Wenn die Steine erzählen – jüdischer Friedhof in Berdytschiw

Einer der wichtigsten und äußerst interessanter Kulturträger des Judentums ist der Friedhof. In der jüdischen Kultur ist der Besuch von Grabstätten nicht weniger wichtig als eine Begegnung mit ihren Verwandten und Zeitgenossen.

Text & Fotos: Roman Boichuk

1.fotoDer Obelisk für die ermordeten Juden am Eingang zum Friedhof.

Im Rahmen unserer Exkursion haben wir die Stadt Berdytschiw besucht. Diese Stadt war im 19. Jahrhundert das größte jüdische Zentrum des Russischen Reiches und eines der größten in Europa. Sie wurde sogar „Jerusalem in Wolhynien“ genannt. Mehr als 40.000 Juden lebten hier Mitte des 19. Jahrhunderts. In den Kriegs- und Nachkriegsjahren des 20. Jahrhunderts ging die Zahl der Juden in Berdytschiw durch Emigration und Massenerschießungen durch Nazi-Deutschland erheblich zurück, doch Berdytschiw ist nach wie vor eine sehr besondere Stadt für Juden auf der ganzen Welt.

Die Geschichte des jüdischen Friedhofs auf der Shytomyrstraße in Berdytschiw begann vor mehr als 200 Jahren. Am Eingang zum Friedhof befindet sich ein Obelisk, der am 6. Mai 1990 eröffnet wurde, aber erstmals 1947 als Gedenken an die im Zweiten Weltkrieg ermordeten Juden errichtet wurde. Die lokale jüdische Gemeinde hatte den Obelisk auf eigene Kosten nach dem Zweiten Weltkrieg in der Nähe vom Massenerschießungsort aufgestellt. Er blieb aber nur ein Tag dort, und war heimlich verschwunden, bis er 1990 wiedergefunden wurde.

Der jüdische Friedhof in Berdytschiw hat heute etwa 10.000 Gräber und 550 Grabsteine. Der Friedhof hat während des Zweiten Weltkrieges stark gelitten. Ein großer Teil der Grabsteine ​​wurde von ihrem Platz entfernt. Die Besatzungsmacht hatte 2,5 Jahre den Friedhof geplündert und die Grabsteine für die Reparatur der Straßen benutzt.  Wegen der Größe des Friedhofes war es aber nicht möglich ihn vollständig so schnell zu zerstören.

Der Lokalhistoriker Anatoly Gorobchuk unterscheidet auf diesem Friedhof etwa fünf Hauptarten von Grabsteinen und zeigte uns diese.

stifel Der Stiefel

Die meisten von ihnen haben die Form eines Stiefels. Dies ist ein typischer Grabstein für die Gegend der Zentralukraine. Der Leichnam der Toten wurde in das Leichentuch gewickelt und sitzend begraben, sodass er dem Glauben nach schneller aufstehen würde, wenn der Messias auf die Erde käme. Ein solcher Grabstein symbolisiert eine Person, die mit Blick nach Jerusalem sitzt. Auf der Vorderseite jedes Grabsteins befindet sich eine Inschrift auf Hebräisch.

BaumDer Baum mit beschnittenen Ästen

Eine andere Art des Grabsteins hat die Form eines Baumes mit beschnittenen Ästen und symbolisiert einen Mann, dessen Tod, das Ende des Familienstammbaumes bedeutet. Wenn dies das Grab einer Frau ist, zeigt der Baum mit den abgeschnittenen Ästen die Anzahl der toten Kinder an.

sarghofag.jpgAnatoly Gorobchuk neben dem Gedenkstein in Form eines Sarkophags

Die nächste Art der Gedenksteine auf dem jüdischen Friedhof sind die Grabsteine ​​in Form eines Sarges oder Sarkophags, auf deren beiden Seiten Inschriften geschrieben sind. Oft findet man unterschiedliche Muster und Ornamente z.B. Trauben. Trauben sind in der jüdischen Tradition ein Symbol der Fruchtbarkeit sowie deuten sie auf zahlreiche Nachkommen eines Verstorbenen hin.

foto3Anatoly Gorobchuk und Mazewa Grabstein 

Mazewa ist noch eine andere Art vom jüdischen Grabstein. Im zentralen Teil des Friedhofs befinden sich viele solche senkrechten Gedenktafeln. Die Inschriften auf den Tafeln sind ausschließlich auf Hebräisch. Grabsteine ​​solcher Art sind Denkmäler mit einem sehr vielschichtigen Wert. Es gibt auch sehr interessante, oft poetische Epitaphe (in den meisten Fällen gibt es entweder ein direktes Zitat oder einen Hinweis auf Texte aus den heiligen Büchern) und originelle, raffinierte Basreliefs, von denen jedes eine tiefe semantische Bedeutung trägt. Es ist erwähnenswert, dass das Judentum es verbietet, Menschen auf dem Grabstein darzustellen, daher fehlen Porträts (im Gegensatz zu Gräbern aus der Mitte des 20. Jahrhunderts, in denen auf vielen Grabsteinen Porträts von Toten zu sehen sind). Daher wurden früher das „Porträt“ des Verstorbenen, seine Gewohnheiten, sein Beruf, sein Stammbaum, sein Charakter usw. gewöhnlich durch verschiedene symbolische Bilder „verschlüsselt“.

памятникGrabstein der Nachkriegsjahre

Die letzte große Grabsteingruppe gehört zur Nachkriegszeit, in der die verstorbenen Juden der Stadt erstmals mit einfachen Grabsteinen wie ihre orthodoxen Glaubensbrüder bestattet werden. Dazu ist ein Foto des Verstorbenen und eine Inschrift in russischer Sprache obligatorisch geworden. Somit unterschieden sich die Grabsteine nicht mehr von anderen Sowjetbürgern. 

Der letzte Verstorbene wurde auf dem Friedhof in Berdytschiw 1973 begraben. In der jüdischen Gemeinde oder in Archiven gibt es keine Informationen zu den Begrabenen. Seit einigen Jahren arbeiten Forscher aus der Ukraine und dem Ausland zusammen, um einen Katalog mit entschlüsselten Grabinschriften zu erstellen. Dank solcher Projekte haben bereits manche Familien ihre Vorfahren finden können.

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