Swjatogorsk – eine Stadt nahe der Front an einem Feiertag, der sich ein bisschen wie Weihnachten anfühlt

Den Tag der Einheit verbringen wir im geteilten Bezirk Donezk. Dort besuchen wir bei goldener Herbstsonne eine orthodoxe Holzkirche, eine kommunistische Gedenkstatue und die beeindruckende Klosteranlage. Außerdem begegnen wir zwei sehr unterschiedlichen Persönlichkeiten, die jeweils einen bemerkenswerten Umgang mit dem Krieg offenbaren. Und wir werden großzügiger verpflegt als bei Oma. Bericht eines Ausfluges vom Ausflug.

An den Hügeln oberhalb des Flusses Siwerskyj Donez entlang erstreckt sich das orthodoxe Mariä-Entschlafens-Kloster von Swjatogorsk, welches gemeinsam mit der Kirche nach dem Beginn der Kampfhandlungen im Donbass Binnenflüchtigen als Zufluchtsort und Sanatorium diente. „Die Menschen haben diese Anlagen mit ihren Mitteln, ihrer Kraft und ihrer Zeit aufgebaut. Das war für uns eine Möglichkeit, unsere Schulden zurückzuzahlen.“ Diese Formulierung, welche Erzbischof Arsenyi wählt, während er und die ihn begleitenden Mönche uns durch die pittoresken Gebäude und Gärten führen, löst zunächst einiges Schmunzeln aus. Sieht man jedoch die vielen jungen und prächtigen Sakralbauten in der Ukraine und bedenkt, dass diese ohne jegliche staatliche Unterstützung, also allein aus privaten Mitteln finanziert werden, erlangt dieses Bild eine gewisse Daseinsberechtigung.

„Man soll mehr auf die hören, die Frieden wollen, als auf die, die Krieg wollen.“

Alle ankommenden Menschen seien gleichbehandelt worden, betont der Erzbischof. Seine „Brüder“, welche uns begleiten und bedienen, kommen aus verschiedenen Teilen der Ukraine und aus dem Ausland und leben hier friedlich miteinander, fügt er an. Arsenyi berichtet aber auch von den Zerwürfnissen, welche der Krieg mit sich gebracht hat, wie etwa bei der Frau aus einer der Gemeinden, deren Söhne beide im Krieg kämpfen. Einer auf Seite der prorussischen Separatisten, der andere in der ukrainischen Armee. Nach vielen Jahren hätten sie sich nun endlich versöhnen können.

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Der Frieden ist das große Anliegen Arsenyis. Jede Äußerung des Geistlichen ist von Friedfertigkeit geprägt, seine gütige und herzliche Ausstrahlung unterstreichen die gesamte Atmosphäre. Mit der beschämend simpel erscheinenden Aussage, man solle „mehr auf diejenigen hören, die Frieden wollen, als auf die, die Krieg wollen“, betreibt er auch implizit Werbung um Aufmerksamkeit in eigener Sache. Sie ist jedoch überflüssig; wenn er spricht, ist es absolut still am Tisch, obwohl gegessen wird. Wir wurden an eine opulente Tafel eingeladen und liebevoll zum Genuss genötigt, den alle so geräuschlos wie möglich versuchen zu bewältigen. Dass das noch gar nicht unser geplantes Mittagessen gewesen ist, stellt sich erst hinterher heraus.

IMG_0130Ebenfalls zur Reisegruppe an diesem 3. Oktober gehört Anatoliy Blyznyuk, ehemaliger Gouverneur des Oblast Donezk. Er führt uns zu einer Statue Artjoms, welche über dem Flusstal thront. Hier führt sie eine friedliche Koexistenz neben dem Kloster, in dessen Sichtweite. In anderen Teile der Ukraine wurden Denkmäler für den russischen Revolutionär im Zuge der jüngsten Entkommunisierungsgesetze bereits entfernt, hier dagegen steht sie noch. Allerdings kümmere sich niemand mehr um sie, schwingt Bedauern bei Blyznyuk mit. Der frühere Verwaltungschef des Donezker Gebiets steht uns heute ebenfalls Rede und Antwort, diesmal allerdings nicht am gedeckten Tisch, sondern nach dem bereits angekündigten Mittagessen. Dieses findet im Clubhotel, dem einzigen Fünf-Sterne-Restaurant des Ortes, statt – keine Stunde nach unserem kulinarischen Empfang im Kloster. Wir fühlen uns wie eine diplomatische Delegation, mit der man es etwas zu gut gemeint hat.

Der „Rote Direktor“

Anatoliy Blyznyuk wirkt wie die Karikatur eines stereotypen Politikers: Älterer Herr, konservativ, Chauvinist, Choleriker. Lässt man sich dennoch auf das Gespräch mit ihm ein, offenbart er allerdings Qualitäten, die man bei manch anderem Politiker vermisst. Blyznyuk hat Überzeugungen und Visionen, aber er ist nicht stur. Er hat jahrzehntelang einem kommunistischen System gedient, dennoch bevorzugt er für die Zukunft der Ukraine den „europäischen Weg“. Denn das System, in dem immer einer über den anderen von oben herab bestimmt, widerstrebt ihm. Alle an einen Tisch. Sich aussprechen. Zuhören. Sich verstehen. So sieht für ihn ein funktionierendes System aus. Stichwort: Dialog auf Augenhöhe. Eigentlich nichts Neues, so simpel und zugleich scheinbar doch unerreichbar.

IMG_0255Blyznyuk spricht zwar Russisch, empfindet sich aber deshalb nicht weniger als Ukrainischer Patriot im Vergleich zu Landsleuten, die Ukrainisch sprechen. Außerdem kann er problemlos auch ins Ukrainische wechseln. Es sei wichtig, sich „als Eins zu begreifen und auf niemandem mit dem Finger zu zeigen, egal welche Sprache jemand spricht“, offenbart er eine Vorbehaltlosigkeit, der Erzbischof Arsenyi wohl vollumfänglich zugestimmt hätte.

Dort enden jedoch die Gemeinsamkeiten mit dem Gespräch am Vormittag. Wenn Blyznyuk redet, sind auch alle still. Allerdings nur weil er das so laut tut, dass man Nebengespräche ohnehin nicht verstehen würde. Es fällt auch schwer, seine Stimmung zu identifizieren während er spricht, man selbst kein Russisch versteht und auf die Übersetzung seiner Worte wartet. Ob er sich gerade über Zustände beklagt, für seine Ideen wirbt oder einen Witz erzählt, es ist schlicht nicht identifizierbar, weil er immer wild gestikuliert und jedes Wort in die Runde schmettert, als gelte es dort, einen Gegner damit zu treffen und zu besiegen. Er ist sehr aktiv, geht auch mal durch den Raum zu seiner Präsentation und schreibt etwas aufs Flipchart, obwohl die Hälfte im Raum kein Russisch versteht. Er nutzt trotzdem jedes Mittel, um sein Anliegen zu transportieren.

IMG_0195Diese Art des verbalen Kampfes hat sein Leben geprägt; er war lange ziemlich erfolgreich damit. Donezk galt als wichtiges Zentrum der Schwermetallindustrie, war eine gut situierte Arbeiterregion. Dennoch wird er als umstrittene Person wahrgenommen, was ihm durchaus bewusst ist. Er nennt sich mehrfach selbst „Roter Direktor“, „Choleriker“ und „alter Bürokrat“. Zwar mit einem leichten Augenzwinkern, aber auch ihm ist klar, dass Charakterschwäche, Sozialisation und Zeitumstände ihn mehr in diese Rollen gedrängt haben, als ihm selbst lieb sein dürfte.

Trotzdem spürt man zu jedem Zeitpunkt eine aufrichtige Leidenschaft hinter der aufbrausenden Fassade. Nichts an seinem Auftreten ist Kalkül, er pflegt keine Hintergedanken. Er ist nur ein ehemaliger Verwaltungschef, der sich mit ganzem Einsatz um seine Region sorgt und dabei gelegentlich übers Ziel hinausschießt. Vielleicht kommt er im Fernsehen deshalb nicht so populär rüber, wie uns Dr. Minakov später am Abend verrät. Wenn man Herrn Blyznyuk aber persönlich begegnet, wünscht man sich trotz des Gefühls permanent beschimpft zu werden, dass es auch in Deutschland mehr Leute von seinem Schlage in den Gremien und Parlamenten gäbe: offene und aufrichtige Kämpfer für die einfachen Arbeiter (wer auch immer das heute bei uns sein mag).

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Um es deutlich zu sagen, auch Blyznyuk ist kein Heiliger. Auch er war ein einflussreicher Landespolitiker, Fabrikbesitzer und selbst Oligarch. Doch schon bevor der Krieg im Donbass seinem Gouvernement ein Ende setzte, wandte er sich gegen dieses System und profiliert sich nun, durchaus glaubhaft, als Vertreter der einfachen Arbeiter. Er besitzt die laute, geradezu marktschreierische Attitüde, mit der er sich gegen das Establishment zur Wehr setzt, und welche bei den Frustrierten in den westlichen Völkern derzeit reichlich Wählerstimmen garantiert.

Doch anders als viele westliche Schreihälse vermittelt der Ex-Gouverneur den Eindruck, den Kontakt zur Arbeiterschaft tatsächlich nie verloren zu haben. Er spricht in anschaulichen Bildern und Erlebnissen, bezieht die Gruppe immer mit ein. Die Herkunft aus der Stahlindustrie ist ihm deutlich anzumerken – immer wieder greift er auf den Automobilbau als Beispiel zurück, oft fällt der Name Mercedes. Der „Direktor“ ist ihm noch deutlich anzumerken, bekommt hier aber eine positive Konnotation. Es scheint, als sei dieser Mann nie weg gewesen aus seiner Fabrik und als sei die Politik für ihn nur eine höhergestellte Betriebsebene. Ein solch funktionaler Pragmatismus ist nicht die schlechteste Eigenschaft für einen Verwaltungschef und stünde auch so manchem deutschen Politiker gut zu Gesicht.

Neue Deutsche Einheit

Abstrahiert man das Szenario in der Ostukraine, welches sich uns hier darstellt, auf die deutsche Heimat, in der man sich am Tag der Einheit so uneinig wie lange nicht präsentiert, so erscheinen die Friedfertigkeit von Erzbischof Arsenyi, die Einmütigkeit des ehemaligen Gouverneurs Blyznyuks und die von beiden propagierte Vorbehaltlosigkeit umso bemerkenswerter. Es ist jedoch zu hoffen, dass sich eine neue Deutsche Einheit von innen heraus entwickeln kann, bevor sie uns als Folge eines bewaffneten Konfliktes als letzter Ausweg aufgedrängt werden müsste. Die Wege zu einer solchen Einheit sind altbekannt, gehen aber dieser Tage im medialen Wortgewitter unter. Hier in der Ostukraine, gerade einmal gut 100 Kilometer von einer Kriegsfront entfernt, wurden sie uns in geradezu entwaffnender Klarheit in Erinnerung gerufen.

Die Nachbetrachtung der Ereignisse, Erlebnisse und Erkenntnisse des Tages beim viel zu zeitigen, aber bereits vorbestellten und erneut üppigen Abendessen auf halber Strecke des Weges zurück nach Charkiw liefert neben inhaltlicher Vertiefung auch ein äußerliches Tagesresümee, welches sich weitgehend aus Spaziergängen, Gesprächen sowie viel gutem Essen in kurzer Zeit manifestiert. Dieser Gefühlszustand weckt unweigerlich Erinnerungen an das Weihnachten im Wohlstand: Fett, satt, zufrieden. Während des Krieges in der Ukraine wurde die vereinbarte Waffenruhe auch während der Weihnachtstage 2015 gebrochen. Ein Kontrast, der krasser kaum sein könnte. Und zwei Szenarien, die aufzeigen, warum es sich lohnt, Menschen wie Arsenyi und Blyznyuk zuzuhören. Oder sie gelegentlich auch einfach nur auszuhalten. Wer noch miteinander spricht, schießt nicht aufeinander.

2 Gedanken zu “Swjatogorsk – eine Stadt nahe der Front an einem Feiertag, der sich ein bisschen wie Weihnachten anfühlt

  1. Pingback: Zwei Gesichter des Patriotismus – ein kritisches Fazit | viadrina goes ukraine. Exkursion 2017

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