Zwei Gesichter des Patriotismus – ein kritisches Fazit

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Am letzten Tag unserer Studienreise in die Ukraine versuche ich mich an einer kritischen Reflexion über die Realisierbarkeit eines mitfühlenden und von Liebe getragenen Patriotismus in Zeiten des Krieges. Basierend auf den vielen Eindrücken und Gesprächen, die wir sammeln und führen durften, komme ich zu einer gemischt-pessimistischen Einschätzung.

In Charkiw sind gelb-blaue Fahnen, gelb-blau angestrichene Kinderspielplätze und Parkbänke überall präsent. Sie markieren das Territorium der Ukraine, sind Ausdruck von Souveränität, wie uns Serhiy Zhadan berichtet. Ein Sicherheitsgefühl geht für viele Charkiwer damit einher. Und die nationale Symbolik ist auch identitätsstiftend. Sie steht für einen Patriotismus, der die Liebe zur unabhängigen Ukraine ausdrücken soll in einer Stadt, die aus nächster Nähe einen mittlerweile in Fachkreisen als „low intensity-war“ bezeichneten Krieg an der inner-ukrainischen Front erlebt – eine stetige militärische Auseinandersetzung die kontinuierlich Opfer auf beiden Seiten fordert und deren Ausmaße dennoch nicht dramatisch genug erscheinen, als dass sie auch nach mehr als drei Jahren noch den Weg in das flüchtige Bewusstsein der Weltöffentlichkeit finden.

Patriotismus und Emanzipation

An unserem letzten Tag in Charkiw hören wir im Gender Culture Center einen Vortrag zu „Gender und ukrainischem Patriotismus“, der unterstreicht, dass die so genannten anti-terroristischen Operationen im Osten der Ukraine von Anfang an aktiv von Frauen unterstützt wurden, ihnen die Anerkennung dafür aber bisher versagt bleibt. Wir sind überrascht, dass sich die Gleichberechtigung der Geschlechter gegenwärtig an der Frage des militärischen Engagements festmacht. Gleichzeitig bekommen wir durch die Geschichten über die Frauen eine Vorstellung von der Anspannung und Unsicherheit, die im Frühjahr 2014, zu Beginn der Kampfhandlungen, über der Stadt lag, wie Menschen angesichts der Gefahr einer drohenden Übernahme der Stadt durch die sogenannten Separatisten zusammenrückten, sich solidarisierten und selbst organisierten.

Wie erfahren von verschiedenen Gesprächspartnern wie eine Nachrichtenlage entstand, die die Grenzen zwischen Fiktion und Realität verwischt und kaum mehr Aufschluss darüber gibt, welche militärischen und paramilitärischen Einheiten wann und mit welchem Interessen die Ukraine in einen Krieg stürzten und teilten.

Für die Menschen bleibt die Erfahrung des Krieges. Andauernde Kampfhandlungen, Propaganda und Gegenpropaganda, persönliche Schicksale von Verlust, Flucht und Gefangenschaft lassen den Wunsch nach einer starken Nation als Projektionsfläche für die Hoffnungen auf ein selbstbestimmtes und würdevolles Leben in einer besseren und freieren Ukraine nur allzu nachvollziehbar erscheinen.

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Der Geist des Maidans, die Revolution der Würde wie sie mittlerweile genannt wird, hat den Glauben an die Nation zurückgebracht. Dort wo Patriotismus lange Zeit nur ein Begriff des rechten Milieus und man dem Staat allenfalls mit Ironie begegnete, sieht Zadan nun eine neue Ernsthaftigkeit, die Ressourcen mobilisiert hat. Und dies nährt die Hoffnung auf Frieden, Versöhnung und politische Reformen. Alexander Filonenko, Physiker und Antrophologe, der uns in Charkiw von seinen Empfindungen der Vor- und Nach-Maidan Ukraine erzählt, sieht die Politik nun im Zugzwang, sich von vergangenem Zynismus zu verabschieden und dem andauernden Abschied vom „sowjetischen Menschen“ ein positives Gegenprojekt entgegenzusetzen. Dass für viele Ukrainer dieses Gegenprojekt immer noch in einer Annäherung an die Europäischen Union liegt, zeigt sich nicht nur in der ebenfalls hohen Präsenz der EU-Flagge in Charkiw und Kiew, sondern wird selbst von Gesprächspartnern wie Anatoliy Blyznik ins Gespräch gebracht, ehemaliges Mitglied der Partei der Regionen und Gouverneur des Oblast Donezk.

Stolz schlägt Toleranz

Gleichzeitig nährt der Krieg Feindbilder. Für viele definiert sich die Liebe zum eigenen Land auch in Abgrenzung zu Russland. Denn das russische Einheiten die Separatisten im Osten der Ukraine unterstützen, ist mehr als nur eine Vermutung. Das eigene militärische Engagement, Heldengeschichten von ukrainischen Einheiten, die aushalten, Widerstand zeigen und der Rückgriff auf die nationale Geschichte verwandeln die Ohnmacht im Angesicht des Krieges in Stolz. Und diesen Stolz möchte man sich nicht mehr nehmen lassen. Die Journalisten von hromadskeTV, einem unabhängigen Medienkanal aus Kiew, der seine Geburtsstunde durch Liveübertragungen vom Maidan erlebte, berichten uns, dass sich die Voraussetzungen für kritischen und investigativen Journalismus jenseits patriotisch gefärbter Berichterstattung deutlich verschlechtert hat. Kritische Journalisten müssen damit rechnen, diskreditiert zu werden und sehen sich zunehmend öffentlichen Anfeindungen ausgesetzt. Für viele Angehörige der an der Front kämpfenden Soldaten ist eine kritische Berichterstattung gegenwärtig unerträglich. Anastasiya Stanko, Chefredakteurin bei hromadskeTV, musste nach einem Überfall im Sommer dieses Jahres zum ersten Mal eine Recherche aus Sorge um die eigene Sicherheit einstellen.

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Auch andere Bemerkungen lassen uns aufhorchen. Serhiy Zhadan erklärt uns, dass „Toleranz“ in patriotischen Kreisen mittlerweile eine negative Färbung hat – ebenso wie der Begriff „Demokratie“ in separatistischen Kreisen auf der anderen Seite der Front. In Charkiw, aber auch im Visual Culture Research Center in Kiew, wird berichtet, dass Ausstellungen und Publikationen, die Gender-Fragen, Sexualität und andere gesellschaftskritische Themen behandeln, von rechten Schlägertrupps gestört oder sogar zerstört werden. Auf der Suche nach aktuellen Berichten zur Lage von LGBT-Organisationen in Charkiw stoße ich auf ein Video das zeigt, wie der Versuch einer Demonstration von LGBT-Aktivisten gewaltsam unterbunden wird, nur wenige Tage nachdem in Kiew der diesjährige Eurovision Songcontest unter dem Motto „Celebrating Diversity“ stattfand. Der Patriotismus schafft auch Raum für rechtsextreme Kräfte.

Der schmale Grat des Patriotismus

Für das Zukunftsprojekt Ukraine, das sich Alexander Filonenko vorstellt, bedarf es „Namen, Personen und Stimmen“, ein Gespräch über Versöhnung das die Frage beantwortet, was wichtiger ist als der Krieg. Seine Hoffnungen ruhen auf der jungen Generation, der Generation seines Sohnes, die als Studenten während des Maidans als erste auf die Straße gingen und allein schon aufgrund ihres Alters von der sowjetischen Geschichte befreit sind. Das Potenzial für einen emanzipierten, gestaltungsorientierten und an einer starken Zivilgesellschaft interessierten Patriotismus ist also vorhanden.

Doch demgegenüber steht das, was die Ukraine schon seit geraumer Zeit belastet: ein schwacher Staat, ökonomische Interessen und eine populistische Politik, die unter dem Appell an den Patriotismus im Angesicht des Krieges neue Sprach- und Gefühlsregeln setzt und den für die Reformfähigkeit des Landes und den Aufbau eines Zukunftsprojekts so dringend benötigten Diskurs und die offene Auseinandersetzung verhindert.

Für beide unterschiedlich motivierten Ausprägungen von Patriotismus haben wir in den vergangenen Tagen Anhaltspunkte gesehen und wir dürfen somit gespannt sein, welche dieser Eindrücke sich auf zukünftigen Viadrina goes Ukraine-Studienreisen bestätigen oder relativieren werden.

Ein Gedanke zu “Zwei Gesichter des Patriotismus – ein kritisches Fazit

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