Das Vergessen – Mittel oder Abwehr in Kriegszeiten

„Zwei Körper treffen aufeinander und produzieren Affekte“ war die Erklärung über die Entstehung der Affekte nach der Theorie von Spinoza, die wir während eines Vortrags von Mathias Windelberg diskutiert hatten. Ging es dabei um den menschlichen Körper? Oder vielleicht auch um einen Ort? Einen Staat? Eine Gruppe? Was für ein Körper könnte Affekte in uns wecken? Welche Affekte könnten zwischen Staaten bzw. zwischen Ukraine und Russland entstehen?

05.10.2017. Auf dem Weg zum nächsten Termin in Charkiw sahen wir einen diesen Körper… eine alte Dame lag zusammengebrochen auf dem kalten, nassen Boden und einige Leute um sie herum versuchten verzweifelt ihr Hilfe zu leisten. 

Mathias hatte uns nur Minuten davor erklärt, dass die Affekte meistens zu schnell für den Verstand sind und so war es auch hier: trotz der mangelnden medizinischen Kenntnisse wurde in diesem Fall das Handeln einiger spontanen Helfer durch Solidarität und Wohlwollen aktiviert. Andere Leute sind einfach vorbeigelaufen oder haben den Ort ganz verlassen. Auf einmal gingen mir die Bilder von den Opfern des Krieges durch den Kopf, die wir bis jetzt nur als Zahlen betrachtet hatten.

Über das Vergessen

Die Trauer und das Gefühl der Machtlosigkeit begleiteten mich für den Rest meines Tages und wurde noch stärker als ich hörte, dass aufgrund der niedrigen Zahl von Krankenversicherten im Land und des mangelhaften Schutzes für ältere Menschen es nicht Außergewöhnliches sei, dass so etwas passiert. Tage zuvor standen wir vor dem Zhitnii Markt in Kiew und wir sahen ältere Menschen, die Obst und Gemüse auf dem Bürgersteig verkauften und auf der anderer Seite der Straße eine andere Gruppe älterer Menschen, die sich an einer langen Schlange anstellten und auf einen gespendeten Teller warmes Essen warteten. Fazit der Woche: Es scheint als habe der ukrainische Staat seine älteren Bürger vergessen.

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Das Vergessen scheint eine zunehmend wichtiger werdende Rolle in der ukrainischen Gesellschaft zu spielen.  Die Referenten und Bürger, IMG_7742die wir im Rahmen der Exkursion kennengelernt haben, waren so vielfältig wie ihre Meinungen zum ukrainisch-russischen Konflikt, zur Identität der Ukrainer und zu den möglichen Lösungsansätzen für den Krieg. Nichtsdestotrotz konnte man bei vielen eine Art Verdrängung von bestimmten Fakten der Gegenwart sowie der Vergangenheit feststellen, durch die eine kritische Betrachtung des Patriotismus und der Kriegshandlungen der ukrainische Armee in den Hintergrund rückt. Die Erzählungen betonten die Relevanz der chronologischen Wiedergabe der Ereignisse während des Maidans sowie die Notwendigkeit, den geschichtlichen Hintergrund der Ukraine zu verstehen. Diese Teile der Geschichte wurden jedoch manchmal sehr selektiv ausgewählt.

Umgang mit dem sowjetischen Erbe

30.09.2017. Wir gehen in ein Restaurant  – direkt um die Ecke befindet sich der Präsidentenpalasts. Der Stil des Restaurants erinnert an die Zeit der Sowjetunion. Wir können dort nicht einkehren, da das Restaurant morgen schließt und daher kein Essen mehr serviert wird. Und damit gibt es auch keine sowjetischen Erinnerungen mehr in der Nähe des ukrainischen Präsidenten.

Paradoxerweise wurde die Dekommunisierung von einigen unserer Ansprechpartner nicht ganz bestritten und die historische Aufarbeitung der Zeit der Sowjetunion wurde in Sätzen wie „entweder du siehst Lenin als Held in der Geschichte oder als ein Verbrecher. Das erklärt deine politische Einstellung.“ doch ziemlich vereinfacht dargestellt. Im Gegensatz dazu, machten sich andere Referenten, die hauptsächlich im Bereich Kommunikation, im Presse- oder Kunstbereich beschäftigt waren, Sorgen um den Umgang der ukrainische Institutionen und der Gesellschaft mit dem sowjetischen Erbe und die daraus folgende Polarisierung der Gesellschaft. Ihrer Meinung nach profitieren nur der ukrainische Staat und die Oligarchie von der Verteufelung Russlands, indem jede Art von Kritik als pro-russisch bzw. nicht-patriotisch beurteilt wird.

 

Sich ständig ändernde Identität

In einem Land wie der Ukraine, geprägt von einem reichen ethnischen und kulturellen Erbe, war für unsere Ansprechpartner eine klare Definition der ukrainischen Identität selbstverständlich nicht machbar. Umso weniger in der aktuellen soziopolitischen Lage, die die Menschen immer mehr in Richtung Extreme schiebt und wenig Differenzierung ermöglicht. Mit ratlosen Gesichtsausdrücken vernahmen wir so Erläuterungen über  nationale, beinahe nationalistische Konzepte, in denen bestimmte Handlungen nicht als Extremismus sondern als Patriotismus betrachtet werden.

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Nichtsdestotrotz ist mir ein Satz der Professorin Filonenko im Kopf geblieben: „Die Demonstrationen 2013-2014 in Kiew führten das ukrainische Volk zu einer Entdeckung des Selbst.“. Auch wenn ich der Aussage nicht komplett zustimme, denn aus dem hier verwendeten Begriff Volk vermag der südöstliche Teil der Ukraine ausgeschlossen zu werden, konnte ich durch die verschiedensten Erzählungen über den Maidan begreifen, warum die Aussage Sinn machte. Die Identifikation über gemeinsame Emotionen führt zur Bildung einer emotional community: der Auslöser war die Wut auf eine korrupte und repressive Regierung. In ihr drückte sich die Verzweiflung während der Eskalation der Gewalt auf dem Maidan aus, die Machtlosigkeit gegenüber dem politischen System, aber auch die Entschlossenheit, die Lage der Ukraine verbessern zu wollen. Diese Emotionen waren damals für viele Demonstranten auf dem Maidan der Anlass für ihr politisches Handeln und sie sind es auch heute noch für viele  Aktivisten, Kämpfer und all jene, die sich nicht an den Krieg und die Repression gewöhnen wollen.

Nach vier Jahre Krieg sind die Wunden in der Gesellschaft immer noch offen und das Verständnis für die Andersdenkenden verschwindet stetig. Trotzdem, für dieses Land, wo „das Gras durch den Asphalt wächst“ – wie uns Prof. Filonenko die Ukraine beschrieb – hoffe ich, dass die Hoffnung, die Solidarität und der Widerstand gegen das Unrecht immer wieder ihren Platz finden wird.

 

Ein Gedanke zu “Das Vergessen – Mittel oder Abwehr in Kriegszeiten

  1. Pingback: Visual recap – part 2: Charkiw/Charkov | viadrina goes ukraine. Exkursion 2017

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