Macht und Identität – eine theoretische Einordnung

Text: Nicola Meyer |

Identity is the prototype of ideology. (T. W. Adorno)

Power is domination, control, and therefore a very selective form of truth which is a lie. (Wole Soyinka)

Was ist Identität? Was ist Macht? Wie korrelieren diese zwei Termini miteinander? Diesen Fragen gehen wir in unserem Exkursionsseminar in die Ostukraine unter der Fragestellung „Wem gehört die Ukraine“ nach. Mit diesem Blogeintrag möchte ich einen kleinen theoretischen Beitrag leisten, der dazu dienen soll, diese beiden Begriffe theoretisch einzuordnen und miteinander zu verknüpfen.

Identität

Identität ist zunächst, so Manuel Castells (2000: 6), „[…] der Prozess der Bedeutungskonstruktion auf Basis von kulturellen Attributen, oder einem zueinander in Beziehung gesetzten Set von kulturellen Attributen, denen gegenüber anderen Bedeutungsquellen ein höherer Stellenwert zugewiesen wird.“. Identität als theoretisches Konzept ist eng mit dem Begriff „Rolle/ Rollenbild“ verwandt, ist aber klar von diesem zu unterscheiden. Castells versteht „Rollen“ als eine Ansammlung von Normen, die durch gesellschaftliche Institutionen und Organisationen informiert und strukturiert sind. „Identitäten“ hingegen sind tatsächliche Quellen der Bedeutungskonstruktion für Akteure selbst, die durch Prozesse der Selbstwerdung entstehen. Identitäten organisieren individuelle und kollektive Bedeutung, während Rollen die Funktion von Akteuren ordnen. Castells unterscheidet zudem drei unterschiedliche Formen von Identitäten, die sich durch ihren Bezug auf Gesellschaft und Institutionen unterscheiden und historisch und kulturell zu kontextualisieren sind: die legitimierende Identität (legitimizing identity), die Widerstands-Identität (resistance identity) und die sogenannte Projekt-Identität (project identity) (vgl. Castells, 2000: 7f).

Die legitimierende Identität ist Ausdruck staatlicher Herrschaftsgewalt und ermächtigt die Entstehung von Zivilgesellschaft und die Interaktion von sozialen und politischen Akteuren im Kontext einer strukturell dominierenden Identität, die Teil des gesellschaftlichen und normierten Diskurses darstellt. Die Widerstands-Identität richtet sich gegen den Bedeutungsinhalt der legitimierenden (staatlichen) Identität und stellt einen Alternativvorschlag da, Welt und Gesellschaft gegensätzlich zu interpretieren. Beispiele hierfür sind unter anderem fundamentalistische religiöse, aber auch ethno-nationalistische Bewegungen. Dabei richtet sich diese Form der kollektiven Identitätskonstruktion gegen eine als unerträglich empfundene Unterdrückung durch institutionalisierte Akteure. Castells nennt das die Exklusion der Ausgrenzer durch die Ausgeschlossenen (the exclusion of the excluders by the excluded). Dadurch kommt es zur Bildung von sogenannten (Sub-) Gemeinschaften (communities), ein Begriff, der weiter unten noch einmal wichtig werden wird. Die Projekt-Identität ist als die Transformation der bestehenden gesellschaftlichen Verhältnisse und die Neuordnung von Bedeutungsebenen in Bezug auf Identitätskonstruktion zu verstehen (vgl. Castells, 2000: 8ff).

Gleichzeitig lässt sich das Thema Identität auf verschiedenen Bezugsebenen verordnen und in den größeren Korpus politischer und soziologischer Theorien verorten. Hier ist der Kommunitarismus als Gegenentwurf zum Liberalismus interessant. Während die liberalistische Theorie den Fokus auf das Individuum und auf staatlich abgesicherte Rechte legt, steht beim Kommunitarismus die Stärkung der Gemeinschaft im Mittelpunkt. Hier bestehen Anknüpfungspunkte zu Castells Widerstands-Identität. Durch den Fokus auf das kollektive Wir entstehen Gemeinschaften, bei Castells communities oder communes, die damit aber auch immer eine Grenze zwischen denen ziehen, die zur Gemeinschaft gehören und denen, die davon ausgeschlossen sind. Dadurch kommt es zu Neuverhandlungen von Werten und Verteilungsfragen, die sich schließlich in Aushandlungsprozessen um Identität und Zugehörigkeiten entladen. Hier spielen auch immer wieder Fragen nach Gerechtigkeit und Anerkennung eine Rolle, die wiederum nur historisch und kulturell kontextualisiert werden können, wie Timm Beichelt in seinem Vortrag „Wem gehört die Ukraine? Eine theoretische Einordnung.“ in Anlehnung an Axel Honneth und Michael Walzer betont. Gerecht ist, was zu einem bestimmten Zeitpunkt an einem bestimmten Ort als gerecht empfunden werden kann. Wenn Gruppen oder Individuen in ihren Selbstbestimmungsrechten verletzt werden, also das gängige Gerechtigkeitsverständnis als ungerecht empfinden, kommt es somit zum Anerkennungskampf um Gerechtigkeit, bei dem neue Werteverständnisse diskutiert werden. Dieses Ringen um Bedeutungshoheit und Legitimitätsansprüchen zwischen gesellschaftlich anerkannten Normen und Werten, die soziale Interaktion zwischen Akteuren vermitteln und davon abweichende Interpretationsschemata ist letztlich ein Kampf zwischen konkurrierenden Identitätskonzepten.

Macht

Bei Identitätsfragen geht es auch immer um Macht. Gerade im Kontext von Anerkennung und Gerechtigkeit besteht eine Spannung zwischen legitimen und illegitimen Identitätsansprüchen. Wer hat das Recht zu entscheiden, welche Anerkennungskämpfe um Gerechtigkeit und damit Identitätsansprüche legitim oder illegitim sind? Wer hat die Macht über legitime und falsche Identitätskonzepte zu entscheiden?

Hannah Arendt reflektiert in „On Violence“ (1972) über die Differenzierung zwischen Macht und Gewalt. Während der Tenor damals wie heute Macht vielfach mit Gewalt gleichsetzt oder Gewalt als die ultimative Manifestation von Macht versteht, geht für Arendt die Machtfrage letztlich auf die Legitimation (staatlicher) Institutionen durch den gemeinsamen Willen vieler zurück. Macht ist zwar in ein Instrument der Herrschaft, aber ihre Ausübung ist bedingt durch die Unterstützung des Volkes, die den politischen Institutionen der Herrschaft überhaupt erst Leben einhaucht: „Alle politischen Institutionen sind Ausdruck und Verwirklichung von Macht; sie versteinern und verrotten sobald die lebende Macht des Volkes ihnen die Unterstützung versagt.“ (Arendt, 1972: 140). Die lebende Kraft des Volkes ist somit die Basis jeden Macht- und damit Legitimitätsanspruchs. Arendt definiert dann Macht auch als „[…] menschliche Fähigkeit nicht nur zu handeln, sondern einvernehmlich zu handeln.“ (Arendt, 1972: 143). Für die Frage nach Identität bedeutet dies nun, dass Zugehörigkeiten solange legitim sind, wie sie von der großen Mehrheit eines Volkes als solche anerkannt wird.

Ruth Wodak hingegen verknüpft Macht und Identität eng mit Sprache, was besonders für unser Fallbeispiel Ukraine interessant ist. Gerade Sprache ist für die Identitätskonstruktion entscheidend, weil die Wirklichkeit teilweise durch Sprache definiert und in spezifischen Kontexten hergestellt wird. Sprache entscheidet darüber hinaus, wer in welcher Form an politischen Diskursen teilnehmen kann und darf. Sprache schafft eine Grenze zwischen „uns“ und den „anderen“, gerade weil das Konzept der Identität Äquivalenzen und Gegensätze voraussetzt (vgl. Wodak 2011: 216).

Die vorausgehenden Ausführungen deuten auf eine enge Verknüpfung zwischen Macht, Identität, Gerechtigkeit und Anerkennung hin. Macht und damit politische Gestaltungskraft basiert auf als gerecht empfundenen, von der Mehrheit des Volkes anerkannten, Bedeutungszuschreibungen, die das soziale Zusammenleben regeln und die über die Interaktion und Konstruktion der sozialen Umwelt entscheiden.

Wie passen die ganzen Ansätze nun in Bezug auf die Ostukraine zusammen? Gibt es überhaupt eine ostukrainische Identität? Welche Rolle spielt die Sprache bei den individuellen und kollektiven Bedeutungszuweisungen? Bestimmt Sprache überhaupt so sehr die Identität, wie Wodak es betont? Welche Machtkonzeptionen spielen in der Ostukraine eine Rolle? Diesen und weiteren Fragen versuchen wir mit unserer Forschungsfrage auf den Grund zu gehen.


Literaturnachweise:

Arendt, Hannah (1972): Crises of the Republic: Lying in Politics, Civil Disobedience on Violence, Thoughts on Politics, and Revolution. New York: Harcourt Brace Jovanovich, 134 – 155.

Castells, Manuel (1997): The Information Age: Economy, Society, and Culture, Volume 2: The Power of Identity, Blackwell Publishers, Oxford / Malden MA, 5 – 29.

Wodak, Ruth (2011): Language, power and identity. Language Teaching Volume 45, Issue 2, 215 – 233.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s