Kunst und Korruption Teil II – Die Ausstellung

Wir hatten zugegebenermaßen nicht viel Zeit, um die kleine, aber feine Ausstellung „Grey Cube – The Art of Corruption“ zu begutachten, zu der Matthias bereits einen vorbereitenden Blogeintrag geschrieben hatte. In den zwei Räumen des Visual Culture Research Centre wurden eine Fotoserie und mehrere Videoinstallationen gezeigt, die sich auf unterschiedliche Weise dem Thema der Korruption in Politik und Gesellschaft widmeten. Vordergründig wurden ukrainische Fälle behandelt, wie das ausschweifende Leben des geflohenen Ex-Präsidenten oder der gescheiterte Versuch, eine Brücke über den Dnepr zu bauen, deren Grundgerüst nun von der jungen Generation als postapokalyptisch anmutender Abenteuerspielplatz, aber keineswegs für den Verkehr genutzt wird.

Über die von Oleksiy Radynskis Werken bespielte Leinwand flimmern Bilder von Bauruinen, von Wladimir Klitschko, der den deutschen Verkehrsminister Alexander Dobrindt empfängt, von Freeclimbern und Skatern auf dem Gerippe der nicht fertig gestellten „Podilsky Metro Bridge“, von nach Bespaßung lechzenden internationalen Musikfans, die zu Zeiten des Eurovision 2017 Songcontest zu Hunderten an mit weißer Folie verhangenen Baustellen vorbei ziehen. Zwischendurch immer wieder Hubschrauber, die hochrangige Gäste von einem Ort zum anderen transportieren, Polizisten, die über die Straßen wachen. Ohne Musik und ohne Kommentar präsentieren sich zusammengeschnittene Szenen, die durch ihren stillen Bezug zueinander eine Bildwelt entwickeln, die stets auch darauf verweisen soll, in welchem Kontext Korruption erst in dem Ausmaß ermöglicht wird, wie es in der Ukraine herrschte und vielleicht immer noch herrscht: Den globalen Kapitalismus.

„Two short video works look at the relationship between colonialism and corruption. In the current neocolonial perspective, the problem of corruption is usually described either as regionally specific, or culturally determined (characteristic for ‚Eastern mentality‘ oder ‚post-Soviet condition‘). This perspective obscures the fundamental affinity between corruption and global capitalism that concieves, enhances and enables dubious economic practices.“ (Auszug aus dem Programmheft)

An der Wand gegenüber sind die Fotografien von Oleksandr Burlaka zunächst nur verschwommen zu erkennen – eine Mauer aus halbtransparentem Plexiglas schirmt die Bilder von uns neugierigen Betrachtern ab. Durch einige in die Mauer gebohrte Löcher kann man mit Mühe einen Blick auf die Fotos erhaschen, die Alltagsszenen zu zeigen scheinen. Auffällig: Immer hat irgendwer auf den Bildern ein Handy oder eine Kamera gezückt, um Videos oder Fotos in Richtung des Fotografen, das heißt Richtung den Betrachter der Fotos in der Ausstellung, zu machen. Die Intransparenz hat Löcher bekommen, könnte man sagen. Die Menschen auf den Fotos werfen nun erste Blicke hinein – wohinein, klärt sich einige Meter weiter. Denn dort hebt sich der Vorhang, hinter dem die politischen Machthaber früher ihre Geschäfte abwickelten und sich an ihrem Reichtum berauschten, im wahrsten Sinne des Wortes. Hinter einem grünen Schleier, der einem wegschwebenden Stück der Plastikmauer nachempfunden ist, tauchen Bilder der luxuriösen Residenz des Ex-Präsidenten auf, die geschossen wurden, kurz nachdem er geflohen war.

Was also ist „die Kunst der Korruption“? Sie liegt vor allem dahin, die eigenen Machenschaften zu verschleiern. Den Menschen keinen Einblick in die eigenen Räumlichkeiten oder Bankaccounts zu verschaffen. Und notfalls eben die hässlichen Resultate, die in der Ukraine in Form von Bauruinen sichtbar sind, für Großevents abzuhängen. Viel dramatischer als Bauruinen sind jedoch die Folgen, die nicht auf den ersten Blick zu erkennen sind, die alltäglichen Scharmützel, und die Perzeption dieses Zustandes als eine Form von „Normalität“. Normalität wiederum führt zu Gewohnheit. Diese gilt es, immer wieder zu durchbrechen.

Zum Beispiel künstlerisch. Die Organisatoren der Ausstellung erklären uns später im Gespräch, dass es ihr Anspruch ist, eine Plattform für kritische Positionen zu schaffen, die sich mit aktuellen und wichtigen Probleme auseinandersetzen. Eine Plattform, die Raum für Dialog schafft und die Kraft entfaltet, den Diskurs mit zu gestalten. Und vor allem eine, die nicht einfach so geschlossen werden kann. So geschehen in der Vergangenheit. Mit den Worten „This is not art, this is shit“ beendete Serhiy Kvit, Präsident der Mohyla Akademie, 2012 die Ausstellung „Ukrainian Body“, welche ebenfalls vom Visual Culture Research Centre organisiert wurde, nach nur drei Tagen. Seitdem nutzen sie ihre eigenen Räume und nicht mehr die der Mohyla Akademie. Doch auch insgesamt haben es ihre Positionen schwer – der Feminismus passt den Ultranationalisten nicht. Hatespeech erreiche sie häufig und auch Angriffe auf der Straße vor der Universität habe es schon gegeben. Auch kapitalismuskritische Positionen, die sich in der Tradition des Marxismus sehen, hätten einen schweren Stand. Diese würden ausschließlich mit der sehr negativ aufgefassten sowjetischen Vergangenheit zusammengedacht, mit dem Wunsch nach Restauration der Sowjetunion gleichgesetzt. Man kann jedenfalls nicht behaupten, dass die Projekte des Visual Culture Research Centres keine Emotionen freisetzen würden. Bei der thematischen Grundmelodie unserer Exkursion angelangt, könnte man in Bezug auf „Grey Cube – The Art of Corruption“ folgendes schließen: Wo Korruption aufgedeckt wird, herrschen Wut, Aggression und vielleicht auch Ohnmacht. Wo sie behandelt wird, zum Beispiel künstlerisch, kann noch ein weiteres Gefühl entstehen, wie Matthias einwirft: Empowerment.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s