Die Ukraine – nicht nur ein Land im Krieg, die ersten Eindrücke

                                                                      „Die Wahrheit ist selten schlicht und nie einfach“

                                                                                                                                          Oscar Wilde

In den osteuropäischen Ländern sowie in der Ukraine spielt die Religion vor Allem seit dem Zusammenbruch der Sowjetunion eine relevante Rolle und ist eine Art der Volksidentität. Die Ukraine als ein unabhängiger Staat existiert erst seit dem Zusammenbruch der Sowjetunion seit 1991. Sowie andere „neugeborenen“ Staaten hatte und hat die Ukraine bisher eine schwierige politische Lage. Der Aufbauprozess des Staates dauert seit langer Zeit an, wird aber immer wieder von Konflikten, der Korruption, Oligarchen, Separatisten, anderen Gruppierungen und nicht demokratischen Ereignissen unterbrochen. Außerdem sind die Politik und Kirche eng miteinander verbunden und es herrscht eine ungewöhnliche Beziehung zwischen den beiden Institutionen.

Die Ukraine sollten sie, liebe Leser, nicht nur aus den Berichten über die russisch-ukrainischen Auseinandersetzungen kennen, sondern dieses Land auch aus einer anderen Perspektive betrachten. In Europa liegt ein Land, von dem viele Europäer vor dem ukrainisch-russischen Krieg und Euromaidan nicht viel gehört hatten. Das ist aber zugleich ein außergewöhnlich vielfältiges Land mit wunderschönen Landschaften und Menschen die ihr Land lieben und sich eine bessere Zukunft und an erster Stelle Frieden wünschen. Krieg und Frieden sind zwei verschiedene aber auch auf eine Art und Weise ungetrennte Begriffe. Man kann Frieden nur dann schätzen, seine Bedeutung wird einem nur dann bewusst, wenn man ihn nicht mehr hat. Seltsam wie häufig man an Frieden denkt, wenn es kein Frieden zu spüren ist. Das Leben – wie ein Albtraum, heute darfst du noch leben aber keiner weiß, was morgen kommt. Am Ende des Krieges liegt die schwierigste Aufgabe vor den Kriegsüberlebenden vor, sie müssen weiterleben, ihr Wut und Angst überwinden, aber das Gefühl des Krieges bleibt und ist überall: auf den Straßen, bei jedem Atemzug, in jedem Medienbericht über den Krieg, in den Augen der überlebenden Menschen.

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Die Politik ist natürlich eine schwere Kunst, aber keinesfalls mit der Moral unvereinbar. Gewalt steht in jeder Situation Menschen als Handlungsoption zur Verfügung, die zivilisatorische Leistung besteht darin, diese Option zu begrenzen. Berücksichtigte ich die in den letzten Jahren in der Ukraine abgespielten Ereignisse, kam nicht umhin mich zu fragen: ist der Glaube wirklich das, was die Menschen in den schwierigen Momenten zusammenhält?

Diese tragischen Ereignisse, dieser Krieg wird realer und bildet keine Geschichte, die man aus den Büchern lernt. Es ist die Gegenwart und bedauerlicherweise die nahe Zukunft mehrerer Generationen in der Ukraine. Das Ergebnis des Krieges ist nicht nur das, was man während des Krieges vernichtet, sondern auch die nach dem Krieg bleibenden dauerhaft offenen Wunden der Menschen. Die Tatsache, dass die durch den Krieg verlorenen Territorien für viele Menschen ein obdachloses und hindernisvolles Leben bedeutet, sollte auch nicht in Vergessenheit geraten.

Alles, was in der Sowjetunion nicht existiert hat, gibt es heute. Die christlichen Symbole ersetzen die sowjetischen Denkmale des damaligen Imperiums. Alles, was damals verboten war, lieben wir heute und zwar ohne jegliche kritische Auseinandersetzung. Es ist meiner Meinung nach beinah ein Verbrechen die jetzige Situation der Ukraine zu relativieren. Was als Wahrheit zum Vorschein kommt, entspricht häufig nicht wirklich der Wahrheit.

Jede Regierung hat ihre Ziele und Interessen, dadurch werden die Interessen der Individuen häufig vernachlässigt. Solche Institutionen wie beispielsweise orthodoxe Kirche, nehmen in derartigen Konflikten eine scheinbar neutrale Position ein und wollen die Rolle der Friedensstifter übernehmen. Die außergewöhnliche nahe Beziehung zwischen einem Staat und der Kirche, die hier schon angesprochen wurde, wird auch als Symphonie von Staat und Kirche bezeichnet, also ein Zusammenklang oder harmonisches Zusammenleben. Das Christentum legt einen großen Wert auf friedliches Zusammenleben und in vielen Ländern für viele Menschen ist die Kirche eine Art Schutz und Sicherheit oder etwas vorauf man sich immer noch verlassen kann. Dennoch wäre es meiner Ansicht nach legitim daran zu zweifeln, ob die Religionen nicht für die politischen Zwecke missbraucht werden und die Menschen, die sich fest mit ihrem Glauben verbunden fühlen, manipuliert.

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Patriotismus, Liebe zur eigenen Nation und Heimat, Identität sind die Worte, die in unseren Gesprächen der letzten Tage stetig gefallen sind. Ich musste unweigerlich an meine Entdeckungen in Deutschland denken, als ich noch ein Neuankömmling war und feststellen musste, wie unterschiedlich die Gefühle oder Emotionen sind, die Nationen mit Patriotismus und Heimat verbinden. Ich fragte mich aber auch ob der übertriebene Patriotismus nicht mehr ein selbstzerstörerisches Anzeichen ist als ein wichtiges Identitätsmerkmal einer Nation.

Selbst die demokratische Staatsführung vermittelt den Eindruck, dass sie für die Stimmen des Einzelnen kein offenes Ohr mehr hat, was allerdings nie offengelegt wird, ist das Leiden der einzelnen Menschen. Egal ob es sich um die Soldaten handelt, die ihren Ländern dienen oder um die Ende der Welt verbannten Opfer des Stalinismus, es gab unzählige Schicksale deren Tod nie nachgetraut wurde. Viele junge Männer müssten sich eines Tages von ihren Familienangehörigen verabschieden und an die Front gehen, um ihr Land zu schützen. Einige von Ihnen sind nie wieder zurückgekehrt. Immer mehr junge Menschen fallen den „modernen Tyrannen“ zum Opfer in der unmittelbaren Nähe und ihr letzter Atemzug hat keine Zeugen…Vielleicht waren sie von vielen Emotionen überwältigt, vielleicht von dem übertriebenen Patriotismus motiviert, vielleicht wurden sie nur ein militärisches Mittel der „großen Männern“ zur Verwirklichung ihrer politischen Ziele – eine einfache Feststellung zu treffen scheint mir hier nicht möglich zu sein.

Ein Teil der Ukraine führt Krieg, ein anderer Teil möchte Frieden, einige sind pro-russisch, die andere wiederum pro-westlich, einige kämpfen weiter am Front, andere stehen morgens auf und kommen ihren tagtäglichen Pflichten nach. Der okkupierte Körper der Ukraine hinterlässt keinen Eindruck eines sich im einem Krieg befindenden Landes. Und trotz all dem herrscht hier Krieg und die Menschen verstehen sich nicht mehr, ihre Emotionen geraten außer Kontrolle und die Hoffnungslosigkeit breitet sich in der Bevölkerung aus, all das führt zum Ergebnis: zur Fortsetzung der kriegerischen Auseinandersetzungen mit Russland. Tag ein Tag aus lebt man hier weiter und hofft, dass die zukünftigen Kinder der Ukraine ein besseres Leben führen als die Generationen in und nach der Sowjetunion bis zur Gegenwart.

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Ein Gedanke zu “Die Ukraine – nicht nur ein Land im Krieg, die ersten Eindrücke

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