Schlaglichter auf die Erinnerung

Auch gute zwei Wochen nach unserer Exkursion durch die Ukraine hat uns das Erlebte noch nicht ganz losgelassen. Marie-Thérèse Schreiber fasst ihre Eindrücke und Gedanken über das Aufkeimen einer neuen Identität in einem ethnisch, kulturell und sprachlich heterogenen Land zusammen. Karoline Winter betrachtet all das Paradoxe und Ambivalente, was ihr auf der Reise begegnete. Und Sophie Falsini lässt ihr Bauchgefühl für sich sprechen.

Schlaglichter auf die ukrainische Identität

von Marie-Thérèse Schreiber

„Identität ist die Basis menschlichen Handelns, aber nicht dessen alleiniges Ziel. Das Ziel ist, ganz pragmatisch, ein gutes Leben.“

Mit diesen zwei Sätzen lässt sich gut zusammenfassen, was wir während der Exkursion zur schwierigen Frage nach der ukrainischen Identität gelernt haben – auch wenn das nicht das Hauptthema unserer diesjährigen Reise darstellte. Von unserem zentraleuropäischen, wissenschaftlichen Standpunkt aus ist diese Frage dennoch fortwährend einer der bedeutendsten Erkenntnisgegenstände, wenn es um die Ukraine geht. Welche Merkmale werden für die neue nationale Identität des Landes nach dem Euromaidan wesentlich sein? Wird sich ein radikaler Nationalismus herausbilden, der nicht nur einige wenige, sondern das ganze Land erfasst? Ist der ukrainische Nationalismus vergleichbar mit dem in anderen europäischen Staaten…?

Die Leute vor Ort sehen das Ganze oft viel pragmatischer und gelassener. Eine nationale Identität herauszubilden scheint für sie nicht gerade der erste Punkt auf ihrer persönlichen Agenda zu sein. Davor steht schlichtweg, wirtschaftlich ihr Leben zu verbessern und eine politische Führung zu bekommen, der sie Vertrauen schenken können. Und dennoch: Um handeln zu können, muss man wissen, wer man ist und in welcher Situation man sich befindet. Ein Subjekt, welches sich seiner selbst und seiner konstitutiven Merkmale nicht bewusst ist, kann nicht ins Handeln kommen. Erst recht nicht in einem Handlungsmodus, der sich an Lösungen orientiert.

Ob es dafür zwangsläufig auch ein Bewusstsein bezüglich einer nationalen, kollektiven und nicht bloß persönlichen Identität bedarf, lässt sich auf die Schnelle nicht beantworten. Allerdings liegt nahe, dass das Beheben von Problemen auf gesamtstaatlicher Ebene auch ein gewisses nationales Problembewusstsein verlangt, dessen Nährboden eine Form nationaler Identität sein könnte.

Ausstellung „Tomorrow Will Be Better“ im Center for Urban History of East Central Europe in Lviv. Die Tafel am Eingang lässt verlauten: “We can see some anxiety an insecurity of the time, and we can see a sad and happy Lviv of 1990, and the faces of people and politicians who were not yet sure that a new country they had often thought about was going to rise soon.” ..Gefolgt von einem Prozess der Selbstfindung, welcher noch lange nicht abgeschlossen ist. / Foto: Marie-Thérèse Schreiber

Ausstellung „Tomorrow Will Be Better“ im Center for Urban History of East Central Europe in Lviv.
Die Tafel am Eingang lässt verlauten: “We can see some anxiety an insecurity of the time, and we can see a sad and happy Lviv of 1990, and the faces of people and politicians who were not yet sure that a new country they had often thought about was going to rise soon.” ..Gefolgt von einem Prozess der Selbstfindung, welcher noch lange nicht abgeschlossen ist. / Foto: Marie-Thérèse Schreiber

Bedingungen der Entstehung – Identität po-ukrainskij

Der heutige Ukrainische Staat ist noch sehr jung. Erst nach dem Zerfall der Sowjetunion erlangte er seine Unabhängigkeit. Nun ist die Bevölkerung im Rahmen ihrer Möglichkeiten damit beschäftigt, das Land wirtschaftlich zu erneuern, sich selbst zu definieren und in die internationale Gemeinschaft zu integrieren. Die Problematik bei der Herausbildung einer ukrainischen Identität wird dabei vor allem durch folgende Faktoren bestimmt:

I. Die komplizierte Geschichte des heutigen Territoriums, welches durch die Gebietsaufteilungen des Molotow-Ribbentrop-Paktes historisch ganz unterschiedlich gewachsene Regionen mit teilweise starkem Regionalbewusstsein vereint.

II. Die Mehrsprachigkeit, wenn dieser Aspekt wohl auch immer ein wenig überschätzt wird, was seine differenzierende Wirkung angeht, wie der Journalist und Publizist Jurij Durkot an einem unserer letzten Termine in Lviv noch einmal betonte. Entgegen der allgemeinen Wahrnehmung gäbe es nicht nur russischsprachige ethnische Russen und ukrainischsprachige ethnische Ukrainer, sondern vor allem auch russischsprachige ethnische Ukrainer. Die Gewöhnung an die Zweisprachigkeit und die Tatsache, dass das Russische auch bei sehr vielen Ukrainern die Alltagssprache ist, mildert den Sprachkonflikt ab. Dieser kann allerdings schnell wieder hochkochen, wenn sich die Ukrainer fragen, warum das Russischsprachige so dominant ist – selbst in ihren eigenen Familien – und wenn daraufhin versucht wird, das Russische aus dem Alltagsbild gewaltsam zu verdrängen. Deshalb geht Jurij Durkot davon aus, dass Sprache als Merkmal von Identitätskonflikten je nach Lage mal mehr Einfluss haben, dann aber wieder auch weniger Beachtung finden kann.

III. Das tiefgreifende Misstrauen gegenüber allen gemeinsamen staatlichen Institutionen – dieser Aspekt geriet immer wieder in unser Blickfeld, bei ganz unterschiedlichen Terminen. Alles, was mit staatlicher Macht assoziiert wird, erscheint als verräterisch und korrupt und bekommt kein Vertrauen geschenkt. Dabei sollten es gerade die staatlichen Institutionen sein, die prinzipiell so etwas wie einen einenden, identitätsstiftenden Aspekt bei allen Ukrainern hervorrufen könnten, Stichwort Verfassungspatriotismus.

IV. Die verschiedenen Erinnerungskulturen, insbesondere was die Rolle der Sowjetunion im Zweiten Weltkrieg anbelangt. Dieser Baustein war in unserem gemeinsamen Gespräch über die aktuelle Lage in der Ukraine eines der Hauptanliegen von Herrn Osatschuk, österreichischer Honorarkonsul in Czernowitz. Er geht davon aus, dass die Ideologie Putins eine direkte Folge der Glorifizierung des Großen Vaterländischen Krieges – wie der Zweite Weltkrieg in Russland genannt wird – ist. Mit ‚Putins Ideologie‘ meinte er die Denunziation als ‚faschistisch‘ von all demjenigen, was sich gegen die russischen Interessen in der Ukraine oder auch gegen Russlands Interessen allgemein richtet. Ist man kein Anhänger der Ideen der russischen Außenpolitik, ist man ein Faschist – klassisch nach dem Muster: „Wer nicht für uns ist, ist gegen uns“.

Würde man dieses Andenken jedoch demontieren oder zumindest umformulieren, würde man auch den Erfolg von Putins Ideologie schwächen. Würden die Menschen einsehen, dass Stalin und Hitler dieselbe Art von Verbrechern gewesen sind, die im Namen ihrer Ideologie Menschen massenhaft verschleppen und ermorden ließen, müsste auch die Glorifizierung des alten Russlands unter Stalin ein Ende finden und die Erkenntnis Einzug halten, dass nicht nur außerhalb Russlands böse Kräfte wohnen und walten. Dass verschiedene Erinnerungskulturen ein Problem beim Zusammenwachsen eines Landes sind, ist einleuchtend. Schließlich bedeutet die Erinnerung an Gleiches nichts weniger, als eine gemeinsame Sprache zu haben. Auch die Aufarbeitung der Geschichte der Ukraine ist daher ein entscheidender Schritt dabei, als Land einen gemeinsamen Weg zu finden. Dies dürfte jedoch tatsächlich eines der schwierigsten Unterfangen sein.

V. Das internationale Umfeld als Spannungsfeld zwischen EU-Integration und Integration in die russische Einflusssphäre: Es bringt zusätzliche Schwierigkeiten mit sich, wenn von zwei Seiten an einem gezerrt wird, obwohl man sich selbst noch nicht gefunden hat. Die Auseinandersetzung rund um die Ukraine erinnert mich in vielerlei Hinsicht an eine Situation aus dem menschlichen Umfeld: Mutter und Vater haben sich getrennt und streiten nun um die Gunst ihres fast erwachsenen Kindes. Die gemeinsame Wirtschaftszone der Eltern verhallt als Gedankenspiel am Horizont und der Spross soll sich entscheiden. Willst du nicht lieber meinen Lebensweg einschlagen? Komm, ich bezahl‘ dir auch dein Studium! Hauptsache du wirst nicht so wie dein Vater. Das Kind sitzt zwischen den Stühlen und vielleicht fängt es sogar an, seine Eltern gegeneinander auszuspielen und beiden Seiten im Tausch gegen vornehmlich monetäre Unterstützung seine Sympathie zuzusichern, wie Janukowitsch es einstweilen tat. Die Situation ist ähnlich vertrackt. Erwachsenwerden ohne Orientierung und Vorbilder ist schwierig und ja, eine Seite bedeutet in gewisser Hinsicht mehr Zukunft als die andere. Trotzdem benötigt das Kind den Freiraum, selbst darüber entscheiden zu können, wer es sein möchte. Vielleicht zeigt es ja sogar seinem Vater und seiner Mutter ihre jeweiligen Schwächen auf und entwickelt einen ganz eigenen Weg. Vielleicht lernen die Eltern auch aus dieser Auseinandersetzung und einer von beiden passt zum Beispiel seine erzieherischen Richtlinien an und gibt dem Kind zumindest den Schlüssel zu seiner Wohnung, auch wenn es nicht mit einziehen darf…

Die neue Generation

An unserem letzten gemeinsamen Tag in Lviv wurden wir zu einer Party von Studenten der Ukrainischen Katholischen Universität eingeladen, die zufällig genau für diesen Abend angesetzt war. Die meisten studierten Journalismus, einige auch Medienkommunikation. Wir hatten sie schon am Nachmittag in der Universität zu einer gemeinsamen Seminarsitzung getroffen. Da Small-Talk nicht zu meinen größten Stärken zählt, einer der Studenten aber schon eine Weile neben uns stand, überfiel ich ihn kurzerhand mit der Frage: „Sag mal, was macht für euch denn die ukrainische Identität aus?“. Im nächsten Moment tat mir die Frage schon leid. Wenn mich jemand nach unserer deutschen Identität fragen würde, würde ich denjenigen vermutlich komisch angucken (Hallo, wir sind alle Menschen, nationale Identitäten interessieren hier niemanden!) und irgendwas über Kosmopolitismus schwafeln. Er atmete tief ein und meinte, er müsse darüber kurz nachdenken. Nachdem er dann schon fünf Minuten lang schweigend an der Wand lehnte, rechnete ich nicht mehr mit einer Antwort. Doch schließlich begann er zu erzählen, lang und differenziert! Keine Suche nach historischen Ursprüngen des Ukrainischen Volkes, kein Hinweis auf den Sprachkonflikt, sondern die Überzeugung, dass dieser junge Staat gerade erst den Prozess der Selbstfindung begonnen hätte und sich aus dem Jetzt heraus eine Gestalt geben müsse. Das brauche jedoch Zeit, denn was früher war, zählt nicht mehr und soll auch nicht mehr zählen.

Ich solle ihn in zehn, zwanzig Jahren noch einmal danach fragen, doch jetzt seien sie gerade erst damit beschäftigt, sich gegenseitig kennenzulernen und ihre Identität neu „zu designen“. Die einzelnen Regionen seien sehr verschieden. Dass die Studiengruppen der Katholischen Universität bunt aus allen Teilen des Landes zusammengewürfelt sind, auch aus dem Donbass, würde ihnen dabei helfen, zusammen zu wachsen und dabei niemanden außen vor zu lassen.
Es tut gut, abseits der Lehrtexte und Experten noch einmal die Meinung der Menschen zu hören, die etwa so alt sind, wie der Staat selbst. Das ist erfrischend und birgt Grund zur Hoffnung, dass diese Generation in der Lage sein wird, ihren eigenen Weg zu gehen und das Land wesentlich voran zu bringen. Doch dass sie dabei vor großen Herausforderungen stehen, ist ihnen bewusst: „You know, bad people are holding the country down…“
Es ist drei Uhr nachts, wir sind nach den zehn Tagen ziemlich ausgezehrt und wollen ins Hotel – zum Abschied finden wir uns in einer kleinen Gruppe draußen vor der Tür wieder. Ein paar letzte Worte müssen gefunden werden. Einer der Studenten ist relativ aufgelöst, weil er bemerkt: Wir alle werden uns wohl nie wieder sehen. Nie wieder. Vermutlich hat er Recht. Was gibt man da noch an gewichtigen Worten mit? Wir wünschen ihnen von Herzen alles Gute, insbesondere im Kampf gegen die Korruption, das ist noch das einfachste und eindeutigste, was man auf die Schnelle sagen kann – die Situation ist seltsamer Weise ziemlich emotional, obwohl wir uns kaum kennen. Anna redet noch einmal eindringlich auf einen der Studenten ein: Macht eure nationale Identität nicht von dem Faktor Ethnie abhängig. Tut das auf keinen Fall. Wir wissen, was dabei herauskommen kann.


Absurde Ambivalenzen oder doch ambivalente Absurditäten?

von Karoline Winter

Absurde Ambivalenzen oder doch ambivalente Absurditäten? Ich weiß noch nicht ganz, wie ich die Erlebnisse und Eindrücke unserer Exkursion einordnen soll. Es ist nicht einfach, ein Fazit zu einer Reise durch ein riesiges Land zu ziehen, von dem wir nur einzelne Schlaglichter gesehen haben. Was jedoch als Eindruck stark haften bleibt, ist, dass es viele Paradoxien und Ambivalenzen in der Ukraine gibt, die mir teilweise absurd erscheinen.

Besonders prägnant war für mich die Kluft zwischen Armut und Reichtum. Während wir bei mehreren Terminen erfuhren, dass das Durchschnittseinkommen bei ungefähr 200$ pro Monat liegt, werden wir auf den Straßen nur so von Luxusautos, -restaurants und -hotels geblendet (Wir selbst haben in Lviv im „teuersten“ Restaurant der Stadt diniert). Dieser augenscheinliche Wohlstand wird offensichtlich nicht von allen geteilt. Ob auf 50 Jahre Sozialismus nun unweigerlich Hyper-Kapitalismus folgen kann, ist eine der Fragen, die mir im Kopf herumschwirren.

Was das Generationenverhältnis in der Ukraine angeht, frage ich mich, wie sinnvoll und wirksam es ist, die „alte“ Generation im öffentlichen Dienst einfach gegen eine Neue auszuwechseln, wenn sich die strukturellen Rahmenbedingungen nicht ändern. So lange Macht – finanziell wie politisch –  in den Händen weniger Männer und Frauen zentriert ist, erscheint es mir zweifelhaft, ob die angestrebten Reformen wirklich fruchten werden. Dennoch ist der Enthusiasmus und Aktivismus, besonders von Vertreter*innen der jüngeren Generation, mehr als inspirierend und ansteckend: hoffnungsvoll. Junge Aktivist*innen in Odessa, Chernivtsi und Lviv kämpfen also für eine bessere Ukraine. Unterdessen kämpfen tausende Kilometer weiter östlich unzählige Menschen im wahrsten Sinne des Wortes. Dass in der Ukraine Krieg herrscht, merkt man nur, wenn man genau hinhört und hinschaut – ansonsten geht das Leben in den Städten einfach weiter. Absurd?


Mein Bauch ruft laut nach der Ukraine

von Sophie Falsini

Diese Reise war für mich der Versuch, ein Land zu verstehen, von dem viele berichten, aber wenige einen richtigen Durchblick haben. Oft war ich schon in Osteuropa, trotz allem hat die Ukraine für mich neue Eindrücke wachgerufen. Das Land und seine Menschen wirken, als seien sie aus einem schlechten Traum aufgewacht und würden sich nun schnell bewegen um nicht wieder einschlafen zu müssen. Deswegen ist mein Wort zur Gegenwart in der Ukraine: Bewegung.
Ich bin von dieser Reise zwar physisch zurückgekommen, aber meine Seele steckt immer noch im Hafen von Odessa, in den dunklen Straßen in Chernovitz und in den Restaurants in Lemberg. Nächsten Monat werde ich mich wieder mit meiner Seele in Kiew vereinen, um für meine Masterarbeit zu forschen, die sich um die Binnenflüchtlinge im Land dreht. Meine Beine sind schon zappelig, mein Herz klopft schnell und mein Bauch ruft laut nach der Ukraine.

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