Long live excursionism

So. Die ersten drei Tage haben wir hinter uns. In Kiew insgesamt neun Termine – bei einer deutschen politischen Stiftung, mit Wissenschaftlern, mit Aktivisten des Maidan, mit zwei zukünftigen Abgeordneten der Werchowna Rada, bei der EU-Delegation und der deutschen Botschaft sowie mit einem politischen Berater des „Oppositionellen Blocks“. Was war am Auffälligsten, vielleicht am Überraschendsten?Erstens der allgegenwärtige Umgestaltungsoptimismus des Maidan-Lagers. Er ist vor dem Hintergrund einer Furcht vor dem Wiederaufleben des „tiefen“ Korruptionsstaates zu sehen, für den der geflüchtete Viktor Janukovych und mit ihm die ebenfalls untergegangene Partei der Regionen stehen. Die alten Eliten finden im dominanten Diskurs kaum noch statt, ebenso wenig im Kiewer Wahlkampf. Die Oligarchen haben die Seiten gewechselt. Die Opposition zum Maidan wird am ehesten von Oleh Lyashko repräsentiert, einem Spaßvogel à la Beppo Grillo, der mit dem Spruch wirbt „Die Ukraine beginnt mit einer Kuh“. Was auf den ersten Blick irgendwie lustig ist, birgt mittelfristig Gefahren. Derjenige ukrainische Gesprächspartner, der anmahnte, den bevorstehenden Umbau des Staatswesens sozialverträglich zu betreiben, war Oleg Voloshyn, der ehemalige Sprecher des Außenministers im Janukovych-Regime. Werden die Kräfte aus dem Feuer des Maidan die Kraft oder überhaupt den Willen aufbringen, die Bevölkerung gerade der östlichen Ukraine beim Neuaufbau mitzunehmen?

ukraine wahlkampf

Wahlkampfplakat: Premierminister/Pilot 

Zweitens ein recht kruder Nationalismus. Jasna hat es schon beschrieben („Fuck off Putin“): Ein führendes Mitglied der Jugendorganisation der Klitschko-Partei UDAR hat uns freimütig mitgeteilt, er wäre bereit, ein Monatsgehalt zu spenden, um einen Killer für Vladimir Putin anzuheuern. Na toll. Hier hilft bei der Einordnung nicht einmal weiter, dass es sich um die Schwesterorganisation der Jungen Union handelt. Außerdem: Das Maidan-Lager hat sich vielleicht nicht nur gegen Putin vereint, sondern in Ansätzen auch gegen die russische Bevölkerung. Daten zu einem rapiden Misstrauensanstieg gegenüber Russen lieferte uns die bekannte Soziologin Iryna Bekeshkina, heute Direktorin der Democratic Initiatives Foundation (http://dif.org.ua/en/index.htm). Noch sind wir nicht bei Zuständen wie im ehemaligen Jugoslawien, das bekanntlich ebenfalls aus Brüdervölkern bestand, bevor es in Flammen aufging. Rauchwolken sind jedoch nicht nur am Flughafen von Donezk zu sehen.

Drittens: die Ukraine im Umbruch. Hier gibt es wirklich einen großen Unterschied zu Russland und Belarus mit ihren verlogenen, durch Nepotismus und Repression gestützten Botex-Eliten. Wo im übrigen postsowjetischen Raum überwiegend passive Bevölkerungen ihre Machthaber gewähren lassen, steht in der Ukraine Herrschaftskritik hoch im Kurs. Der Maidan als „Revolution der Würde“ ist keine Erfindung heißblütiger Nationalisten, sondern spiegelt das Empfinden der breiten Bevölkerung wieder. Selbst Kostgänger des alten Regimes wie der oben erwähnte Oleg Voloshyn wollen auf einmal dabei gewesen sein.

Auf der symbolischen Ebene finden sich unzählbare Umdeutungen. Blaugelbe Flaggen, die noch vor wenigen Monaten vom Russland-affinen Janukovych-Lager hochgehalten wurden, stehen heute für nationale Unabhängigkeit und Aufbruch. Das mit Oligarchengeld gebaute Fußballstadion in Donezk wird zum Opfer von Mörsergranaten – wohl abgeschossen von Separatisten, die der lokale Platzhirsch Rinat Achmetow vermutlich selbst in die Region gerufen hat. Überall im Land wurden Lenin-Statuen abgebaut; dieser Prozess wird – z.B. in Charkiw – von Bürgerrunden kontrovers diskutiert. Das öffentliche Gedächtnis um die Opfer des Maidan wird aufs Engste mit Plänen zum Abschütteln alter Machtstrukturen verknüpft. Dass mit der EU-Assoziierung ausgerechnet ein technokratisches Modernisierungsmodell der Weisheit letzter Schluss sein soll – sei’s drum. Im Augenblick kommt es auf die ersten Schritte an.

ukraine eu-delegation

 Mondän ist er nicht, Vorplatz vor der EU-Delegation.

Viertens: Exkursionen als Lernform sind einfach gut. Selten habe ich so intensiv über ein Phänomen – die gesellschaftliche und politische Dynamik eines zentralen europäischen Landes – nachgedacht wie hier. Immer wieder fruchtbare Kreuz- und Quer-Gespräche. Auch jenseits des Programms treffen wir auf inspirierende Gesprächspartner; die Stadt füllt sich vor den Wahlen mit OSZE-Beobachtern und Zeitungskorrespondenten. Der verbale Austausch wird ergänzt durch vereinzeltes Nachlesen und das Nachjustieren des Programms – wir brauchen mehr Oppositionelle, mit denen wir reden können! Der Blog spielt eine wichtige Rolle. Sogar im Jazzclub, zwischen Bier, Gin-Tonic und Bratwurstplatte, werden die Einträge angefertigt. Und zwischendurch, noch während wir den letzten Beitrag diskutieren, bedankt sich Leas Vater über die Kommentarfunktion. Toll! Das Flanieren als Erkenntnismodus ist überbewertet – es lebe das Exkursionieren.

ukraine bloggen im club

Bloggen im ArtClub 44 (Auf der Bühne: Nicholas Tym)

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