Stadtführung „Das jüdische Lwiw der Zwischenkriegszeit“

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Lemberg, Lwów, Lwow oder Lwiw – So wechselhaft wie die Namen der Galizischen Stadt in der Westukraine ist auch die Geschichte der Stadt. Vor dem zweiten Weltkrieg war fast ein Drittel der Stadtbevölkerung jüdisch. Fast alle wurden im Holocaust umgebracht, doch die Spuren jüdischen Lebens sind bis heute sichtbar. Stadtführerin Olena Andronatii zeigt uns das „Jüdische Leben der Zwischenkriegszeit“.

Text: Jörg Pranger
Co-Autor: Robert Schwaß
Bilder: Jörg Pranger, Roman Boichuk

Ein Güterzug rattert über alte Bahngleise, welche die Peltewna Straße überqueren. Nachdem wir zuvor das Museum „Territorium des Terrors“ besucht haben, starten wir unsere Stadtführung nicht ohne Grund an dieser Brücke. Als Lwiw im Zweiten Weltkrieg unter deutscher Besatzung stand, erhielt die Brücke den unrühmlichen Spitznamen „Brücke des Todes“. Sie markierte den Eingang ins Ghetto, viele Juden wurden jedoch bereits beim unterqueren der Brücke durch Nazis aussortiert oder erschossen. Schätzungen gehen von bis zu 130.000 ermordeten Juden aus.

Vor der Deutschen Besatzung gab es jüdisch geprägte Wohnviertel, welche nicht von den anderen Gebieten isoliert waren. Olena zeigt uns einen unscheinbaren und unrenovierten Altbau in der Kulisha Straße. Die in deutscher, jiddischer und polnischer Sprache beschrifteten Fassaden deuten auf ehemalige jüdische Geschäfte oder Cafés hin. Heute befindet sich dort ein Geschäft eines bekannten Hard- und Softwareentwicklers (s. Titelbild). Andere Spuren sind für immer verschwunden. Eine Baulücke neben dem Gebäude lässt sich damit erklären, dass dort vor dem Zweiten Weltkrieg eine Synagoge stand. Lwiws Bausubstanz ist im Krieg kaum zerstört worden. Fast immer, wenn man in diesem Viertel eine leere Fläche sieht, kann man davon ausgehen, dass sich hier eine Synagoge oder eine Einrichtung, die sich auf den jüdischen Glauben bezog, befunden hat, erläutert Olena.  Auch das Colosseum Theater in der gleichen Straße ist den Zerstörungen zum Opfer gefallen. In der Zwischenkriegszeit war es ein Ort, an dem nicht nur das jüdische Theater und Kino aufblühte, sondern auch ukranisch-sprachige Aufführungen stattfanden. Heute steht die Fläche hinter einem Wohnhaus leer, ein Tor versperrt den Weg dorthin.

 

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Im Café „Sztuka“ in der Kotlyarska Straße Nr. 8 machen wir eine kurze Pause. Die Kaffestube befindet sich in einem ehemaligen jüdischen Geschäft. Der Besitzer hat nicht nur die Fassade originalgetreu restauriert, originalgetreue Artefakte wie Kaffeekannen, Zeitungen und alte Fotos, schmücken den Innenraum. Sie erinnern daran, dass die Cafés der Stadt in den 20ern und 30ern ein Ort waren, an dem Menschen verschiedener Schichten und Herkunft ihre Ideen austauschten. In der gleichen Straße entdecken wir auch eine Gedenktafel für Scholem Alejchem, einen der bedeutendsten jiddischsprachigen Schriftsteller. Sein eigentlicher Name war Salomon Naumovich Rabinovich. Er nannte sich später Sholem Aleichem, nach einer jiddischen Variante des hebräischen Spruchs Shalom Aleichem – „Friede sei mit euch“. Er lebte von 1859 bis 1916. Mit Mendele und Perez gilt Aleichem als Gründervater der jiddischen Literatur. Zwar wuchs er bei Kiew auf, war aber im Jahr 1906 in Lwiw, als er vor Pogromen floh. In Lemberg angekommen, war er vollkommen beeindruckt von der anderen Lebensweise der Juden vor Ort. Für ihn schienen die hier lebenden Juden, ob reich oder arm, ein besseres Leben zu führen und mehr Sicherheit zu haben. Die Juden hatten im Österreich-Ungarischen Lemberg seinerzeit mehr Freiheiten als anderswo. Schließlich wohnte er für einige Zeit mit seiner Familie in der Kotelna Straße – heute Kotlyarska Straße.

 

Im Verlauf unserer Tour kommen wir zum ehemaligen jüdischen Krankenhaus. Das Gebäude wurde zwischen 1898 und 1901 erbaut und vom polnischen Architekten Kazimierz Moklowski entworfen. Das Spezielle an diesem Bau ist seine monumentale freistehende Struktur. In der Architektur lässt sich außerdem ein maurischer Stil erkennen. Heutzutage wird es als gynäkologisches Zentrum eines Krankenhauses in Lwiw benutzt.

Schlicht und einfach vergessen wirken dagegen die Überreste des alten jüdischen Friedhofes hinter dem Krankenhaus. Er wurde Mitte des 19. Jahrhunderts geschlossen, erhielt jedoch in den 1920er Jahren erneut den Status einer Gedenkstätte. Dies geschah maßgeblich unter Einsatz des Rabbiners Lewi Freund und dem Kuratorium für jüdische Denkmalpflege in Lwiw. Unter Deutscher Besatzung wurde begonnen, den Friedhof systematisch zu zerstören, 1947 wurde zu Sowjetzeiten ein Großteil der Grabstätte überbaut und seitdem als Basar („Krakivsky“) genutzt. Einige Reste von Grabsteinen befinden sich, von Unkraut und Gras überwuchert, hinter dem Krankenhaus. Es ist kein schöner Zustand, doch unsere Stadtführerin ist optimistisch, dass sich die aktuelle Stadtregierung mit der Thematik auseinandersetzt.

 

Unsere Stadtführung endet am „Space of Synagoges“ auf der Staroewreska Straße, wo seit dem Mittelalter Juden lebten. Der Erinnerungsraum ist der erste seiner Art in Lwiw, der von der Stadtregierung  2015 international ausgeschrieben wurde. Es wurden Fragmente zwei alter Synagogen freigelegt und einige in Stein gemeißelte Zitate sollen an die Geschichte der Juden in der Stadt erinnern.

Nachdem wir am Ende unserer Stadtbesichtigung angekommen waren, ist uns einmal mehr deutlich geworden, wie immens der jüdische Einfluss auf diese sehr faszinierende Stadt in der Vergangenheit war und teilweise immer noch ist. Aber vor allem wie groß das jüdische Viertel in Lwiw selbst gewesen ist.

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