„Unter uns gesagt…“

Fotos & Text: Roman Boichuk & Robert Schwaß |

Am Samstagmorgen begibt sich eine kleine Gruppe von uns auf den Barabashovo Markt in Charkiw. Mit insgesamt 75 Hektar Ladenfläche ist der Basar der größte seiner Art in Osteuropa, weltweit nimmt er den 14. Platz ein. Von Auto-Ersatzteilen über Feuerwerk, Kleidung und Lebensmitteln kann man hier so ziemlich alles kaufen. Wir versuchen mit Händlern und Besuchern ins Gespräch zu kommen. Doch das ist gar nicht so leicht.

IMG_6592_edited

Dicht an dicht stehen wir in der Saltivska-Linie der Charkiwer Metro. An der “Akademika Barabashova” drängen sich die Leute aus den blauen Wagen die Treppen hinaus. Auch am Ausgang bleibt uns kaum eine Verschnaufpause, denn der Barabashovo Markt beginnt unmittelbar an der Station. Nur 5 Stationen sind es vom Platz der Verfassung bis zum Basar, doch der Unterschied zwischen beiden Orten könnte größer kaum sein. Nichts ist zu sehen von den pompösen Bauten der Stalin-Zeit und den breiten Straßen im Zentrum von Charkiw. Enge Gassen zwischen einzelnen Markthallen und Buden, welche teilweise sehr professionell, manchmal aber auch sehr improvisiert zusammengebaut sind. Dazwischen immer wieder fahrende Bistros und kleine Schawarma-Stände, ein ziemlich starker Fleischgeruch zieht in unsere Nasen. Unter den Menschen, welche aus den Bussen und Metros auf den Markt strömen, sind mehr ältere als jüngere, wenig ist zu sehen vom Glanz der Großstadt. Metrostation und Markt Barabashova wurden übrigens nach dem ukrainisch-sowjetischen Astronomen Mykola Pawlowytsch Barabaschow benannt. Dieser befasste sich mit der Erforschung von Planetenoberflächen und der Physik des Mondes. Und ein wenig fühlen wir uns auch wie auf einem fremden Planeten. Der Baraban, wie der Basar von den Einheimischen genannt wird, wirkt wie eine eigene Stadt innerhalb der zweitgrößten Metropole der Ukraine.

Und das zieht die Leute an. Nicht nur die Charkiwer, sondern Menschen aus aller Welt. Händler aus afrikanischen Staaten, Zentralasien, dem Kaukasus, Vietnamesen und Chinesen. Sie arbeiten hier in Konkurrenz zueinander, aber auch zusammen. Denn obwohl jeder seine Ware an Mann und Frau bringen möchte, scheint das Zusammenleben zwischen so vielen verschiedenen Kulturen zu funktionieren. Neben Verkaufsständen besitzt der Markt eine eigene Feuerwehr und Polizeistation. In einem hinteren Teil des riesigen Geländes, jedoch nicht komplett abgelegen, in einem beigefarbenen Wellblechgebäude befindet sich sogar eine Moschee. Wir sind überrascht, ob der kulturellen Vielfalt und möchten mit den Menschen vor Ort sprechen.

Doch das gestaltet sich schwieriger als gedacht. Wir fallen auf, unsere Fotokamera wird misstrauisch beäugt. Wir kommen trotzdem mit einem Verkäufer ins Gespräch, seinen Namen möchte er jedoch nicht preisgeben, Fotos mache er auf keinen Fall. Die Händler seien vorsichtiger geworden, sagt er. An diesem Samstag könnten Steuerbeamte aus Kyiv zur Kontrolle kommen. Einige haben ihren Stand heute gar nicht erst aufgebaut. Auch insgesamt sei das Geschäft schwieriger geworden. Die Schuhe, die der Händler seit vielen Jahren verkaufe, seien nicht billig. 450 Hrynia, 14 bis 15 Euro. Für viele Charkiwer ist das viel Geld. Auch die vielen Binnenflüchtlinge aus Lugansk und Donetsk, von denen viele in der Stadt sind, können sich kaum etwas leisten. Russische Kundschaft hat der Verkäufer seit Beginn des Krieges in der Ostukraine so gut wie keine mehr.

Das Zusammenleben mit den Kulturen funktioniere gut, sagt sein Bekannter, der jedoch auch lieber anonym bleiben will. Er selbst hat früher auf dem Markt gearbeitet, heute schaut er nur vorbei. Nicht alle Sachen auf dem Markt können günstiger angeboten werden, einige Preise ähneln denen der Boutiquen in der Innenstadt. Die Jugend geht lieber in andere Läden, beispielsweise in die zahlreichen Second-Hand-Shops im Zentrum. Schnäppchen könne man vor allem bei den vietnamesischen Händlern machen. Sie machen einen Großteil des Marktlebens aus. Das Zusammenleben mit so vielen Menschen unterschiedlicher Herkunft ist für den Verkäufer kein Problem, die Moschee sei eine gute Sache, um die Multikulturalität zu fördern.

IMG_6586_edited

Wir würden gerne noch länger auf dem Markt bleiben, das Vertrauen unserer Gesprächspartner gewinnen und mehr erfahren, doch uns drängt die Zeit, der nächste Termin unserer Exkursion steht an. Wir laufen zurück zur Metro. Wir fragen einen Sicherheitsmann nach dem Weg und sind überrascht, als er uns auf Englisch antwortet. Gerne würde er uns mehr über den Markt erzählen, jetzt sei er jedoch im Dienst. Wir erzählen ihm über unser Projekt und die Frage nach der ukrainischen Identität. Wenn wir auf Russisch fragen, antwortet er auf Ukrainisch. Der Mann erzählt, dass die vielen Geflüchteten eine Herausforderung für die Stadt seien. Schließlich sei es jetzt schon voll. Dann komm er ein Stück näher an uns heran und sagt: „Unter uns gesagt. Charkiw ist eine pro-russische Stadt. Auch wenn man es im Zentrum nicht sieht.“
Wir verlassen den Markt mit vielen Fragen im Kopf. Ein wenig scheint die Zeit auf dem Barabashovo stehen geblieben zu sein. Er steht im Gegensatz zu unseren Gesprächen mit den jungen, progressiven Ukrainern. Und doch können wir nicht genau einschätzen, wie viele Menschen auf dem Baraban die Einstellung des Sicherheitsmannes teilen. Wir vermuten, dass es bei weitem nicht alle sind, jedoch mehr als bei unseren vorherigen Treffen. Es zeigt sich einmal mehr, wie vielschichtig die Frage nach ukrainischer Identität ist. Wir steigen in die Metro, welche Richtung Zentrum fährt und nehmen uns vor, dass dies nicht der letzte Besuch auf dem Barabashovo ist.

 

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s