Das Wort Patriotismus kommt nicht umsonst von Patriarchat

Am Ende der Woche findet auf der Ukraine-Exkursion eines unserer letzten Treffen statt, auf das ich mich schon besonders gefreut hatte: ein Austausch mit der Nichtregierungsorganisation Gender and Culture zum Thema „Gender und ukrainischer Patriotismus“.

Spontan finden wir noch Zeit, das an die Organisation angegliederte Gendermuseum, welches das einzige in der Ukraine und im postsowjetischen Raum ist, zu besuchen. Hierfür werden wir von Tatjana Isayeva, einer vielleicht 50-jährigen Frau durch eine große Tür eines Hauses im Zentrum von Charkiw geleitet. Wir schreiten durch einen langen Flur, deren Geruch mich komischerweise an meine Kindheit erinnert: es riecht wie in einer Bauernhof-Küche – wahrscheinlich steht irgendwo einfach ein großer Topf Borschtsch auf dem Herd dessen Duft sich ausbreitet. Wie auch immer, wir gelangen zunächst in einen kleinen Raum, der recht voll ist mit Gegenständen, „Exponaten“ wie Tatjana uns verrät.

Hohe Schuhe für die Männer

Das Museum soll interaktiv sein. Es stehen hohe Schuhe bereit, damit insbesondere Jungen und Männer ausprobieren können, wie es ist, damit zu laufen denn: „Frauen in der Ukraine und im postsowjetischen Raum tragen hohe Schuhe, obwohl die von Männern gebauten Städte dazu nicht einladen“, witzelt Tatjana.  Irgendwie beeindruckt mich die Situation in dem Moment: dieser skurrile Raum feministischer Kämpfe im Hinterzimmer, vollgestopft mit Sachen und eine Tatjana, die mir ab und an solidarisch zuzwinkert. Sie kramt ein altes, schweres Bügeleisen aus der Sammlung der Exponate hervor und drückt es uns – insbesondere den männlichen Teilnehmern der Gruppe – in die Hand. Außerdem zeigt sie uns klassische Kinderbücher der Ukraine, die sehr stereotyp aufgebaut sind: Mädchen wird erklärt, wie sie sich die Haare kämmen, Jungs werden ermutigt, in die Schule zu gehen.

Für mich werden einige zentrale Elemente von Feminismus in diesem Museum angesprochen und ausgedrückt, gleichzeitig wirft der Raum aber auch Fragen in mir auf. So verbinde ich mit dem Gewicht des Bügeleisens die Schwere von Hausarbeit und der aus den 1970er Jahre stammenden Forderung, diese zu entlohnen. Zudem erscheint mir die Idee, auch Jungen und Männer (mehr) in feministische Kämpfe einzubeziehen als wegweisend; Feminismus kann nicht nur von Frauen bestritten werden. Hohe Schuhe auszuprobieren mag ein erster Schritt sein, aber wie kann es weitergehen?

Im Nebenraum gibt es noch eine weitere Ausstellung anlässlich des 70. Jahrestags der Befreiung vom Faschismus. Es sind einige Poster aus der Sowjetunion ausgestellt, auf denen Frauen männlich konnotierte Berufe, wie Schaffner*in oder Handwerker*in ausüben. Tatjana merkt an, dass die Weltkriege Veränderungen in die Geschlechterverhältnisse gebracht haben: Frauen wurden sozusagen aufgrund der Abwesenheit der Männer, die im Krieg waren, zur Arbeit gezwungen. Wieso kann dieser Prozess nicht weiter vorangetrieben werden? Es sei schwierig, Geschlechtergleichheit zu erlangen, da es immer nur ums Geld gehe, so Tatjana.

Diese Aussage mag im ersten Moment vielleicht lapidar klingen, und ist vielleicht der Tatsache geschuldet, dass wir in Geschlechterfragen vielleicht schon weiter sind als die (jüngeren) Zielgruppen, die das Museum normalerweise besuchen. Was sie, denke ich, sagen will ist im Kern richtig: Kapitalismus beruht auf Ungleichheit und funktioniert auch unter anderem deshalb so gut, weil er auch auf Geschlechterungleichheit beruht. Soll heißen: dadurch, dass Frauen die unbezahlte Reproduktionsarbeiten im Haushalt von Beginn der Industrialisierung unbezahlt übernehmen, funktioniert das bisher alles so prima. Solange das System nicht aufhört, von Ungleichheiten und dem Mehrwert des Geldes zu profitieren, mögen bahnbrechende Veränderungen schwierig sein.

Gender und Patriotismus

Im zweiten Teil unseres Treffens mit Gender and Culture fiel es mir zeitweise schwer, mich mit ihren Kämpfen zu solidarisieren. So ging es in dem uns vorgestellten Vortrag um die Verbindung von Gender und Patriotismus. Für mich als Staatsbürgerin eines Landes, das zwei desaströse Weltkriege angezettelt und dabei millionenfachen furchtbaren Mord begang, ist eine Identifikation mit der Nation nach wie vor schwierig. Ich sehe dennoch die andersgestaltete Ausgangslage der Ukraine, die gerade einmal 26 Jahre als solche besteht und dementsprechend vielleicht händeringend auf der Suche nach dem Gemeinsamen ist.

Die Definition von Patriotismus im Vortrag bleibt aber bei einer verkürzten Darstellung. Als Elemente von Patriotismus wird die Liebe an die Heimat, und die Bereitschaft, diese zu beschützen genannt – der Begriff der Nation wird nur am Rande betrachtet, um das komplizierte Thema des Nationalismus nicht ausführen zu müssen. Es wird jedoch angemerkt, dass bei diesen Kämpfen in der Geschichte um die Nation die Genderfrage stets in den Hintergrund rückt. Auch heute seien viele Menschen in der  Ukraine „gegen Gender“; doch „man kann auch gegen den Sonnenaufgang sein und die Sonne wird trotzdem aufgehen“. Mit dieser netten Verbildlichung unterstreicht Tatjana die Unausweichlichkeit der Geschlechterfrage. Ihre Definition von Gender geht meines Erachtens jedoch nicht weit genug. Hierzu gehören zwar die soziale Konstruktion und die Einnahme sozialer Rollen, allerdings wird die Konstruktion von Geschlecht jenseits der binären Mann/Frau-Kategorien nicht angeschnitten.

Bei der Zusammenführung der Themen Gender und Patriotismus geht es nun hauptsächlich um die Kriegshandlungen. Der Schutz der Heimat ist Männersache. Der fehlenden Wehrpflicht für Frauen geschuldet, sind diese offiziell nicht dazu befähigt mitzukämpfen. Dennoch lassen sich 24.000 mitkämpfende Frauen zählen, die medial aber wenig bis gar nicht dargestellt werden. Oft gelten Frauen, die in Kriegsgebiete gehen um zu kämpfen, eher als Putzfrauen denn als Soldatinnen.

Der Großteil der Frauen, die eigentlich in den Kampfhandlungen und anderen Formen patriotischer Unterstützung mitwirken wollen, gehen daher nicht unmittelbar in die Kampfgebiete, sondern unterstützen die Soldaten durch andere Tätigkeiten. Dadurch, dass der Krieg so unerwartet kam, war das Land darauf nicht vorbereitet – einige Männer zogen in Sportschuhen in den Krieg. Daher verkaufen Frauen beispielsweise selbstgemachte Sachen, um davon Kleidung für die Soldaten zu kaufen. Oder sie nähen die Kleidung selbst. Oder sie stricken die blau-gelbe ukrainische Fahne. Oder basteln Schutzanhänger für die Soldaten.

Dass Frauen nach wie vor weiblich konnotierte Zuarbeiten im Hintergrund  übernehmen ist, denke ich, nicht zu übersehen. Eine weitere Tätigkeit, die immerhin entlohnt wird, ist die Arbeit der Psychologinnen, die die Militärspitäler besuchen. Doch auch hierbei kommt mir sofort in den Sinn, dass Frauen jetzt auch noch klassischerweise die  Emotionsarbeit übernehmen – auch wenn im psychologischen Sinn hierbei sicherlich differenziert werden müsste.

Es wird auch gesagt, dass Frauen in Sozialisationsrollen gefangen sind, und weil sie oftmals keine weiteren Partizipationsmöglichkeiten sehen, wählen sie das Nähen von Ukraine-Flaggen als ihren Beitrag zum Patriotismus. Die Transformation von einer so jungen Gesellschaft ist langsam – „man kann nicht so viel erwarten“, so Tatjana.

Aber am Anfang wurde auch gesagt, dass im Patriotismus Männer als Beschützer der Heimat gelten, und dass bei Kämpfen um die Nation die Geschlechterfrage stets hinten angestellt wurde. Wieso also dem Patriotismus zuarbeiten, wenn er so wenig Raum für Geschlechterfragen lässt?

Vielleicht muss sich der Feminismus eher vom Patriotismus lösen und seinen eigenen Weg gehen – das Wort Patriotismus kommt nicht umsonst von Patriarchat.

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