Erste Begegnungen in Charkiw: Speeddating mit Studrespublica

Text: Teresa Huppertz |

Der erste Tag unserer Exkursion, welchen wir im Konferenzsaal der Konrad Adenauer Stiftung Charkiw verbracht hatten, neigte sich dem Ende zu. Durch vier Vorträge mit anschließenden Diskussionen hatten wir uns von unterschiedlichen Seiten den aktuellen politischen Entwicklungen der Stadt genähert.

Angefangen mit einer Einführung des Leiters des Auslandsbüros der Konrad Adenauer Stiftung, Tim Peters. Gefolgt von einer theoretischen Einordnung unseres Professors Timm Beichelt unter dem Titel „Wem gehört die Ukraine?“. Mikhail Minakov, welcher neben Timm Beichelt die Studienfahrt betreute, berichtete von den politischen Entwicklungen der Ukraine nach dem Euromaidan. Und nach einer kurzen Pause stellte uns Olga Fillipova, welche an der Universität Chwarkiw lehrt, ihre Ideen zu Identitäten in der Ukraine und Charkiw vor.

Studrespublika_Kharkiv_Screenshot

Mit diesen ersten theoretischen Eindrücken im Hinterkopf waren wir nun auf dem Weg zu einer informelleren Veranstaltung. Wir folgten einer Einladung zum Abendessen im Restaurant Koritza. Die Gruppe: Studentcheskaya Respublika Charkiw, kurz Studrespublika hatte sich für unsere Begegnung etwas Besonderes überlegt: eine Art Speeddating.

So freundlich, wie uns die Stadt am Vorabend beim Landeanflug mit einem Regenbogen  empfangen hatte, so freundlich wurden wir auch an diesem Abend empfangen. Fünf Tische in einem abgetrennten Raum waren bereits mit gefüllten Kompot Gläsern gedeckt. Kompot ist anders als in Deutschland ein saftähnliches Getränk, welches traditionell zu unterschiedlichen Anlässen gereicht wird. Wir nahmen zu viert oder fünft platz. Da von unserer Gruppe etwa die Hälfte ukrainisch oder russisch spricht und die Studierenden der Studrespublika gerade diese beiden Sprachen, fungierte immer eine Person unserer Gruppe als ÜbersetzerIn. Ich saß mit Robert an einem Tisch. Er spricht russisch, da er die Sprache in der Schule gelernt hat und während des Studiums ein Jahr in Russland verbrachte. Am Abend vorher hatte mir ein anderer Kommilitone in einem Gespräch über Sprache einen schönen Satz gesagt: Sprache bedeutet Verantwortung. Dies hatte ich nun im Hinterkopf. Robert musste nun die Verantwortung tragen, meine Fragen und die Antworten der StudrespublikanerInnen so korrekt wie möglich zu vermitteln.

Das Speeddating sollte nun folgender maßen ablaufen: pro Gang rotierten die StudrespublikanerInnen von Tisch zu Tisch. Insgesamt wurden uns drei Hauptthemen an die Hand gegeben um das Gespräch ein wenig zu strukturieren. Praktisch vom allgemeinen zum Spezifischen waren dies: 1. Fragen zur Ukraine, 2. Fragen zu Charkiw und 3. Fragen zur Gruppe Studentcheskaya Respublika Charkiw, kurz Studrespublika.

In unserer anschließenden Reflektion wurde deutlich, wie sehr die Antworten von den Einzelpersonen und von der Art der Fragestellung zu den unterschiedlichen Themen abhing. Dementsprechend divers waren die Begegnungen an diesem Abend und auch die einzelnen Informationen, die wir im Nachhinein zusammentrugen. Wir konnten uns alle darauf einigen, dass der Abend eine privilegierte Plattform des interkulturellen Austausches war. Was wir nun zu den drei Themen herausgefunden hatten, die uns als Struktur mitgegeben wurden, kristallisierte sich als etwas komplexer heraus.

In Bezug auf die Ukraine und den Krieg in der Ostukraine war die prägnanteste Aussage einer Studrespublikanerin, dass sie ihren Beitrag darin sieht, ihr Leben zu leben, ihr Bestes dafür zu tun, Arbeit zu finden. Diese Aussage verdeutlicht die Geradlinigkeit in Bezug auf den Bildungsweg der noch sehr jungen UkrainerInnen, denen wir an diesem Abend begegneten. Außerdem erklärt es auch, warum in der Stadt Charkiw wenig von der politischen Instabilität zu spüren ist. Obwohl wir in einem der Vorträge am Morgen gehört hatten, dass das Vertrauen in die Parteien laut Umfragen unheimlich niedrig sei.

Doch größer als das Interesse daran, mit uns über die Ukraine und somit über politisches zu sprechen war es den meisten ein Anliegen, den Rahmen des Treffens als Moment des kulturellen Austausches zu nutzen. So konnten Robert und ich zum Beispiel einige lokale Musikempfehlungen mitnehmen: Monatik und Ocean Elzi. Allgemeinere gesellschaftliche Rückschlüsse scheinen in Bezug auf diesen Abend jedoch eher schwierig.

Die Studrespublika als Vereinigung wirkte auf uns wie eine Art unabhängige Gemeinschaft zur Vertretung der Bedürfnisse der Jungen Menschen der Stadt Charkiw. Oder auch als eine Art Hilfe im generellen Orientierungsprozess. Zwar gibt es die Studrespublika auch in anderen Städten in der Ukraine, doch sie lebt stark vom Engagement der vor Ort aktiven. Daher sind die Themen auch sehr Ortsgebunden. Der Gruppe in Charkiw ist aufgefallen, dass es trotz der zahlreichen Studierenden wenig studentisches Leben in der Stadt gibt. Somit planen sie für das kommende Erstsemester einige Aktivitäten, wie Stadtrundgänge. Hier soll nicht unerwähnt bleiben, dass viele Junge vor Allem gut ausgebildete Menschen aus der Ukraine weggehen. Auch dies scheint eines der Hauptthemen zu sein mit denen sich Studrespublika auseinandersetzt.

Durch unsere Erzählungen während der Nachbesprechung, fielen unserem Professor Timm Beichelt Parallelen zu Treffen der Gesellschaft für Deutsch-Sowjetische Freundschaft auf. Nach meinen Recherchen kann ich diesen Vergleich auch erkennen. Denn damals wie heute stand das gegenseitige Kennenlernen von Menschen und der jeweiligen Kultur im Vordergrund.

Zusammenfassend war es ein sehr wichtiger persönlicher Austausch, der dank sozialer Medien wie Facebook und Instagram auch über den Abend hinaus gepflegt werden kann.

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