

Ein Feld, in dem (wissenschaftliche) Erwartungen und oberflächliche Beobachtungen nicht recht zueinander finden, besteht in der Welt des Russischen innerhalb der Ukraine. „Russkij Mir“ – die „russische Welt“ wird nicht nur wörtlich übersetzt. „Mir“ bedeutet nicht nur „Frieden“, sondern auch „Gemeinschaft“. Genauer: Dem semantischen „Frieden“ wurde im 19. Jahrhundert eine reale und imaginierte „Gemeinschaft“ beigemischt, die das Russische an die vermeintliche Friedlichkeit des harmonischen Dorf- und Kleinstadtlebens banden.

Dass dem triadischen Narrativ von Russland, Frieden und Gemeinschaftlichkeit ein gehöriger Grad an Idealismus und auch Heuchelei zueigen ist, wissen wir seit langem. Iwan Turgenjew („Aufzeichnungen eines Jägers“) und Iwan Bunin, der erste russische Träger des Literaturnobelpreises, haben darüber geschrieben. Und derzeit leben es die Freischärler in Donezk und Lugansk tagtäglich vor. Es geschieht mit unübersehbarer Unterstützung durch den Kreml‘ und führt dem Rest Europas vor Augen, dass Frieden aus der Sicht des russischen Staates jedenfalls kein Konzept ist, das dem nahen Ausland zugestanden wird.

Kann sich dann jedoch im Süden und Osten der Ukraine eine Gemeinschaft entwickeln, die die eigenen Wurzeln nicht verleugnen muss? Kann es eine Symbiose zwischen Ukrainischem und Russischem geben? Die Fragen verweisen darauf, dass die Nationen- und Nationalismusforschung dauerhafte Mischidentitäten als etwas latent Instabiles ansieht. Sicher, es gibt sie, die multiethnischen Staaten, etwa die Schweiz, Belgien oder Kanada. Sie werden indes häufig als historische Glücksfälle angesehen, die auf Vorbedingungen beruhen, die in der Ukraine wahrscheinlich nicht gegeben sind.

Ist es überhaupt sinnvoll, Gemeinschaftsbildung im Nationalen zu suchen – so wie es derzeit die politischen Eliten tun? (Ironischerweise ermöglicht durch die aggressive Politik Putins, „den größten Sponsor des ukrainischen Patriotismus“) Und wie es auch wir Sozialwissenschaftler tun, indem wir einem nicht ganz verstandenen Phänomen sicherheitshalber eine aus anderem Kontext bekannte Kategorie zuordnen? Galt nicht doch zumindest noch bis vor kurzem, dass ein großer Teil Europas gerade der Überwindung des Nationalstaats entgegen strebt oder dies – aus normativen und pragmatischen Gründen – tun sollte? Warum wird für die Ukraine etwas als gut befunden, das schon wenige hundert Kilometer weiter westlich von großen Teilen der Öffentlichkeit als Relikt der Vergangenheit angesehen wird?

Mit diesen Fragen fahren wir nun zum zweiten Mal nach der Maidan-Revolution in die Ukraine. Außer nach Kiew diesmal nach Odessa und Dnipropetrowsk. In zwei Städte, in denen mehrheitlich russisch gesprochen wird. Die Idee, die Exkursion in diesem Jahr der Lebenslage und den Ansichten von Russen und Russischsprachigen in diesem sprachlich und ethnisch so heterogenen Land zu widmen, kam uns 2014 in Charkiw (oder sollten wir Charkow sagen?).

Als wir 2014 in Charkiw/Charkow waren, war gerade Wahlkampf. Alle „Maidan-Parteien“, die die dort ebenfalls überwiegend russisch sprechenden Wähler dazu gewinnen wollten, ihre Kandidaten in die Rada zu wählen, versuchten das mit ukrainischsprachigen Plakaten. Die Meinungen, die wir dazu hörten, waren geteilt. Einige Aktiven meinten, das sei völlig okay, schließlich lebe man ja in der (bedrohten) Ukraine, in der die meisten Menschen ohnehin beide Sprachen verstehen. Aber einige teilten auch unsere Auffassung, dass dies nicht gerade Ausdruck eines starken Bemühens sei, skeptische Bürger zu überzeugen.

Dass die Wahlbeteiligung hier wie auch in den Gebieten Dnipropetrowsk und Odessa noch deutlich unter dem ohnehin niedrigen Durchschnitt (51,2 Prozent) lag und der Oppositionelle Block, der als einzige größere Allianz seine Werbung auf Russisch plakatiert hatte, die stärkste Partei in den Gebieten Charkiw und Dnipropetrowsk wurde, lag vielleicht nicht hauptsächlich an der Sprachen- und Identitätsfrage. Es deutet aber auch nicht gerade darauf hin, dass sich die Strategie der Maidan-Parteien als erfolgreich erwiesen hätte. Zwar glauben etliche ernstzunehmende Intellektuelle, in den letzten Jahren in der ukrainischen Gesellschaft die Herausbildung einer zivilen bzw. staatsbürgerlichen nationalen Identität zu beobachten. Doch von anderen, ebenso seriösen, Beobachtern auch das Gegenteil zu vernehmen. Wie man es dreht und wendet: Wie sich die Ukraine politisch und gesellschaftlich entwickeln wird, ist höchst ungewiss. Die politischen Praktiken sind schwer zu greifen, Effekte kaum vorherzusehen. Das liegt nicht zuletzt auch daran, dass die Instrumente der Sozialwissenschaft sich als unzureichend erweisen.

Diese Lücke ist schmerzlich. Wir brauchen mehr Ukraine-Versteher.

Timm Beichelt, Jan Wielgohs

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