Żółkiew – Schowkwa – זאָלקוואַ

IMG_20190806_132218Schild vor der Einfahrt nach Zhovkva

Text: Roman Boichuk, Katarzyna Gabrysiak

Wir begeben uns in das kleine Städtchen Schowkwa, das ungefähr 14 000 Menschen beheimatet. Es galt einst als kulturelles, sowie religiöses Zentrum Galiziens, welches sich 25 km nördlich von Lwiw befindet. Am Busbahnhof werden wir von der Lehrerin und Lokalhistorikerin Natalia Hurska empfangen, die uns so dann auf eine Führung durch Schowkwa mitnimmt.

Noch vor der Gründung der Stadt existierte am linken Ufer des Flusses Swinja die Siedlung Wynnyky, die seit 1368 in Quellen erwähnt wurde. Die Geschichte von Schowkwa beginnt erst am Ende des XVI. Jahrhunderts, als der Aristokrat und Hetman Stanisław Żółkiewski beschließt eine Stadt namens Żółkiew (ukr. Жовква) am rechten Ufer des Flusses zu gründen.

Der Bau der Stadt begann 1597 und wurde von dem italienischen Architekten Pietro di Giacomo Cataneo nach dem Konzept der sogenannten „idealen Städte“ umgesetzt. Der Sinn des Konzepts bestand darin, eine „ausgewogene“ Planungsstruktur der Stadt zu schaffen, d.h. jedes architektonische Objekt wurde seiner spezifischen Platzierung im Verhältnis zum anderen zugeordnet. Daher fällt die Planung einer Stadt wie Schowkwa nicht nur durch ihre Zweckmäßigkeit auf, sondern auch durch ihre kreative Gestaltung, die im Stil der Renaissance gehalten ist. Berühmte italienische Baumeister wie Paolo de Ducato Clemencia (auch bekannt als Paul, der Glückliche), sowie Paolo Dominici (bekannt als Paul, der Römer) beteiligten sich ebenfalls am Aufbau der Stadt.

  1. Grundriss der Stadt Zamość als Vorbild für die Architekten in Schowkwa
  2. Modell von Schowkwa des XVII. Jahrhunderts im Museum der Stadt

Der Grundriss der Stadt ist an einen menschlichen Körper angelehnt. Den Kopf bildete, das als private Residenz, erbaute Schloss, den Rumpf das Stadtinnere, die Arme und Beine stellten die Stadttore dar.

Einige Jahrzehnte früher, wurde bereits eine andere, ebenfalls private Stadt im Stil der Renaissance gebaut: Zamość. Auch sie wurde von einem Aristokraten (Jan Zamoyski) in Auftrag gegeben und galt, wie Schowkwa als die ideale Stadt.

Zu den bedeutendsten historischen und architektonischen Ensembles von Schowkwa zählen der Marktplatz (heutiger Wichew-Platz) mit dem Schloss von 1594, die St. Laurentius Kirche aus dem 17. Jahrhundert, das christlich-orthodoxe basilikanische Kloster (auch 17. Jahrhundert), die Dominikanerkirche, die christlich-orthodoxe Dreifaltigkeitskirche und die Synagoge.

freskoEin Deckenfresko im Stil des ukrainischen Modernismus im basilikanischen Kloster, dass im mittleren Teil auf den Holodomor anspielt.

1603 erhielt Schowkwa Stadtrechte, was zu einem Aufblühen vom Handel und Handwerk führte. In diesem Zeitraum ließen sich hier auch die ersten Menschen jüdischen Glaubens nieder, die hauptsächlich aus Lwiw kamen.  Auch deutsche und tschechische Einwanderer waren zu verzeichnen. Die Stadt begann an Wichtigkeit im regionalen Kontext dazu zu gewinnen. Die Schaffung von günstigen Bedingungen durch Żółkiewski führte zu einem verstärkten Ansiedeln von reichen Händlern und Handwerkern. Nach dem Tode Żółkiewskis im Jahr 1620 ging die Stadt in das Eigentum des polnischen Königs Jan Sobieski, dem III. über, der das Werk des Vorbesitzers kontinuierte und Zhovkva zum politischen Zentrum auserkor. Diese Funktion steigerte noch einmal die Bedeutung der Stadt. Nach den Teilungen Polens begann ein schrittweiser Abstieg einzusetzen. Die Stadt verlor ihren besonderen Status und wurde zu einer Provinzstadt degradiert. Ende des 18. Jhd. wurden noch Umbaumaßnahmen durch die neuen österreichischen politischen Verantwortlichen durchgeführt, doch im 19. Jhd. setzte ein Verfall des Schlosses, als auch der ganzen Stadt ein. Die Inneneinrichtung des gesamten Schlosses soll, laut Natalia Hurska, schon lange vor Ausbruch des 1. Weltkrieges nach Zentralpolen geschafft worden sein.

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Im Zweiten Weltkrieg wird das Schloss abwechselnd von den Nazis als auch der Roten Armee benutzt. Die Sowjets installierten hier ihre NKWD Einheiten, sowie provisorische Gefängniszellen, während die Nazis das Schloss als Sammelpunkt für die jüdische Bevölkerung nutzen. Das Schloss bleibt zwar bautechnisch intakt, doch nach dem Krieg verfällt es zusehends. Der heutige bauliche Zustand ist teilweise genauso beklagenswert, wie der der Synagoge. Nur der vordere Teil des Schlosses wurde renoviert, dort befinden sich Konferenzräume als auch ein Museum, dass der Geschichte der Stadt gewidmet ist. Die Renovierung des Schlosses soll schrittweise erfolgen und wird noch mehrere Jahre, vielleicht auch Jahrzehnte in Anspruch nehmen. Auch hier hat die Stadt nicht die nötigen Mittel, um das die Sanierung bzw. Renovierung des Schlosses selbst zu finanzieren. Die Größe des Gebäudes ist enorm und sein desolater Zustand, der vor allem an den beiden Flügeln ersichtlich ist, erfordert einen beachtlichen finanziellen Aufwand. Deswegen ist die Stadt auf Spenden, Fonds und Unterstützung durch diverse Organisationen angewiesen.

Große Schäden, durch den Krieg verursacht, hat die Stadt nicht erlitten. Lediglich das Rathaus, als auch einige der angrenzenden Gebäude werden zerstört. Sie werden nach dem Krieg nicht wiederaufgebaut und bis heute kann man ihre Fundamente in der Altstadt bewundern.

 

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