Der Charkover Maidan oder bis der Lenin fiel — ein Stadtrundgang

Mit Boris Filonenko hatten wir einen Stadtführer, der uns mit einer Mischung aus persönlicher Erfahrung, politischer Faktenlage und Anekdoten gekonnt durch Charkov führte. Wir starteten am weitläufigen Platz der Freiheit und endeten ebenfalls dort. Und mit dem Fall der größten Lenin-Statue der Ukraine.

Platz der Freiheit

Laut Boris sind die Charkover*innen stolz auf den großen Platz im Stadtzentrum, schließlich sei er der größte Europas — so ganz bestätigen lässt sich dies aber wohl nicht. Was aber klar ist: hübsch sehen die vielen Blumenbeete aus, die im Kontrast zu den hoch aufragenden Gebäuden im Stile des Konstruktivismus stehen.

Charkov war die erste Hauptstadt der sowjetischen Ukraine und gilt als Universitätsstadt, aus der bisher drei Nobelpreisträger*innen hervorgingen. Die zentralen Proteste des sogenannten Euromaidans 2013/14 fanden jedoch nicht in Charkov, sondern in der heutigen Hauptstadt Kiew statt. Während dieser Zeit wurde der Platz der Freiheit mit einem Zaun umgeben, um Demonstrierende in ihrem Aktivismus zu behindern. Die zentralen Aktionen und Kundgebungen fanden daher am nahe gelegenen Denkmal des ukrainischen Dichters Shevchenko statt.

Denkmal Shevchenko

Charkov galt lange als Anti-Maidan Stadt, bis sich auf der größten Kundgebung im Frühjahr 2014 im Sportpalast die Stadt in einer Abstimmung als „ukrainisch“  und nicht zu Russland gehörend herausstellte. Ukrainische Politiker*innen, darunter der ehemalige Präsident Yanukowytsch, hatten Angst vor dieser Abstimmung und setzten sich vorher u.a. nach Russland ab. Möglicherweise war diese „Angst“ nicht ganz unbegründet: es gab zahlreiche Auseinandersetzungen, der Zaun um den Freiheitsplatz wurde eingerissen, es kam zu Toten. Es existieren jedoch auch Perspektiven, die von einer Inszenierung der Gewalt ausgehen: Sind die Toten schon „halb-tot“ aus Russland nach Charkov transportiert worden?

Auseinandersetzungen und Attentate in Charkov

Bis sich Charkov zur Ukraine bekannte gab es zahlreiche Auseinandersetzungen zwischen pro-russischen Separatist*innen und pro-europäischen Ukrainer*innen, die oftmals blutig und mit Toten auf beiden Seiten endeten. Eine Parallelstraße zur Hauptstraße in Charkov wurde häufig Ort dieser Ausschreitungen: Im Februar 2014 fanden dort jeden Tag Attentate statt.

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Diese Gedenktafel erinnert an die schlimmste Auseinandersetzung in diesem Gebäude. Zuvor stand hier eine andere Gedenktafel für das Ende des Faschismus, seit 2014 ist dort geschrieben: „An diesem Ort hat Charkov bewiesen, dass sie eine ukrainische Stadt ist.“.

Widersprüchlichkeiten des rechten Sektors

Der Einfluss rechte Gruppierungen am Charkover Maidan und am andauernden Konflikt zeigt sich auch im Stadtbild.  In der zuvor erwähnten Nebenstraße wurden rechte Parolen mit schwarzer Farbe übermalt:

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Gleichzeitig wird vor dem Oblast-Gebäude an die Opfer des Krieges gedacht —  mit Nazisymbolik und Putin-Hitler Vergleichsbildern.Seltsam ist zudem, dass während des Charkover Maidans rechte Hooligans eines Fußballvereins hierfür mitgekämpft haben, ohne die es womöglich nicht zu einem Sieg gekommen wäre. Doch wieso gibt es keinen Aktivismus gegen diese Nazipropaganda in der Öffentlichkeit? Welche Mechanismen stehen hinter der Beteiligung rechter Gruppen am Maidan?

Ein schwarzer Engel im früheren Stadtzentrum 

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Dieses Denkmal entstand im Rahmen der Vorbereitungsphase der EM 2012, woran maßgeblich ein Freund des Bürgermeisters von Charkov mitgewirkt hat. Der Bürgermeister selbst wird von einigen Charkover*innen zum Teil nicht mehr ganz ernst genommen: Seine politische Haltung ändert sich oft und seine Ideen für die Architektur der Stadt wirken oftmals wenig durchdacht. So ist in Hinblick auf dieses Denkmal auch nicht ganz klar für was es eigentlich steht. Doch festzustellen ist, dass es im Zuge der auch an anderen Orten stattfindenden Entwicklung, einen sowjetisch inspirierten Platz europäisch zu prägen, entstand. Das vorherige Denkmal — Arbeiter*innen tragen etwas  Kühlschrankartiges — musste diesem weichen. Der dazugehörige Schriftzug „Es lebe die Ukraine“ wurde zwei Jahre später dann zum Motto des Maidan. Übrigens: die Ukraine-Flagge, deren Farben auch sonst jedwedem Ort zu sehen sind, gehört nicht zum ursprünglichen Denkmal, sondern wurde erst später hinzugefügt.

Der 17.April und der große Lenin

Das zentrale und symbolträchtigste Denkmal der Stadt ist jedoch nicht der vorangegangene schwarze Engel, sondern die größte Lenin-Statue in der Ukraine, die im September 2014 fiel. Diesem Ereignis gingen jedoch zentrale Vorkommnisse voran, die sich am 17. April mehrten. Es kam zu zahlreichen Angriffen zweier sich gegenüberstehenden Gruppen und das Regierungsgebäude der Region wurde von Separatist*innen besetzt. Zwei militärische Flieger  — aus Kiew geschickt — flogen über Charkov, die jedoch keinerlei Merkmale trugen, sodass zunächst unklar war, wer sie geschickt hatte. Pro-Russische Separatist*innen nahmen jedoch an, dass ihnen aus Russland Verstärkung geschickt wurde. Schließlich kam es zu einem Überfall einer weiteren bewaffneten Gruppe, die das Gebäude wieder befreiten.

Lenin stürzte als symbolisches Abschlussereignis  des Charkover Maidans erst drei Monate später nach einer Abstimmung; nur einige Aktivist*innen verteidigten den Revolutionär in Stein. Ein Trost mag sein, wie unser Stadtführer Boris an anmerkt, dass es Lenin als Revolutionär wohl nicht so viel ausmacht, gestürzt zu werden.

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Ein weiterer Trost für Lenin-Fans ist, dass er nicht komplett aus dem Stadtbild verschwunden ist. Ein junger lesender Lenin — von dem viele Charkover*innen gar nicht wissen, dass es Lenin ist — verweilt nun neben einem Spielplatz. Er studiert jedoch nicht marxistische Lektüre, sondern ist vertieft in ukrainische Märchen.

Ein Gedanke zu “Der Charkover Maidan oder bis der Lenin fiel — ein Stadtrundgang

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