Der „Rote Wald“ und die Frage der natürlichen Resilienz

Im Zuge unserer Exkursion fragten wir uns, ob und inwiefern sich die Natur in der 30 km Sperrzone erholt hatte. Beim Einfahren des Buses in die Zone ließ nichts darauf schließen, dass die Natur sich nicht regeneriert hätte. Wir passierten saftige, malerische Wiesen und üppig grüne Wälder. Die Landschaft sah friedvoll und harmlos aus. Selbst in Kopachi, einem der vielen Dörfer, welches nach der Reaktorkatastrophe dem Erdboden gleichgemacht worden war, hatten wir den Eindruck, dass die Natur sich erholt hatte. Auch erhöhte Werte auf dem Dosimeter, die wir vor allem im Boden ausmachen konnten, ließen uns in dem Glauben, dass die Natur fast unberührt sei.

Nachdem wir die Überbleibsel Kopachis verlassen hatten, begaben wir uns tiefer hinein in die Zone. Am Straßenrand erspähte ich einen verwahrlosten, offenbar wilden Hund, der unserem Bus träge hinterherschaute. Sergii Mirnyi, der Gründer von Chernobyl Tours und einer unserer Guides, erklärte uns, dass wir bald den sogenannten „Red Forest“ erreichen würden. Ein Areal von etwa 10 km2, stellt eines der am schwersten kontaminierten Gebiete in der ganzen Sperrzone dar. Sogleich wies er uns an unsere Dosimeter anzuschalten und den Wert auf dem Display genau zu beobachten. Beim Anschalten liegt der Wert meines Dosimeters bei 1 mikroSievert.

Ich schaue aus dem Fenster. Die Landschaft ist immer noch friedlich. Der Wald macht den Anschein unversehrt zu sein. Hier und da ein gelbes Dreieck mit dem Flügelrad, welches auf Radioaktivität hinweist. Der Wert auf meinem Dosimeter ist währenddessen angestiegen. Nun liegt er bei 4 mikroSievert. Tendenz weiter steigend. Ich werfe wieder einen Blick aus dem Fenster, vor meinen Augen nun ein reiner Nadelwald. Mirnyi sagt, dass das Fichten wären. Aber einige der Fichten sehen merkwürdig aus. Buschig. Viel zu buschig für eine Fichte. Ein Piepen reißt mich aus meinen Überlegungen. Es ist ein Dosimeter. Zu dem einzelnen Piepen gesellen sich noch weitere und nach wenigen Sekunden ist der ganze Bus erfüllt mit dutzenden von eindringlichen Piepgeräuschen. Das Dosimeter zeigt 5 mikroSievert an. Wir haben die Grenze zur natürlichen Strahlendosis also überschritten. Diese Zahl steigt weiter rasant an. Mich überkommt ein mulmiges Gefühl.

Ich schaue noch einmal aus dem Fenster. Die Landschaft hat sich total verändert. Von der Friedfertigkeit ist nichts mehr übrig geblieben. Das Grün ist einem kupferbraunem Ton gewichen. Die ganze Landschaft wird nun von unterschiedlichen Kupfertönen bis hin zu einem Orange dominiert. Viele Fichten haben ihre Nadeln vollends verloren und sehen aus wie in den Boden gerammte kupferbraune Pfähle. Die restlichen Fichten haben zwar Nadeln, diese sind aber in ein grelles, unnatürliches Orange getaucht. Die Landschaft sieht desaströs aus, surreal, vollkommen ausgestorben. Sergii erzählt uns warum das so ist.

Dieser Wald war nach der Explosion des 4. Reaktors einem enormen Niederschlag (fallout) an radioaktiven Substanzen ausgesetzt. Die radioaktive Dosis war so hoch, dass sie den Wald hat absterben lassen. Ein großer Teil des Niederschlags sammelte sich im Boden.

Auch nach mehr als 30 Jahren nach der Reaktorkatastrophe stehen die Bäume nahezu unverändert da. Später lese ich, dass der radioaktive Niederschlag nicht nur die Flora abgetötet hat, sondern auch einen Großteil der Mikroben und Bakterien. Mikroorganismen also, die verantwortlich sind für die Zersetzung von organischem Material. Forscher wollen in einer einjährigen Studie herausgefunden haben, dass in besonders kontaminierten Gebieten, die Zersetzung deutlich langsamer erfolgt.[1]

Zwar wurde ein Teil des “Roten Waldes” von den Liquidatoren im Zuge der umfangreichen Aufräumarbeiten abgeholzt und die Baumüberreste wurden vergraben. Doch der restliche Wald wurde sich selbst überlassen. Hier wäre eine Neubepflanzung mit Kiefernbäumen nahezu unmöglich, da die Strahlung immer noch zu hoch ist und Kiefern gegenüber Radioaktivität empfindlicher sind als beispielsweise Birken.

Nur einige wenige Abschnitte des „Roten Waldes“ konnten wieder mit Kiefernsetzlingen neu bepflanzt werden. Diese Kiefern, die kurz nach der Reaktorexplosion gepflanzt wurden, weisen jedoch in der Regel ein abnormales Wachstum auf, was auf einen fehlenden Hauptstamm zurückzuführen ist. Dies lässt die Bäume dann wie Büsche aussehen.[2]

Forscher haben das Gebiet des „Roten Waldes“ in vier Zonen aufgeteilt, um den Grad der Kontaminierung besser darzulegen. So ist der Verseuchungsgrad in der ersten Zone am höchsten und es starben alle Nadelwälder (hauptsächlich Fichten) unmittelbar nach der Reaktorexplosion ab. Diese Zone umfasst ca. 400 ha. Alle Bäume wurden von Liquidatoren abgeholzt und auf dem Terrain vergraben, da sie besonders radioaktiv verseucht waren. In der zweiten Zone starben ca. 25-40% aller Fichtenbäume ab, sowie ein großer Teil des Untergehölzes. Diese Zone umspannt ungefähr 12500 ha.

In den anderen beiden Zonen hatte der radioaktive Niederschlag geringere Effekte auf die Flora. Hier wurde ein Absterben von hauptsächlich jungen Bäumen und Setzlingen beobachtet, Verfärbungen der Nadeln, aber auch leichte morphologische Veränderungen des Baumwuchses.[3] Es sind weitere Forschungen nötig, um die Auswirkungen von Radioaktivität auf Pflanzen besser festzumachen und zu illustrieren. Dies erweist sich jedoch oft als schwierig, da einige Gebiete in der gesamten 30 km Sperrzone extrem hohe Strahlungswerte aufweisen und sich der Mensch trotz Schutzkleidung nur kurze Zeit dort aufhalten kann.

Mein Dosimeter zeigt nun einen Wert von 20 mikroSievert an. Beklemmung macht sich in mir breit. Dieser Wert ist wirklich hoch. Höher als der Wert bei der Bodenmessung in Kopachi. Doch so schnell wie die Strahlendosis angestiegen ist, so schnell sinkt sie auch wieder ab. Relativ zügig verlassen wir das am höchsten kontaminierte Areal in der ganzen Zone.

Hier, so denke ich, wird die Natur noch lange brauchen, um sich wieder vollständig zu erholen.

 

 

[1] https://www.smithsonianmag.com/science-nature/forests-around-chernobyl-arent-decaying-properly-180950075/

[2] https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC3621180/#r13

[3]http://chornobyl.in.ua/en/red-forest-in-chernobyl-zone.html

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