Das Lachen der spielenden Kinder

Anderthalb Jahre nach dem Maidan-Aufstand in Kiew ist von der nationalen Euphorie immer weniger zu spüren. Während die entsprechende Symbolik aus dem Stadtzentrum langsam verschwindet, entwickelt sich Wiktor Janukowitschs Anwesen Meschyhirja zu einem beliebten Ausflugsziel.

Das Areal wurde kurz nach dessen Flucht aus Kiew im Februar 2014 von Maidan-Anhängern besetzt und zu einem „Museum der Korruption“ erklärt. Die Aktivisten fanden in einem See auf dem Anwesen um die 200 Ordner mit Dokumenten, die nach und nach geordnet, gescannt und online gestellt wurden. Heute lassen sie sich unter http://yanukovychleaks.org/documents einsehen.

Monströser Biedermeier: Die finnische Blockhütte.

Der politische Anspruch des Ortes, sein Empörungs- und Mobilisierungspotential ist inzwischen einer routinierten touristischen Nutzung gewichen. Zu den üblichen patriotischen Devotionalien, wie Putin-Toilettenpapier und Dreizack Anhängern gesellen sich Imbissbuden mit Piroggen – Kraut- oder Fleischfüllung wahlweise.

Die ehemalige Staatsresidenz selbst lässt sich für 50 Hrywnja, etwa zwei Euro, besichtigen. Sie wirkt wie ein Sammelsurium Janukowitschs privater Vorlieben. Gewundene Wege führen durch einen englischen Garten von einer finnischen Blockhütte, groß wie Schloss, zu einer Bootsanlegestelle für ein Hausboot mit goldenen Ankern. Auf dessen Außenluke prangt noch immer die Versiegelung der ukrainischen Polizei.

Volle Fahrt voraus! Janukowitschs Hausboot

In einem privaten Zoo finden sich Wildschweine, Straße, Pfauen und Hirsche – allesamt jag-, oder essbare Tiere, daneben blüht ein Obstgarten. Das scheinbar wahllose Nebeneinander von Stilen und Hobbys, zu viel für einen einzelnen Menschen, spiegelt die Sammelleidenschaft der um den Oligarchen versammelten Elite wider. Zu deren Privatbesitz gehörten Bergwerke, Flughäfen, Banken und Medienunternehmen. Aber auch die Partei der Regionen.

Die Stimmung der Besucher erscheint Angesichts der bizarren Mischung aus mafiosem Kitsch und riesenhaftem Biedermeier ausgelassen. Reihenweise lassen sich Braut und Bräutigam vor den überdimensionierten Gebäuden fotografieren, kullern kleine Kinder die sanften Hügel einer sorgfältig gemähten Wiese herunter, während die Sonne ein freundliches Spätsommerlicht spendiert. Bei angenehmen 25 Grad sind die Strapazen des Maidan, die schlaflosen Nächte, die verschleppte Aufklärung der Schießerei mit einhundert Todesopfern, das Ausharren in der eisigen Kälte, weit entfernt.

Anderswo ist die Lage umso bedenklicher. Das Land steht angesichts einer schrumpfenden Wirtschaft, der Abhängigkeit von externen Kreditgebern und von ihnen verordneter harter Wirtschaftsreformen vor immensen sozialen Problemen. Die Anhebung von Energie- und Lebensmittelpreisen, sowie die Senkung von Sozialausgaben und Renten, aber auch die Privatisierung von Staatsbetrieben stehen den ursprünglichen Forderungen vieler Maidan-Anhänger diametral entgegen. Das zweite Minsker Abkommen, das die Bürgerkriegsparteien im Osten voneinander trennen soll, hält erst seit ein paar Wochen. Das Parlament steht vor der schwierigen Aufgabe einerseits gemäß des Vertrages größere Autonomie für die Gebiete um Donezk und Luhansk zu beschließen, andererseits aber streng nationalistische politische Kräfte zu besänftigen. Diese hatten sich Ende August als Reaktion auf diese Forderung heftige Straßenschlachten mit der Polizei geliefert. Ein Polizist starb dabei durch die Explosion einer Handgranate.

Meschyhirja steht symbolisch für die nicht eingelösten Versprechen der Revolution: Nur hier fand die Korruption ein Ende, verdeckte Geschäfte gelangten an die Öffentlichkeit und der zusammengeraffte Privatbesitz des korrupten Präsidenten ist der Allgemeinheit zugänglich. Außerhalb dieses Biotops sind Parlamentarier nach wie vor käuflich und die Macht liegt bei einer Elite von Oligarchen.

Petro Poroschenko als deren aktueller Vertreter sollte eigentlich ein solides Interesse daran haben, diese moderater und gemeinwohlverträglicher auszuüben als sein Vorgänger. Ansonsten könnte auch sein Wohnsitz mittelfristig das Ziel von Hochzeitspaaren und spielenden Kindern werden.

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