Der Homo emotionalis und kognitive Verzerrungen nach Daniel Kahneman

Foto_BarEs ist ein lauer Herbstabend in Kiew und die Menschen flanieren durch die Straßen. Viele kehren in einer Kneipe ein, machen neue Bekanntschaften und trinken dazu ein Bier. Aber zwei Menschen werden sich sicherlich nicht begegnen an diesem Abend: Der homo oeconomicus und der homo emotionalis. Das liegt zum einen daran, dass es sich bei ihnen lediglich um fiktive Charaktere handelt, die auf Prämissen der Wirtschaftswissenschaft bzw. der Emotionsforschung basieren, aber es gibt auch noch andere Gründe für dieses verpasste Rendezvous.

Der homo emotionalis war nämlich (mal wieder) verliebt und tief in seine Liebeslogik gekehrt, lief er an einer Bar vorbei, die eine komplett rot angestrichene Front hatte. „Rot! Was für eine herrliche Farbe! So warm und kraftvoll – wie meine frische Liebe.“ Er ignorierte die Karte und die auf einer Tafel angeschriebenen Preise. Denn die Eingangstür war aus dunkelbraunem Eichenholz. Genau wie die Tür zur Wohnung seines geliebten Menschen. Daraus schlussfolgerte der homo emotionalis, dass sich hinter dunkelbraunen Eichenholztüren liebevolle Menschen befinden würden. Ihm war – im Gegensatz zu allen in Statistik geschulten Sozialwissenschaftlern – leider unbekannt, dass Korrelation nicht mit Kausalität gleichgesetzt werden kann.

Den homo oeconomicus verschlug es hingegen in eine ganz andere Bar. Er tat auch an diesem Abend das, was er am besten konnte: Seinen Nutzen maximieren. Sein Chef hatte heute in der Teeküche von seiner Stammkneipe erzählt, die wohl ein hervorragendes Bier servieren würde, und der homo oeconomicus hoffte, ihn dort anzutreffen. Er wollte endlich die Schwelle vom Beruflichen zum Privaten überwinden, um die nächste Sprosse auf der Karriereleiter zu erklimmen. Hinzu kam, dass die Bar fußläufig von seiner Wohnung entfernt war. So konnte er sich das Geld für ein Taxi sparen. Falls er nach dem zweiten Bier auf ein anderes Getränk umsteigen wollte, hatte die Bar zudem einen exzellenten Rotwein im Angebot. Der homo oeconomicus hatte – wie immer – alle Optionen überprüft.

Genauso unterschiedlich wie homo oeconomicus und homo emotionalis in dieser Geschichte sind die ihnen zugrundeliegenden Konzepte von Rationalität bzw. Emotionen.

Rationalität und Emotion in der Geschichte der politischen Theorie

Das Verständnis von Rationalität in der Wirtschaftswissenschaft basiert auf dem Prinzip der Nutzenmaximierung. Dazu müssen Handlungsalternativen bekannt sein und konsistent geordnet werden. In der politischen Ideengeschichte wird Rationalität oft mit dem normativ besetzten Begriff ‚Vernunft‘ gleichgesetzt. Dieser Vernunftbegriff steht beispielsweise bei Platon und Aristoteles für ein am Gemeinwohl orientiertes Handeln der Menschen.

Emotionen und ihre Konsequenzen für das menschliche Handeln tauchen jedoch ebenfalls früh in der politischen Theorie auf. Platon führte das philosophische Konzept des Thymos ein, das eine der drei Grundmotivationen des Menschen darstellt. Thymos ist das emotionale Bedürfnis von anderen Menschen anerkannt zu werden und spaltet sich in Isothymia, das Bedürfnis, als gleich anerkannt zu werden und Megalothymia, das Bedürfnis, als überlegen anerkannt zu werden. Auch die Idee des Emotionenmanagements lässt sich laut Heidenreich (2012:13) bis zu Platon und Aristoteles zurückverfolgen. So ging Aristoteles davon aus, dass die Rhetorik in der Politik dazu diente, gewisse Stimmungen herzustellen oder zu dämpfen.

Dennoch entsteht bei der Verfolgung der Geschichte der politischen Theorie der Eindruck, dass die Einhegung von Affekten und Leidenschaften Grundvoraussetzung für das friedliche Zusammenleben von Menschen ist (Rüb 2015:160). Die Rationalität stand also in der normativen Hierarchie weiter oben als die ungebändigte Emotion. Ein Beispiel hierfür bietet der Vertragstheoretiker Hobbes. Die emotionalen Menschen sind im Naturzustand eine Gefahr für einander und unterwerfen sich deshalb freiwillig einem Gesellschaftsvertrag, obwohl sie dafür ihre Freiheit aufgeben müssen.

Aber das Blatt hat sich gewendet. Heute ist es eine gängige Praxis, dass sich Regierungen auf der ganzen Welt Teams aus Psychologen, Psychiatern und Anthropologen zusammenstellen, um den Einfluss von Emotionen auf das politische Handeln zu erforschen und zu planen (vgl. Nudging). Emotionen werden auch in der politikwissenschaftlichen Forschung nicht mehr zwangsläufig als etwas Negatives angesehen, das es möglichst zu bändigen gilt. Darüber hinaus wird Emotionen auch eine gewisse Rationalität anerkannt, da sie beispielsweise nach Martha Nussbaums Verständnis gerichtet sind und somit zur Erreichung gewisser Ziele dienen.

Bounded rationality und kognitive Verzerrungen nach Daniel Kahneman

Herbert Simon hat den Begriff der „bounded rationality“ geprägt. Demnach ist das begrenzt rationale Verhalten einerseits durch die Absicht der Nutzenmaximierung geprägt, unterliegt jedoch andererseits bestimmten Einschränkungen. Diese bestehen aus begrenzten kognitiven Fähigkeiten und dem Rückgriff auf Heuristiken. Der Psychologe Daniel Kahneman erklärt in seinem populärwissenschaftlichen Buch mit „Thinking, fast and slow“, wie diese kognitive Verzerrungen entstehen und welche Auswirkungen sie auf menschliches Handeln haben. Dazu stellt er den Lesern zwei fiktive Charaktere vor, die unterschiedliche Modi des Denkens darstellen: System 1 und System 2.

Das System 1 (schnelles Denken) arbeitet automatisch, schnell, mühelos und ohne willentliche Steuerung. Es stellt sozusagen den Autopiloten unseres Denkens dar.
System 2 (langsames Denken) lenkt hingegen die Aufmerksamkeit auf anstrengende mentale Aktivitäten. Die Operationen von System 2 haben mit dem subjektiven Erleben von Handlungsmacht, Entscheidungsfreiheit und Konzentration zu tun (Kahneman 2011: 33).

Unser Denken schaltet jedoch nur vom Autopiloten auf System 2 um, wenn es dafür einen Impuls von System 1 bekommt. Das passiert meisten, wenn etwas Unerwartetes oder Unbekanntes auftritt.
Allerdings verlässt sich System 2 auch dann auf die spontanen Eindrücke und Gefühle, die in System 1 entstanden sind: Sie sind die Hauptquellen der expliziten Überzeugungen und ‚bewussten‘ Entscheidungen von System 2. Darüber hinaus erfordern die Aktivitäten von System 2 viel Aufmerksamkeit und die englische Formulierung ‚to pay attention‘ liefert bereits einen Hinweis darauf, dass Menschen nur über ein begrenztes Aufmerksamkeitsbudget verfügen. So lässt sich beispielsweise erklären, wieso die Mehrzahl der Teilnehmer eines Experimentes den Gorilla nicht bemerkten, der über das Spielfeld eines Basketballfeldes lief, weil sie damit beschäftigt waren, die Ballwechsel zu zählen und sich dabei auf eine T-Shirt-Farbe konzentrieren mussten.

Meistens funktioniert das Zusammenspiel zwischen den beiden Systemen gut, aber es ist dennoch fehleranfällig. System 1 neigt dazu, auf Heuristiken zurückzugreifen, um sich die Arbeit zu erleichtern. Von besonderem Interesse für die Emotionenforschung sind die sogenannten Affektheuristiken, die beispielsweise erklären, warum der homo emotionalis, versunken in seine Liebeslogik, die rote Bar ausgewählt hat. Darüber hinaus können Affektheuristiken auch erklären, wie es zu scheinbar unauflösbaren politischen Konflikten und Auseinandersetzungen kommen kann. Deshalb stellt der homo emotionalis eine nützliche Prämisse zur Analyse der aktuellen Situation in der Ukraine dar.

siehe dazu auch:

Heidenreich, Felix (2012): Versuch eines Überblicks. Politische Theorie und Emotionen. In: Felix Heidenreich und Gary S. Schaal (Hg.): Politische Theorie und Emotionen. Baden-Baden: Nomos, S. 9–27.

Kahneman, Daniel (2011): Thinking, Fast and Slow. New York: Penguin.

Rüb, Friedbert W. (2015): Emotionen und Politik: Wie emotionslos kann und soll politisches Entscheiden sein? In: Karl-Rudolf Korte (Hg.): Emotionen und Politik. Begründungen, Konzeptionen und Praxisfelder einer politikwissenschaftlichen Emotionsforschung. 1. Aufl. Baden-Baden: Nomos, S. 155–186.

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