Von der Identität zur Zugehörigkeit – wer gehört zur Ukraine?

Seit 2014 ist in jedem Jahr eine Studierendengruppe der Europa-Universität Viadrina in die Ukraine gereist, um den tektonischen Veränderungen im zweitgrößten Staat Europas nachzugehen.  Ab dem 3. Oktober findet in diesem Jahr schon die zweite Exkursion im Jahr 2018 statt. Einige, die die Sonnenstrahlen in Frankfurt (Oder) als zu lasch empfanden, haben Sonnencreme aufgelegt und einige verträumte Tage in und um Chernobyl verbracht. Andere, die von der Vergänglichkeit auch des wärmsten Sommers wissen, zieht es nun zum ukrainischen Frostanfang nach Charkiw, Poltawa und Kiew.

Warum hierhin? Aus unserer Sicht findet sich hier einer der wichtigsten Schauplätze der gegenwärtigen Ukraine. Wird es der Staat schaffen, an der Flanke der aggressiven Russischen Föderation einen eigenen Platz in Europa zu erobern? Oder wird er das Schicksal der meisten anderen Nachbarstaaten Russlands erleiden: die Entwicklung zu halb-souveränen Gebilden mit hoher Abhängigkeit von der russischen Wirtschaft und damit auch von veralteten Wirtschaftsstrukturen und überhaupt von Wertvorstellungen, die besser ins 19. als in 21. Jahrhundert passen?

Dabei ist die Sache allerdings alles andere als klar. Schwarz und Weiß helfen in der Ukraine nicht weiter, die Lage bleibt widersprüchlich. Beinahe fünf Jahre nach dem Euromaidan und vier Jahre nach der Annexion der Krim und dem Beginn der kriegerischen Handlungen im Donbass erscheinen einige Belange vertraut – so vertraut, als ob im Sommer 2013 die Zeit stehengeblieben wäre. Die innenpolitischen Fronten sind verhärtet, selbst wenn auf dem einen oder anderen Feld Fortschritte bei Transparenz und Korruptionsbekämpfung zu verzeichnen sind. Die Herrschaft oligarchischer Kräfte erscheint ungebrochen, der Einfluss der Europäischen Union jenseits bürokratischer Kontakte schwach. Mit der militärischen und finanziellen Unterstützung separatistischer Kräfte erhält sich die Russische Föderation die Option, die Wirtschaft und Politik der Ukraine weiter zu destabilisieren.

Doch während die Ukraine politisch zu stagnieren scheint, haben sich auf der gesellschaftlichen Ebene wichtige Veränderungen ergeben. Die Loyalität mit dem jungen Staat ist gewachsen, zivilgesellschaftliche Gruppen florieren, die jüngere Generation tritt mit neuem Selbstbewusstsein auf. Dadurch hat sich auch die Diversität innerhalb der Ukraine deutlich erhöht. Wir wissen heute besser als je zuvor, dass in der Ukraine vielfältige regionale, sprachliche und generationale Zugehörigkeiten existieren.

Wir interessieren uns für solche Unterschiede und betrachten sie nicht als Bruchlinien, sondern als allgemeinen Bestandteil spätmoderner Gesellschaften, zumal in einem sich nach wie vor integrierenden Europa. Wie fast alle Nachbarstaaten begreift man viele gesellschaftliche, wirtschaftliche und politische Prozesse besser, wenn man die Ukraine als transnationales Gebilde versteht.

Viele Protagonisten in Russland und auch in der Ukraine haben mit solchen, wenig eindeutigen Ideen nicht viel am Hut. Was hier zählt, ist der homogene Nationalstaat. Und, daraus folgend zählt weiter, welche Allianzen Nationalstaaten eingehen, wobei internationale Beziehungen als ein Nullsummenspiel angesehen werden. Die Konsequenzen eines solchen Denkens, das in der wirtschaftlichen und militärischen Konfrontation kulminiert, lässt sich an der russischen Südflanke von Transnistrien bis Süd-Ossetien, von Jalta bis Donezk, beobachten. Es verlieren jene Staaten, die nicht über große Armeen verfügen, die aber wegen korrupter politischer und wirtschaftlicher Eliten häufig auch von innen geschwächt sind. Sie verlieren nicht nur an Territorium, sondern auch an Selbstbestimmung und Autonomie.

Wie aber sieht es innerhalb der kleinen und mittleren Staaten aus, wenn man also von den russischen Einflussversuchen absieht? Länder wie die Ukraine verfügen nicht über die Machtressourcen, innere Konflikte über aggressives Gebaren nach außen zu kompensieren. Deshalb sind sie stärker als Russland selbst auf innergesellschaftlichen Ausgleich angewiesen.

Und hier kommt die gewonnene gesellschaftliche Autonomie innerhalb der Ukraine wieder ins Spiel. Wer darf sie äußern? Nur national konforme Gruppen, oder auch solche mit abweichenden Identitäten? Mit anderen Worten: wer darf für sich und für andere bestimmen, wer zur Ukraine gehört und wer nicht?

Poltawa, Charkiw und Kiew sind geeignete Orte, um diesen Fragen nachzugehen. Denn hier präsentiert sich die Ukraine nicht als reiner Nationalstaat, sondern historisch und gesellschaftlich als russisch-ukrainische Melange. In Poltawa gewann Peter der Große im Jahr 1709 die Schlacht gegen die Schweden und legte einen wichtigen Grundstein für die Festigung des Russischen Reichs als europäische Großmacht.  Charkiw diente während der frühen Sowjetunion von 1918 bis immerhin 1934 als Hauptstadt der Ukrainischen Sowjetrepublik. Und selbstverständlich ist in Charkiw bis heute das Russische die wichtigste Sprache, auch im öffentlichen Raum. Gleiches gilt für Kiew, das als Hauptstadt die russischen und ukrainischen Vektoren der Gesellschaft zusammenhalten muss.

Während unserer Exkursion gehen wir – kurz gesagt – der Frage nach, welche Bedeutungen die kulturellen Unterschiede innerhalb der Ukraine haben und wie politisch mit ihnen umgegangen wird.

So wie sich die Ukraine als Ganze kaum auf einen Nenner bringen lässt, so erwarten wir auch nicht, eindeutige Eindrücke zu sammeln. Vielgliedrige Gesellschaften senden viele Signale aus. Je mehr es davon gibt, desto mehr freuen wir uns, stehen sie doch für eine Lebendigkeit, die russischen wie ukrainischen Nationalisten abgeht.

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