Ein architektonischer Stadtrundgang durch Poltawa

Text: Roman Boichuk und Teresa Huppertz;
Foto: Yaroslava |

Guide

Arthur Aroyan (links im Bild) und die Übersetzerin Olha(rechts im Bild) erwarteten uns bereits, als wir bei freundlichstem Sonnenschein pünktlich am Montag morgen um 9 Uhr beim Korpusnyy Sad eintrafen. Der heutige Stadtrundgang sollte ein Versuch werden, uns den Kampf um die Deutungsmacht in Poltawa anhand von Architektur und Erinnerungsorten näher zu bringen.

Der Architekt und Stadtplaner Arthur Aroyan promovierte und lehrte an der technischen Universität in Poltawa zum Thema Urbanisierung und Landschaftsarchitektur.

Nicht zuletzt auf Grund seiner zahlreichen Dokumentationen über das kulturelle und architektonische Erbe Poltawas scheint er der passende Stadtführerfür diese Geschichte zu sein. Er setzt sich aktiv für die Erhaltung der architektonischen Denkmäler ein und ist darüber hinaus Mitglied der Expertengruppe der GIZ (Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit), welche sich für eine zukunftsorientierte Stadtentwicklung engagiert.

Korpusnyi Sad | Runder Platz

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Foto: https://ua.igotoworld.com

Das Ensemble des runden Platzes ist eines der prominentesten architektonischen Komplexe der Ukraine. Entstanden ist es im Stil des russischen provinziellen Klassizismus, was diesen Ort im postsowjetischen Raum einzigartig macht.

Monument Slawy | Ehrensäule

 

In der Mitte des Platzes steht seit 1811 eine 16m hohe Ehrensäule mit einem vergoldeten Adler verziert. Das Denkmal wurde zum 100. Jahrestag des Sieges der russischen Armee (von Peter I.) über die schwedischen Truppen (von Karl XII) in der berühmten Schlacht von Poltawa am 27. Juni 1709 errichtet.

Die Säule ist der zentralste Punkt der Stadt. Bemerkbar ist dies nicht zuletzt aus der Vogelperspektive: denn die acht Hauptstraßen haben in der Mitte des Runden Platzes ihren Ursprung. Sowohl ideologisch, als auch urban ist dieser Ort somit dominant. An der Spitze auf imperialen Adler hängen zwei Flagge: gelb-blau von Ukraine und schwarz-rot von Ukrainischen Aufständischen Armee (ukrainisch Ukrajinska Powstanska Armija; kurz UPA).

Petrowskyi Kadetskyi Korpus | Petrowsky Kadettenkorps

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Der Petrowsky Kadettenkorps befindet sich genau auf dem Runden Platz und war während des Russischen Reichs die älteste und renommierteste Kadettenschule im Gebiet der heutigen Ukraine, welche von 1840 bis 1918 in Poltawa existierte. Seit dem Jahr 1995 ist das Gebäude ohne ordnungsgemäße Aufsicht und somit in einem schäbigen Zustand, welcher erhebliche Restaurierungsarbeiten erfordert. Zwischen den Jahren 2016 und 2017, kam es wiederholt zu Brandstiftungen. Woraufhin im Juli 2018 von der Regierung der Stadt Poltawa Mittel zur Erhaltung und Restaurierung bereitgestellt wurden.

Neben Gebäuden und Denkmälern als identitätsstiftende Orte, hat uns Herr Aroyan während unserer Tour durch die Innenstadt einige relevante Personen vorgestellt.

Pamjatnyk Ivanu Kotlyarevskomu | Ivan Kotlyarevsky Denkmal

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Ivan Kotlyarevsky gilt als Gründer der modernen ukrainischen Literatursprache.

Die Eröffnung des Denkmales fand am 30. August 1903 statt. An diesem Tag versammelten sich in Poltawa Botschafter aus der ganzen Ukraine, bekannte Persönlichkeiten der Kultur. Das Denkmal für Kotlyarevsky ist ein großer Sockel, auf dem eine Bronzebüste des Schriftstellers prangt. Im unteren Teil des Denkmals befinden sich drei bronzene Hochreliefs mit den Protagonisten seiner bedeutendsten Werke: „Natalka-Poltavka“, „Aeneid“, „Moskal-Magier“. Sowohl die Büste, als auch die Reliefs wurden vom Bildhauer L. Posen kostenfrei zur Verfügung gestellt.

Pamjatnyk Mykoli Gololyu | Nikolaus Gogol Denkmal

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Ein weiteres Denkmal wurde im März 1934 zu Ehren des Schriftstellers Nikolai Wassiljewitsch Gogol (1809-1852) errichtet. Zu finden ist es an der Kreuzung der Nebesnoi Sotni Str. und Gogol Str. Der Schriftsteller beschäftigte uns im Besonderen, da er ukrainischer Herkunft ist, aber auf Russisch schrieb. Welche Bedeutung hat somit Sprache im Kontext der Identität?

Monument Heroiv Nebesnoi Sotni | Denkmal für die Himmlischen Hundert

 

Lenin Foto: https://poltava.to

Während der Runde Platz das imperialistische Poltawa repräsentiert, ist der Platz vor der regionalen Staatsverwaltung ein typisch sowjetischer Platz. Bis Ende Februar 2014 befand sich hier mittig ein Lenin Denkmal. Dieses wurde am 21. Februar 2014 von Ultras FK Worskla Poltawa gestürzt. Als auch nach einigen Wochen kein anderes Monument auf dem Sockel errichtet wurde, entstand umgangssprachlich die Bezeichnung: Platz ohne Lenin.

Mittlerweile wurde das Denkmal mit Hilfe einer aufgemalten Inschrift eines Gedichtes und einem Bild (siehe Foto) den Helden der europäischen Revolution gewidmet. Diese informelle Bedeutungsumschreibung ist ein schönes Beispiel dafür, dass es gegenwärtig in Poltawa und in der ganzen Ukraine eine Tendenz dazu gibt, Denkmäler für Ereignisse zu schaffen, die in letzter Zeit stattgefunden haben.

Poltawsks‘kyi kraeznavchyi myzej | Museum für regionale Studien Poltawas

 

Auf dem Platz der Verfassung befindet sich ein Gebäude welches. beispielhaft für den ukrainischen Jugendstil ist. Da es im ukrainischen keinen Begriff für diese architektonische Epoche gibt, wird die deutsche Bezeichnung verwendet. Dieses ebenfalls als Denkmal verstandene Gebäude, wurde in den Jahren 1903-1908 von dem damals erst 29 Jahre jungen Architekten Vasyl Krichevsky entworfen. Das Museum für regionale Studien Poltawas wurde zum ersten Beispiel eines neuen ukrainischen Baustils (ukrainische Jugendstil ) in der Region Poltawa.

Mit diesem Gebäude hat Vasyl Krichevsky gezeigt, dass ukrainische Architektur nicht nur dörflich, sondern auch städtisch sein kann.

Pamjatnyk Tarasu Shewchenku | Taras Schewtschenko Denkmal

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Das Denkmal vom ukrainischen Bildhauer Ivan Kavaleridze entstand im Zuge der Ukrainisierung der 1920er Jahre, bei der es darum ging, den Einfluss der ukrainischen Kultur und Sprache auszudehnen, und die Bevölkerung gegenüber der neuen Regierung loyaler zu machen. Bemerkenswert ist, dass es im Stil des Konstruktivismus gestaltet wurde.

Pamjatnyk Ivanu Mazepi | Ivan Mazepa Denkmal

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Foto: Teresa Huppertz

Ivan Mazepa war Hetman (dt. Hauptmann) der Kosaken, der eine umstrittene Persönlichkeit in der Geschichte ist. Für die Ukraine gilt er als Kämpfer für die Unabhängigkeit. Für Russland gilt er als Verräter, da er Peter I. verriet und zu Karl XII. überlief.

In Bezug auf das Denkmal wird oft kritisiert, dass Mazepa unmenschlich aufgrund seiner überdimensionalen Größe von wirkt. Ähnlich wie bei Lenin Statuen entsteht der Eindruck, dass das Denkmal nicht in seine Umgebung passt. Diese Interaktivität spiegelt hierbei eine fehlende Reflexion mit der Geschichte wieder. Interessant zu erwähnen bleibt, dass es von dem dritten Protagonisten der Schlacht um Poltawa, Karl XII., ausschließlich eine Büste im Museum zu finden ist. Nach einem Denkmal im öffentlichen Raum sucht man vergebens.

Bila Al’tanka | Die Weiße Rotunde

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Unerwarteter Weise ist auch dieses architektonische Symbol Poltawas eine Gedenkstätte der Schlacht. Zum 200. Jahrestag im Jahre 1909 wurde die Weiße Rotunde in der Form eines Pavillons mit einer Kolonnade, errichtet.

Während des Zweiten Weltkriegs wurde der Pavillon zerstört, damit an seiner Stelle ein Artilleriepunkt entstehen konnte. Nach dem Krieg, im Jahre 1954, wurde das Denkmal restauriert und offiziell zu Ehren des 300. Jahrestages der Wiedervereinigung der Ukraine mit Russland (Pereyaslav Rat) wiedereröffnet. Dementsprechend erhielt der Pavillon einen neuen Namen: Rotunde der Völkerfreundschaft.

Hier an diesem historischen Ort, welcher gleichzeitig eine wunderbare Aussichtsplattform über die Industrie und Wohnbezirke der Stadt darstellt, endet unsere dreistündige Tour durch die Stadt Poltawa. Auch in der zweiten Stadt, die wir erkunden, ist die Zerrissenheit zwischen Ost und West deutlich spürbar. Die ukrainische Identität werden wir womöglich nicht finden können. Doch die Betrachtung auf die architektonischen Facetten der Stadt und die Denkmäler, gibt uns die Möglichkeit einer weiteren persönlichen Lesart dieses Landes.

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