Welche Rolle spielt die Emotion der Angst?

 

Wovor eine Gesellschaft zu einer bestimmten Zeit Angst hat, ändert sich und hängt stark von den gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und politischen Umständen ab. Die ukrainische Historikerin Dr. Gelinada Grinchenko führte in ihrem Vortrag für uns aus, dass sich die Art der Angst im postsowjetischen Raum nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion stark geändert habe. Sie erzählt, dass sich in der ukrainischen Gesellschaft ein starker Aberglaube ausgebreitet habe, den sie auf große Unsicherheit zurückführt: „Es wird noch unterschätzt, wie tief der Zusammenbruch der Sowjetunion die Menschen in der Ukraine erschüttert hat“, sagt sie. Nun sind seitdem aber ein paar Jahre vergangen und die Ukraine findet sich in einer ganz anderen Situation wieder. Wovor haben die Menschen angesichts der aktuellen Situation in der Ukraine Angst?

„Fear: cognition of a situation of danger; an action tendency toward fight or flight.” (1)

Begriffe für den Schmerz finden

stanko

Foto: Die Journalistin Anastasiya Stanko

Es herrscht ein bewaffneter Konflikt mit Russland, der nicht Krieg genannt werden kann und deshalb ATO (Anti-Terror-Organisation) heißt. Wir haben auf unserer Reise von jedem/r Gesprächspartner/in jeweils andere Bezeichnungen für diesen Konflikt gehört. Es scheint also eine Unsicherheit zu bestehen, es fällt schwer, die Situation klar einzuordnen. Ich selbst weiß nicht, wie ich diese Auseinandersetzung bezeichnen kann. Ich weiß nur, dass ganz in der Nähe von Charkiw jeden Tag mehrere Menschen ums Leben kommen. Anastasiya Stanko von HromadskeTV erzählte uns, wie sie bei ihren Recherchen im Donbass einen 20-jährigen interviewt hat, der Minuten später von einer Rakete erfasst wurde. „Die Toten bleiben eine Statistik, ‚heute drei Soldaten‘ heißt es dann abends, man nennt keine Namen.“, sagt sie. Ich kann mir nur vorstellen, wie viel Schmerz, Wut und Angst es in der Gesellschaft auslöst, wenn jeden Tag einige Menschen ihr Leben verlieren. Jede/r dieser Toten hat Eltern, vielleicht Geschwister, Freunde, die damit leben müssen, dass ihr Tochter/Sohn, Bruder/Schwester oder Freund/in in einem Konflikt gestorben ist, für den selbst die Begrifflichkeiten nicht geklärt sind.

 

In Charkiw scheint der Krieg dennoch weit weg. Die Cafés und Restaurants sind immer voll, die Menschen wirken fröhlich und offen. Inmitten dieses normalen Lebens, was einfach weitergehen muss, fällt aber doch die riesige Anzahl von ukrainischen Flaggen auf. Alles wird blau-gelb angestrichen: Bauzäune, Bushaltestellen, Zebrastreifen usw. Warum? Welchen Zweck hat dieser Patriotismus? Erklärt er den Menschen, warum sie ihre Angehörigen verlieren, beschwichtigt er ihre Angst? Oder schürt er die Angst und  den fight or flight response?

 

Angst als Folge von Manipulation

Stanko illustriert, wie schwierig es ist, über den Krieg zu berichten. Marie-Thérèse beschreibt in ihrem Blogeintrag, wie Stanko einen verwundeten Soldaten interviewt, der sich vor seiner Familie verpflichtet gefühlt hat, die andere Seite des Konflikts als unmenschlich darzustellen. Auch ist der Druck, der auf Journalisten lastet, groß. Wer etwas berichtet, was nicht in das patriotische Selbstverständnis der Ukraine passt, wird von Bots online diskreditiert und nicht selten mit dem Tod bedroht. Für die Journalisten von HromadskeTV wird es zunehmend schwieriger, ausgewogen zu berichten, weil eine Schwarz-Weiß-Darstellung des Konflikts gewünscht, nein eher gefordert, wird. Nach Petersen kann Angst manipuliert werden, indem man zwischen in-group und out-group unterscheidet, was einer solchen Schwarz-Weiß-Darstellung entsprechen würde.

[…] the effects of […] fear are partially determined by perceptions of the in-group. In experimental research, participants with a strong sense of in-group solidarity are more likely to feel anger against out-groups. Likewise, fear levels can be manipulated by categorizing the victims as in-group and out-group. (1)

Die Berichterstattung über den Krieg in der Ukraine und die patriotische Selbstdarstellung der Ukraine haben einen Zweck und instrumentalisieren die Angst der Menschen, was man getrennt von der Frage betrachten muss, welche Rolle Russland spielt. Auch wenn Russland Propaganda über die Ukraine betreibt und ukrainische Gebiete einnimmt, sollte die Angst der Bevölkerung der Ukraine nicht manipuliert werden, um ihre fight response zu stärken. Dies scheint allerdings momentan zu geschehen.

[…] when the perception of danger comes from a belief in the other’s power and one retains an ability to respond, the action tendency will be to fight. […] individuals will process information and form beliefs for confirm the cognitive-appraisal aspects of the emotion. That is, they will privilege information about danger. Fear is considered perhaps the primary mechanism for attention funneling. (1)

Der Krieg geht vielleicht nur weiter, weil dieses Gefühl von wir-und-die-anderen erhalten bleibt, auf beiden Seiten. Und dieses Gefühl scheint mit dem Gefühl der Angst zusammenzuhängen. Dass vor allem in einer Stadt wie Charkiw eine Angst vor Russland tatsächlich nicht ganz unbegründet ist, lässt sich nicht von der Hand weisen. Aber welche Optionen gibt es angesichts dieser, wohlbegründeten Angst für die Ukraine? Sie kann einerseits, so wie es momentan zu passieren scheint, mit Patriotismus und Aggression gegen alles russisch Anmutende handeln. So wird alles blau-gelb angestrichen, die russische Sprache mehr und mehr verdrängt und der Kampfgeist der Bevölkerung gestärkt. Ob dieser Weg zu Frieden führen kann, ist fraglich. Aber hätte die Ukraine eine andere Option, mit der Angst umzugehen? Würde ohne die Instrumentalisierung der Angst und den gesteigerten Patriotismus niemand mehr Widerstand leisten und die gesamte Ukraine bald zu Russland gehören? Das wird die vielleicht nicht ganz unbegründete Angst derjenigen sein, die die ukrainische Politik im Moment bestimmen.

(1) Petersen, R. D. (2011). Western Intervention in the Balkans – The Strategic Use of Emotion in Conflict. New York: Cambridge University Press.

Ein Gedanke zu “Welche Rolle spielt die Emotion der Angst?

  1. Pingback: Visual recap – part 2: Charkiw/Charkov | viadrina goes ukraine. Exkursion 2017

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