Alexander Filonenkos Maidan oder wie ein alter Zyniker Hoffnung in der Ukraine fand

Auf unserer Reise haben wir die verschiedensten Versionen des Maidan gehört. Sei es die Einführung von Prof. Minakov aus der Sicht eines politischen Philosophen, die zögerlichen Worte einer Studentin, die uns anhand der verschiedenen Schauplätzen eine Perspektive vortrug, welche sich wahrscheinlich aus Berichten von Freunden und Medienberichterstattung zusammensetzte oder die Sicht des deutschen Wissenschaftlers Härtel, welcher seit drei Jahren in Kyiv lebt und die Entwicklung seit her verfolgt. Die für mich jedoch eindrücklichste Schilderung ist dabei jedoch unbestritten die von Alexander Filonenko.

Wir scheinen Alexander Filonenkos Erwartungen nicht ganz zu entsprechen, als wir ihn am gestrigen Mittag in den Räumlichkeiten der KAS treffen. Er war nicht ganz darauf gefasst, dass wir uns vor allem mit dem Aspekt der Emotionen im derzeitigen ukrainischen Konflikt befassen. Nichtsdestotrotz stellt er sich kurzer Hand darauf ein und beginnt, nach einer kurzen Anmerkung zu seiner fachlichen Verortung, die Schilderung seiner Erlebnisse.

Er spricht dabei vollkommen frei und ohne jegliche Unterstützung von Bildern. Die braucht es aber auch gar nicht. Filonenko spricht mitreißend. Die Schilderungen seiner Schlüsselerlebnisse bebildert er mit kleinen Anekdoten aus seinem Leben,  die so fast wie Kurzfilme vor dem inneren Auge erscheinen. Dazu reflektiert er seine Gefühle in den erlebten Situationen und diese Selbst stets auf einer allgemeineren, abstrakteren Ebene. Auf diese sehr angenehme Weise lässt er uns an seiner ukrainischen Geschichte teilhaben.

Diese Geschichte beginnt im Winter 2004, als Filonenko gerade im Ausland ist. Er lehrt an der Universität in Cambridge, als in der Ukraine im Jahr 2004 die Orangene Revolution ausbricht.

Filonenko, welcher zuvor nicht einmal wirklich die Absicht hatte zurück zu kehren, berichtet: „Plötzlich habe ich festgestellt, dass ich Ukrainer bin. Das war interessant für mich.“ Er bemerkt hier zum ersten Mal, welche Entwicklung er in den vergangenen 15 Jahren durchlebt hat: Weg von einem Repräsentanten der Russischen Kultur im ukrainischen Grenzgebiet, hin zu einem Menschen, der die Ukraine als seine Heimat betrachtet.

Diese Interesse an der Entwicklung der eigenen Identität übersetzt sich hier für ihn jedoch nicht in ein Interesse an der Politik. Dies sollte erst mit dem zweiten einschneidenden Moment in Filonenkos Geschichte geschehen.

Der Maidan

Dieser vollzog sich im Winter 2013. Es kommt keinesfalls wie ein einziger Schlag für Filonenko, vielmehr scheint sich die Tragweite, die das Ereignisses in seinem Leben und in der Geschichte der Ukraine haben sollte, langsam anzubahnen.

Die ersten Studentenproteste auf dem Maidan verfolgt er nur zögerlich. Für ihn hat das Verhalten des Präsidenten nichts überraschendes, es interessiert ihn nicht. Er fühlt sich an die Tage der Sowjetzeit erinnert und erwartet keine bemerkenswerten Änderungen oder Ereignisse. Er widmet sich der Angelegenheit also nicht weiter und verlässt stattdessen das Land um an einer Konferenz in Sibirien teilzunehmen.

Doch diese passive Rolle, welche er zu dieser Zeit einnimmt, soll sich schlagartig ändern, als mehrere Demonstranten am Median brutal zusammen geschlagen werden. Er bekommt Mitleidsbekundungen ohne genau zu wissen, was eigentlich genau vorgefallen war. Filonenko glaubt, dass dies das vorläufige Ende der Proteste ist, sein Mitreisender Freund aus Kyiv, welcher bisher bei jedem Maidan dabei war, gibt jedoch nur den verschwörerischen Satz „Wir müssen den Sonntag abwarten.“ von sich.

Und tatsächlich, der Sonntag hält Bilder bereit, welche Folonenko als „eine der beeindruckendsten Szenen, die ich in meinem Leben gesehen habe“ beschreibt. 100 000 Menschen versammeln sich am Maidan. Eine Zahl, die in der Ukraine bis dato bei Protesten nicht erreicht wurde. Annähernde Zahlen wurden bisher nur durch Bezahlung der Demonstranten erreicht, erzählt er uns mit einem Schmunzeln.

Den Maidan mit eigenen Augen sehen

Zu seiner großen Überraschung zerschlägt sich diese Masse an protestierenden Menschen nicht. Ungläubig und überrascht verfolgt er einen ganzen Vormittag das Geschehen in einer Live-Übertragung und betrachtet mit Verwunderung und Entzückung die Gesichter eines ihm bis dahin verborgenen Volkes. Er kann sich diesem Anblick den ganzen Tag über nicht entziehen, immer mit der festen Überzeugung, dass diese Leute am Abend nicht mehr da sein würden. In seinem Kopf schwirrt konstant die Frage: Wann wird der Maidan geräumt? Doch dazu kommt es nicht.

Dieses Erlebnis, eine Gesellschaft gesehen zu haben, die in einer großen, friedlichen Gesicht zeigt und damit einen ganzen Tag überlebt ohne jegliche Restriktion von Staatsseiten zu ernten bewegt Filonenko so tief, dass sich sein Interesse nun doch voll und ganz auf diese neue Entwicklung fokussiert hat.

Dieses Interesse wird weiter gestärkt, als an Neujahr Demonstrierende eine Weihnachtsansprache an den Präsidenten halten und nicht umgekehrt, wie es die Tradition vorsieht. Das Video geht viral und wird von weit mehr Zuschauern geschaut, als das offizielle Video des Präsidenten. Filonenko sieht, dass nicht nur er dieses neue Volk gesehen hat, sondern auch viele andere im Land. Der Maidan ist nicht länger nur Sache der Kyiver, sondern wächst zu einem nationalen Ausmaß an.

Filonenkos erhöhtes Interesse ist nun so stark, das er aktiv werden muss. Er begibt sich mit seinem Sohn nach Kyiv und betritt diesen von außen gefährlich wirkenden, „angsteinflößende Siedlung“, wie er es beschreibt, und wird abermals überrascht: Sobald sie sich den Massen anschließen, fühlen sie sich frei. Die Wucht dieser mitreißenden Emotion fasziniert ihn. Es zeigt sich ihm ein Bild der Situation. Zu den vom ihm zusammengetragen Fakten der Situation auf dem Maidan kommt nun die persönlich empfundene Emotion der Freiheit, die sein Bild vom Maidan schließlich vervollständigen.

Eine neue Gesellschaft

In den Ereignissen des Maidans sieht Filonenko die Geburt einer neuen Gesellschaft. Dies ist eine Gesellschaft, die ihn in ihrer Geduld und ihrer Unerschrockenheit überrascht. Die Komponente der Geduld erscheint ihm dabei als eine der wichtigsten Eigenschaften dieser wachsenden Gesellschaft, da sie für ihn den Ausgangspunkt für weitere Eigenschaften darstellt. So zitiert er den Apostel Paulus „Wir prahlen mit unserem Leid, weil aus dem Leid wird die Geduld geboren, aus der Geduld die Erfahrung, aus der Erfahrung die Hoffnung“.

Diese Hoffnung sieht Filonenko als den großen Vorteil, den die ukrainische Bevölkerung  derzeit gegenüber der Russischen hat.

2 Gedanken zu “Alexander Filonenkos Maidan oder wie ein alter Zyniker Hoffnung in der Ukraine fand

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