Zwischen Tradition und Moderne – Die Kosaken des 21. Jahrhunderts

Text & Bilder: Kristin Puschmann |

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In einem unserer vorherigen Beiträge von Florian Fuchs wurde bereits näher auf die Geschichte der Kosaken in der Ukraine eingegangen. Kosak das bedeutet übersetzt „freier Krieger“ und obwohl die Kosaken im Verlauf der Geschichte Unterdrückung, Flucht und Vertreibung erleben mussten, hielten sie jahrhundertelang stets an ihrem Brauchtum fest. Diese Bräuche bilden einen wichtigen Teil der ukrainischen Geschichte. In der Zeit der Sowjetunion war es verboten, sich an die Kosaken zu erinnern, aus diesem Grund gibt es heute sehr viel Halbwissen über dieses stolze Volk. Während unserer Exkursion hatten wir jedoch das Glück die „modernen“ Kosaken unserer heutigen Zeit kennenzulernen und ihnen Fragen zu stellen. Was bedeutet es ein Kosake zu sein? Wie adaptieren sie die Bräuche von früher in unsere heutige Zeit? Wie schaffen sie den Spagat zwischen Moderne und Tradition?

Das Hauptquartier der Kosaken in Poltawa liegt recht unscheinbar in einem alten Plattenbaukomplex etwas außerhalb der Stadt. Empfangen werden wir von drei Herren in blauer Uniform, mit schimmernden goldenen Knöpfen und goldenen Epauletten. Durch einen kleinen Versammlungsraum werden wir nach hinten in ein Büro geführt, in dem unsere Unterhaltung stattfinden soll. Der Hauptmann entschuldigt sich mit einem peinlich-berührten Lächeln bei uns und stellt klar, dass sie uns gerne richtig empfangen hätten, bei einem gemütlichen Feuer mit Musik und Wodka, aber heute müsse aus Zeitgründen das Büro herhalten. In Wahrheit ist man wohl aber etwas vorsichtiger geworden gegenüber Ausländern das wahre Gesicht der Kosaken zu zeigen, denn später zeigt man uns einen Zeitungsartigel einer deutschen Zeitung aus dem Jahr 2005, welcher die Gastfreundschaft der Kosaken mit der Überschrift „Mit Wodka und Peitsche“ ins lächerliche zieht. Uns gegenüber ging es daher etwas steifer zu.

Die drei Hauptaufgaben der Kosaken:

Geschichte bewahren

Geschichte weitergeben

Schutz der öffentlichen Ordnung

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Geschichte bewahren

Sich an eine Vergangenheit zu erinnern, die für so lange Zeit durch Fremdeinwirkung unterdrückt und verboten war, ist nicht leicht. Viele Archive mit geschichtlichen Unterlagen sind im Laufe der Zeit verbrannt, viele andere Dokumente nach St. Petersburg ausgelagert worden. Eine der drei selbsternannten Hauptaufgaben der modernen Kosaken seit der Unabhängigkeitserklärung im Jahr 1991 ist es daher, alle übrig gebliebenen Informationen aus der Vergangenheit zu finden, zu sammeln und zu bewahren. Eine wahre „Wiedergeburt ihrer Geschichte“ nennen sie diese Zeit nach 1991. Man besuche kleine Dörfer und alte Archive und suche nach bisher unbekannten Quellen. Einen Großteil ihres heutigen Wissens verdanken die heutigen Kosaken auch ihren Eltern und Großeltern der Generation, die heute 80-90 Jahre alt ist. Diese können sich noch an andere Zeiten erinnern, in denen die Tradition der Kosaken noch stärker ausgelebt wurden, denn bis 1921 war es tatsächlich noch üblich im Pass den Zusatz „Kosake“ zu vermerken.

Geschichte weitergeben

Das, was an Wissen über die Geschichte, Sitten und Traditionen übrig ist, wollen die modernen Kosaken für die Zukunft bewahren und an die nächste Generation weitergeben. Hierzu halten sie Vorlesungen in Kindergärten und Schulen und versorgen Bildungseinrichtungen mit Informationsmaterialien. Geschichte attraktiv, lebendig und populär für Jugendliche aufzubereiten ist ein großes Thema für den Hauptmann in Poltawa und seine Truppe. Ab dem 14. Lebensjahr darf man Mitglied bei den Kosaken werden und hierfür wird fleißig geworben. Laut unseres Kosakenhauptmanns hat die junge Generation viel akademisches Potenzial, welches sie später einmal zum Wohle des Staates und für den Kampf gegen die Korruption einsetzen könne. Hierzu müssen sie jedoch ihre Wurzeln kennen und das ist bei vielen Jugendlichen nicht der Fall. Ein altes ukrainisches Sprichwort besagt übersetzt ungefähr so viel: „Wer seine Vergangenheit nicht kennt, kann keine Zukunft haben.“ Dies ist vor allem schlecht für ein junges Land, dessen Geschichte so lange unterdrückt wurde wie die der Ukraine. Aus diesem Grund lehren die Kosaken innerhalb ihrer Strukturen die Jugendlichen viel über ihre Geschichte aber auch über gesellschaftliches Benehmen und soziales Zusammenleben. Darüber hinaus veranstalten sie regelmäßig Historienspiele und andere Feste, um dadurch die Vergangenheit und das Gemeinschaftsgefühl der Kosaken spürbar wiederaufleben zu lassen.

Einen wichtigen, rein optischen Teil ihrer Geschichte tragen die Kosaken in Gestalt ihrer Uniform bei sich. Die Uniform, in der wir begrüßt wurden, ist ihre Parade- oder Galauniform, die nur bei besonderen Anlässen zum Einsatz kommt. Sie zeigt den letzten aktuellen Stand von vor 100 Jahren und wurde 1991 für heutige Zwecke wieder übernommen. Darüber hinaus gibt es noch eine weitere Uniform für den Kampf in jeweiliger Sommer- und Wintermontur, alles angelehnt an frühere Aufzeichnungen der Kosaken. Teil der Winteruniform ist die beispielsweise die bekannte Fellmütze der Kosaken, die uns (siehe Bild) ebenfalls stolz präsentiert wurde. Außerhalb von Historienspielen und offiziellen Anlässen, werde die Uniform von den Kosaken jedoch nicht getragen. Wenn sie sich im normalen Alltag kenntlich machen wollen, dann nur durch eine einfache Armbinde.

Schutz der öffentlichen Ordnung

Militärisch organisieren dürfen sich die Kosaken nicht. So durften sie sich auch nicht als eigene Einheit im Krieg auf dem Donbass zusammenschließen. Laut unseres Hauptmanns stand dies jedoch auch nie zur Debatte. Wenn überhaupt, dann haben sich die Mitglieder der Kosaken anderen Einheiten angeschlossen. Der Schutz der öffentlichen Ordnung ist zwar, neben der Bewahrung und Weitergabe der Geschichte, eines der größten Anliegen der Kosaken, dabei würden sie sich jedoch nie gegen das eigene Volk richten. Dies war auch der Grund, weshalb sie sich aus den Maidan-Protesten 2014 heraushielten. Was sie jedoch mit Stolz praktizieren ist die Unterstützung der Polizei. Wann immer die Polizei Hilfe bei Razzien oder beim Schutz von öffentlichen Großveranstaltungen braucht, werden die Kosaken von der Verwaltung angerufen und um Unterstützung gebeten. Richtige Waffen dürfen sie dabei zwar nicht tragen, dafür jedoch Gummigeschosse, Schlagstöcke, Handschellen und Pfefferspray. Bis auf diese eine Einschränkung haben die Kosaken laut Gesetz die gleichen Rechte wie die Polizisten, das heißt sie dürfen ebenfalls Kriminelle stellen und verhaften. Um für den Polizeieinsatz gewappnet zu sein, unterziehen sich die Kosaken regelmäßig Kampf- und Schusswaffenübungen.

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Organisationsform der Kosaken

Wenn ich in diesem Artikel von „den Kosaken“ spreche, dann meine ich damit eine vereinsartige Organisationsform aus ehrenamtlich tätigen Mitgliedern, die sich hauptsächlich an den Wochenenden und zu besonderen Anlässen zusammenfinden und deren Mitgliedschaft durch einen kleinen gelben Mitgliedsausweis bestätigt wird (s. Bild). Die Mitglieder selbst sind in verschiedene Einheiten eingeteilt, die sich jeweils mit den verschiedenen Aufgaben und Zielsetzungen der Kosaken beschäftigen. Trotz ihrer Zusammenarbeit mit Polizei und Verwaltung bekommen die Kosaken keine finanzielle Unterstützung für ihre Arbeit und sind daher komplett selbst finanziert. Die verschiedenen militärischen Ränge und Abzeichen verdient man sich durch Länge der Mitgliedschaft, Zugehörigkeit eines bestimmten Aufgabenbereichs innerhalb der Organisationsstruktur, aber auch für bereits absolvierte militärische Einsätze im Ausland. Einer der anwesenden Kosaken ist über und über versehen mit solchen Auszeichnungen. Er hatte bereits im Irak und in Afghanistan gekämpft und wurde hierfür von den Kosaken durch verschiedenste Medaille geehrt (s. Bild).

Anders als zu früheren Zeiten und gegen die alten Traditionen, ist es heute auch Frauen erlaubt Mitglied zu werden. Erst seit kurzem gibt es eine eigene Frauenhundertschaft. Hierzu meint unser Hauptmann ernst: „Man muss schon mit der Zeit mitgehen. Gender Equality ist auch bei uns angekommen“. Ganz angekommen bei der Gender Equality scheinen die Kosaken dann aber doch wieder nicht zu sein, denn: Um als Frau in die höheren Verwaltungsebenen der Kosaken zu kommen, muss es erst eine einstimme Zustimmung durch die anderen Mitglieder geben.

Alle Regeln und Bestimmungen sind in der Satzung der Kosaken festgehalten. Diese hängt auch in unserem kleinen Besprechungsraum. Eine fast 3qm große Wandtafel, über und über mit Paragrafen, die die Hälfte der Wand einzunehmen scheint.

Anpassung an eine neue Zeit

Nicht nur beim Thema Gender Equality mussten sich die Kosaken an die Gegebenheiten einer neuen Zeit anpassen. Sie mussten sich im Zuge der Unabhängigkeitserklärung der Ukraine auch räumlich-national neu orientieren. Schließlich gab es auf dem Gebiet der heutigen Ukraine nicht den einen Kosaken-Stamm. Es gab verschiedene Siedlungsgebiete der Kosaken und so waren beispielsweise die Kosaken im Raum Poltawa verfeindet mit den Don-Kosaken. Doch davon möchte unser Hauptmann nichts hören. Seiner Auffassung nach liege den Ukrainern das Kosakentum im Blut. Das geht schon allein aus der Nationalhymne der Ukraine hervor in der es übersetzt heißt „wir sind alle Kinder des Kosaken-Stamms“. Und hierbei solle man, seiner Meinung nach, keine Unterschiede machen: „Wir müssen zwar nicht alle gleich sein, was wir jedoch müssen, ist uns gegenseitig den Rücken zu stärken und über Konflikte hinwegzusehen“. Allerdings gibt er zu, dass es natürlich immer Extremisten auf der einen oder anderen Seite gebe. So auch bei denjenigen Kosaken, die immer noch an das russische Reich glauben. Von ihnen würde man sich distanzieren. Und auch zu den Kosaken im Donbass-Gebiet hätte man zurzeit nicht viel Kontakt, um die Konflikte zwischen Ost- und Westukraine nicht noch weiter anzuheizen.

Auch beim Thema Mitgliedschaft scheint man etwas liberaler geworden zu sein. Auf meine Frage hin, ob auch ich – blond, katholisch, weiblich – Mitglied der Kosaken werden könnte, sollte ich je in die Ukraine ziehen, meinte man scherzhaft, dass man sich für mich sicher eine Ausnahme einfallen lassen könnte. Man müsse auch nicht unbedingt orthodoxen Glaubens sein. Nach Aussage des Hauptmanns könne jeder, egal ob sportlich oder nicht, arm oder reich, Ausländer oder Ukrainer gerne mitmachen. Prinzipiell würde der Wunsch ausreichen dazugehören zu wollen. Ob dies in der Realität wirklich so stimmt oder dies nur eine nette PR-Aussage vor den freundlichen Deutschen war, kann ich persönlich nicht beurteilen.

Politische Ausrichtung der Kosaken

Eine letzte Frage unsererseits galt der politischen Ausrichtung der Kosaken. Gibt es eine Partei, die sie unterstützen? Geben sie ihren Mitgliedern Wahlempfehlungen mit an die Hand? Klare Antwort: Nein, man würde keine Partei unterstützen. Damit habe man schlechte Erfahrungen gemacht. In der Vergangenheit wären die Kosaken immer wieder durch die Politik instrumentalisiert worden. Das wolle man in Zukunft lieber vermeiden. Jedes Mitglied könne selbst entscheiden und frei wählen. Allerdings dürfen sich Mitglieder der Kosaken nicht selbst aufstellen lassen, um politische Neutralität zu wahren. Es geht ihnen weniger um Staatlichkeit, sondern allein darum das ukrainische Volk zu unterstützen.

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