Tschernobyl als Tourismus-Hotspot – Sicherer als ein Flug von Frankfurt (Main) nach New York?

Einige Vorüberlegungen zum Strahlenschutz

Von Charlotte Adèle Murphy

Am 26.04.1986 explodierte Block 4 des Atomkraftwerks Tschernobyl, der sich in der heutigen Ukraine befindet – der erste Reaktorunfall in einem Kernkraftwerk, der als Super-GAU bezeichnet wurde und tragische Konsequenzen nach sich zog. Nach der Katastrophe traten große Mengen radioaktiver Substanzen aus dem zerstörten Reaktor aus. Am stärksten belastet wurden dadurch Belarus, die Ukraine und Russland, wobei auch weite Teile Europas betroffen waren. Zu den schweren Folgen gehören die großflächige Evakuierung und Umsiedlung der Population des Gebiets um Tschernobyl sowie der lebensgefährliche Aufräumeinsatz einer bis heute unbekannten Zahl der sogenannten Liquidatoren am strahlenbelasteten Reaktor und die schweren gesundheitlichen Folgen für die Bevölkerung. Direkt sind rund 5,7 Mio. Menschen von dem Reaktorunglück betroffen, über die wirkliche Anzahl der direkt und indirekt z.B. durch Gesundheitsschäden Betroffenen lässt sich jedoch nur spekulieren…

Auch heute – mehr als 30 Jahre nach der Katastrophe – beschäftigen sich Wissenschaftler mit den gesundheitlichen, ökologischen und politischen Folgen sowie den historischen Hintergründen der Katastrophe. Historiker wie Serhii Plokhy (Chernobyl. History of a Tragedy, 2018) reisen in die Sperrzone, um sich ein authentisches Bild des geschichtsträchtigen Unfallortes zu machen. Doch nicht nur Forscher interessieren sich für Tschernobyl – seitdem die Sperrzone 2002 für den Tourismus geöffnet wurde, begeistern sich immer mehr Touristen für den Ort, der auch durch Computerspiele wie S.T.A.L.K.E.R.: Shadow of Chernobyl populär gemacht worden ist. Besonders beliebt ist bei Touristen die heutige Geisterstadt Prypjat, die sich wenige Kilometer vom zerstörten Reaktor befindet. Zur Zeit des Unfalls lebten dort etwa 50.000 Menschen, die aufgrund der extremen radioaktiven Strahlenbelastung evakuiert wurden und ihr Eigentum zurücklassen mussten. Dieser unheimliche und kontaminierte Ort ist im Laufe der Jahre immer mehr verfallen und von hohen Gräsern, Bäumen und Pflanzen zurückerobert worden.

Wenn man eine Exkursion nach Tschernobyl in die Sperrzone (30km-Radius um den zerstörten Reaktor) plant, sind nicht nur Kenntnisse über die dortigen Ereignisse wichtig. Im Vordergrund standen für uns insbesondere die möglichen und notwendigen Strahlenschutzmaßnahmen bei einer solchen Exkursion an einen stark radioaktiv kontaminierten Ort. Laut Dr. Charlotte Fehn vom Bundesamt für Strahlenschutz lasse sich die Höhe der ionisierenden („radioaktiven“) Strahlung nicht pauschal beziffern, da sie in diesem Gebiet stark schwanke. Die Skala reiche dabei von Gebieten, die man ohne Bedenken betreten könne (die Strahlung ist gleich oder leicht höher als im Durchschnitt in Deutschland) bis zu extrem kontaminierten Gebieten, bei denen eine große Gefahr bestehe.

Wenn man den besonders kommerziellen Betreibern (bis auf wenige Ausnahmen) der Exkursionen in die Sperrzone Glauben schenken möchte , liegt die Strahlenbelastung, der man im Laufe eines Tages ausgesetzt ist unter derjenigen, die bei einem Transatlantikflug – etwa von Frankfurt (Main) nach New York – anfällt. Im Prinzip sollte der Tourismus in die Sperrzone demnach also nahezu gefahrlos sein. Aber stimmt das auch? Tatsächlich gehören Piloten und Stewardessen zu den am höchsten strahlenbelasteten Berufen, sodass das Ergebnis eines Geiger-Zählers am Ende einer Tagesexkursion nach Tschernobyl laut Dr. Sebastian Pflugbeil (Gesellschaft für Strahlenschutz e.V.) mit aller Wahrscheinlichkeit auch unter dem eines Langstreckenflugs liegen werde. Demnach sei der Vergleich mit einem Transatlantikflug durchaus sinnvoll (insofern als auch im Rahmen der Tour nur die gering strahlenden Gebiete besucht werden), bei dieser Betrachtung werde jedoch nicht berücksichtigt, dass in der Zone auch hochgefährliche radioaktive Kleinstpartikel eingeatmet oder heruntergeschluckt werden können.

Es ist wichtig anzusprechen, dass unter den bei der Kernschmelze vom 26.04.1986 in die Atmosphäre gelangten radioaktiven Isotopen auch Plutoniumisotope waren. Die Reaktoren des Typs Tschernobyl waren ursprünglich für den Bau von Atombomben konstruiert worden, wobei diese später zur Stromproduktion ausgebaut wurden. Die Sperrzone ist heute noch weiträumig mit den Zerfallsprodukten dieser Isotope kontaminiert, wobei das gefährlichste unter diesen das Zerfallsprodukt Americium-241 (ein Zerfallsprodukt des Plutoniums-241) ist. Zur Verdeutlichung hat das freigesetzte Plutonium-241 (ein Betastrahler) eine Halbwertszeit von etwa 14 Jahren. Innerhalb dieser Zeit zerfällt die Hälfte der Atome. Das Zerfallsprodukt des Plutoniums-241 ist jedoch das ebenso gefährliche Americium-241, das viel stabiler ist und eine extrem lange Halbwertszeit von 432 Jahren hat. Außerdem handelt es sich bei diesem Isotop um einen gefährlichen Alpha-Strahler. Die Kontamination wird dementsprechend nicht etwa „harmloser“ je mehr Zeit vergeht, die Belastung durch das Americium-241 hat sogar zur Folge, dass die kontaminierten Gebiete in der Sperrzone um Tschernobyl über Jahrhunderte nicht genutzt werden können.

Die radioaktiven Teilchen, die über unsere Erde verstreut wurden, halten sich fünfzig, hundert, zweihundert Jahre … Und mehr … Aus der Perspektive eines Menschenlebens sind sie ewig. Was also können wir begreifen? Steht es in unserer Macht, aus diesem noch unbekannten Grauen einen Sinn zu schöpfen und zu erkennen?“- Svetlana Alexijewitsch (Tschernobyl. Eine Chronik der Zukunft, 1997)

Alpha- und Betastrahlung lässt sich effektiv durch Kleidung bzw. die eigene Haut abblocken, wobei eine reelle Gefahr bei der Einatmung radioaktiver Partikel besteht. Laut den Überlegungen des Physikers Dr. Jewgenij Goldshteyn, der uns während unserer Exkursion begleiten wird, stelle gerade dies ein schwierig abschätzbares potentielles Risiko dar, weswegen wir uns nach der Empfehlung der Gesellschaft für Strahlenschutz e.V. mit Atemschutzmasken der höchsten Filterwirkung gegen radioaktiven Staub ausgestattet haben.

Zur eigenen Abschätzung und Beobachtung bekommt jeder Teilnehmer unserer Exkursion ein Dosimeter (Geigerzähler), also einen Detektor, der in der Lage ist die Strahlenbelastung vor Ort in der Maßeinheit Mikrosievert zu messen. Das ganze dient jedoch eher der Illustration, da die Gruppen während der Touren des Sperrgebiets von stark verstrahlten Gebieten ferngehalten werden. Trotzdem ist es somit möglich die Strahlenrate sowie die Strahlendosis, der man ausgesetzt ist, zu kontrollieren.

Laut Dr. Jewgenij Goldshteyn liegt die mittlere natürliche Strahlendosis in Deutschland pro Jahr bei 2,4 Millisievert. Bei einem Transatlantikflug werde man inklusive Rückflug einer Strahlung von etwa 0,1 Millisievert ausgesetzt. Im Vergleich liege die zu erwartende Strahlendosis bei einer Tagesexkursion in die Sperrzone bei 0,04 Millisievert. Zur Einordnung der Werte liegt laut dem Bundesamt für Strahlenschutz die Jahresgrenze für sogenannte beruflich strahlenexponierte Personen, wie z.B. dem Flugpersonal, bei 20 Millisievert pro Jahr. Ab 500 Millisievert sei mit akuten Strahlenschäden zu rechnen, wobei die tödliche Strahlendosis bei 7000 Millisievert innerhalb einer kurzen Zeit liegt.

Zu den weiteren Schutzmaßnahmen, die für unsere Exkursion zu beachten sind, gelten besonders die Empfehlungen von Dr. Charlotte Fehn: „Um die Aufnahme radioaktiver Partikel in den Körper zu verhindern, soll unbedingt der Kontakt mit Oberflächen und Pflanzen vermieden werden, da die größte Kontamination im Boden und in den Pflanzen sitzt und entgegen der verbreiteten Vorstellung nicht in der Luft.“ Dementsprechend sollte bei dem Aufenthalt in der Sperrzone nichts angefasst werden, da so die Gefahr bestünde radioaktive Partikel über die Hände in den Mund aufzunehmen. Daher ist es auch strengstens verboten draußen in der Sperrzone etwas zu essen – ein Mittagessen wird uns  in der Kantine des Quartiers Tschernobyl jedoch zur Verfügung gestellt. Zu den Kleidungsvorschriften gehört das Tragen langer Kleidung, geschlossener Schuhe und im Idealfall einer Kopfbedeckung, um den Kontakt mit Partikeln zu vermeiden. Am Ende des Aufenthalts in der Sperrzone gibt es eine für alle Besucher der Sperrzone verpflichtende radiologisch-dosimetrische Untersuchung, bei der die Strahlung jedes Besuchers gemessen wird. Laut offiziellen Angaben wurde bei dieser radiologischen Untersuchung noch nie jemand mit auffälligen Werten gemessen.

Insgesamt lässt sich also den touristischen Tour-Betreibern hinsichtlich ihres Vergleichs mit einem Transatlantikflug glauben, da uns diese Aussage durch mehrere Physiker bestätigt wurde. Die Anwesenheit von gefährlichen Partikeln in der Luft bleibt bei den meisten Tour-Betreibern jedoch unerwähnt bzw. wird nur in einer Fußnote erwähnt – dahingehend wird eine zentrale Gefahr des Tschernobyl-Tourismus ausgeblendet.

Unsere anfängliche Skepsis, dass das nicht die ganze Wahrheit sein könne, hat sich somit bestätigt. Damit geht eine Verharmlosung der Gefahren eines Besuchs in der Sperrzone durch die touristischen Unternehmen einher, denn ohne eigenes Nachforschen wären uns und dem Durchschnittstouristen diese höchstwahrscheinlich nicht bewusst gewesen. Auch aus diesem Grund haben wir uns für die Erstellung eigener Sicherheitsvorkehrungen wie der Ausstattung mit Atemschutzmasken sowie der Begleitung durch den Physiker Dr. Jewgenij Goldshteyn entschieden. Meiner Meinung nach lässt sich der Aufenthalt in der Sperrzone von Tschernobyl besonders aufgrund der Unberechenbarkeit der Situation vor Ort und der „unsichtbaren Gefahr“, die von der Strahlung und den radioaktiven Partikeln ausgeht, nicht mit der Belastung bei einem Transatlantikflug vergleichen.

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