Ukrainer und Russen: Zahlen und Fragen

In den Räumen der Open Society Foundation in Kiev hat uns am 23. Oktober die prominente Soziologin Iryna Bekeshkina von der Democratic Initiatives Foundation Befragungsbefunde über die Einstellungen der ukrainischen Bevölkerung zu diversen aktuellen politischen Konfliktthemen vorgestellt – Identifikation mit der ukrainischen Nation, der eigenen Region oder der Sowjetunion, Einheitsstaat versus Dezentralisierung versus Föderalisierung, EU- und Nato-Mitgliedschaft der Ukraine, Präferenz für den künftigen Status der eigenen Region als herkömmlicher Teil der Ukraine, ukrainische Region mit starker Autonomie, eigenständiger Staat oder Teil der Russischen Föderation. Die Daten waren zumeist regional differenziert und zeigten (neben vielen anderen interessanten Befunden), dass selbst im Dobass nur eine Minderheit der Bürger von 42 Prozent eine Sezession der Region von der Ukraine befürwortet (darunter 16 % einen Anschluss an Russland). Und unter den Einwohnern Russlands plädiert auch nur eine  Minderheit von 20 Prozent für eine Eingliederung des Donbass in die  RF, so die Befunde des renommierten Moskauer Levada-Zentrums, mit dem die Bekeshkina zusammenarbeitet (40 Prozent der russischen Probanden sprachen sich allerdings für eine staatliche Eigenständigkeit des Donbass aus).

Für mich war der bemerkenswerteste Befund der, dass trotz des Krieges und der allgegenwärtigen und völlig nachvollziehbaren Putin-Feindlichkeit immerhin noch ca. die Hälfte der Ukrainer eine positive Haltung zu „Russen“ (russischen Menschen, nicht „Russland“ oder dem russischen Staat oder Regime) bekunden. Dieser Befund scheint mir im Kontrast zu stehen zu dem Eindruck, den ich von der Rhetorik der meisten ukrainischen Politiker und Aktivisten habe, in der nämlich eine solche Differenzierung zwischen Russen als Menschen, Russland oder Putin kaum noch auszumachen ist.  Allerdings haben sich, was mir auch nachvollziehbar erscheint, die wechselseitigen Einstellungen im Jahr 2014 drastisch verschlechtert – von einem Bevölkerungsanteil der Ukrainer mit positiver Einstellung zu Russen von 90 Prozent Ende 2013 auf ca. 50 Prozent im September 2014, und von einem Bevölkerungsanteil der Russen (in Russland) mit positiver Einstellung zu Ukrainern von 60 bis 75 Prozent in den vergangenen Jahren auf nunmehr 30 Prozent.

Der Rückgang auf Seiten der Ukrainer scheint mir plausibel angesichts der aggressiven Politik des russischen Staates und der aggressiven antirussischen Rhetorik der ukrainischen Verteidigungspropaganda. Aber wieso hat sich auf Seiten der russischen Bevölkerung die Haltung zu Ukrainern so schnell und drastisch verschlechtert? Für viele ukrainische und westliche Beobachter scheint die Antwort klar: die Russen sind Opfer der Propaganda des Putin-Regimes. Das mag großen Teils durchaus der Fall sein, wirft aber die schwierige und keineswegs triviale Frage auf, wieso die Mehrheit der russischen Bevölkerung plötzlich der Propaganda des Staates glaubt. Weder in der Sowjetunion der Breschnew-Zeit nach in der Jelzin-Ära hat die Bevölkerungsmehrheit der politischen Klasse getraut, und sie hat deren Propaganda ignoriert oder mit politischen Witzen quittiert. Warum also scheint sie jetzt der Propaganda zu glauben? Dmytro Shulgar, Direktor des Europaprogramms der ukrainischen Open Society Foundation erklärte das hauptsächlich damit, dass die russische Propaganda inzwischen so professionell und versiert geworden ist, dass sie die (großenteils kulturell rückständige) Bevölkerungsmehrheit, die mangels Alternativen auf das Staatsfernsehen angewiesen sei, glaubhaft und wirksam zu manipulieren vermag.

Auch dafür könnte durchaus einiges sprechen. Und dennoch scheint mir die Argumentation, auch wenn ich selbst keine solide begründete Antwort habe, zu kurz gegriffen. Anders als einige (nicht nur ukrainische) Kollegen möchte ich meine Vermutungen nicht als selbstverständliche oder offensichtliche Wahrheiten verkaufen, aber es scheint mir plausibel, zumindest darüber nachzudenken, ob die derzeitige staatliche Propaganda in Russland nicht überhaupt nur deshalb erfolgreich sein (also als glaubhaft angenommen werden) kann, weil sie von einem Regime kommt, welches den meisten Russen zum ersten Mal seit mehr als 30 Jahren wieder die Erfahrung von deutlicher Verbesserung ihrer Lebenslage gebracht hat und sich deshalb vergleichsweise hoher öffentlicher Akzeptanz erfreut. Das würde die gewachsene Anfälligkeit breiter Bevölkerungskreise für propagandistische Manipulationen keineswegs erfreulicher machen, aber vielleicht etwas verständlicher.

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