Begegnungen auf einer Zugreise von Berlin nach Kiew

Wie fühlen sich Ukrainer*innen eigentlich angesichts der Situation in ihrem Land? Dieser Frage wollen wir in den nächsten Tagen nachgehen. Ich habe auf meiner Zugfahrt von Berlin nach Kiew bereits mehrere Antworten auf sie gefunden – und musste nicht einmal fragen.

Station 1: Wrocław, Polen

Elizaveta treffe ich vor der Bank bei der sie arbeitet. Wir kennen uns über einen gemeinsamen Freund, aber ich weiß kaum mehr über sie, als dass sie Ukrainerin ist und seit etwa drei Jahren in Polen lebt. Während wir die Stadt zu Fuß erkunden, kommen wir recht schnell auf meine Reise in die Ukraine zu sprechen – und Liza erzählt mir, dass sie sich dort immer als Außenseiterin gefühlt hat. Bis zu ihrem 19. Lebensjahr hat sie zwar nie ein anderes Land gesehen, aber lange hat sie gewusst, dass sie eines Tages weggehen will. Inzwischen hat sie fast ganz Europa bereist, ist im Winter bis zum Nordkap und im Sommer quer durch die Türkei getrampt, war beim Civil March for Aleppo dabei und sieht ihre berufliche Zukunft im NGO-Sektor. Sie hat außerdem die polnische Staatsbürgerschaft beantragt – das kann sie, weil sie irgendwo in ihrem Stammbaum polnische Wurzeln entdeckt und den nervenaufreibenden Gang durch die Institutionen gewagt hat. Als ich ihr erzähle dass ich noch nie am Nordkap war, sagt sie: „Ich kann das nicht verstehen. Wenn ich einen europäischen Pass hätte, würde ich so viel reisen.“ In den nächsten Tagen müsste der Entscheid kommen.

Es gibt viele Dinge, die Liza an der Ukraine stören – so sehr, dass sie sich oft nicht mit ihren Landsleuten identifizieren könne, erklärt sie mir. Die konservativen Vorstellungen über Geschlechterrollen zum Beispiel, das enge gesellschaftliche Korsett, in das man als junge Frau gepresst wird. Der beschränkte Toleranzhorizont gegenüber Menschen, die anders leben wollen als die Mehrheit. Und auch die machohafte Art in der sich manche Männer gebärden, die Korruption und die Armut, die kaputten Bürgersteige, die Passivität eines Großteils der Gesellschaft. In der Türkei gebe sie sich meist als Dänin aus, vor allem um nicht als Prostituierte wahrgenommen zu werden – denn auch Sextourismus ist in der Ukraine ein Thema, das Frauen betrifft. Es ist für sie spürbar nicht leicht, ihre Gefühle gegenüber der Ukraine in Worte zu fassen. Aber ich merke, dass bei all ihren Erzählungen eine starke Skepsis mitschwingt.

Als Liza mich am Bahnhof verabschiedet, schreckt sie kurz zurück: mein Nachtzug nach L’viv hat zwei graue Sitzwaggons und einen blauen Schlafwaggon. „Du Arme! Du musst in diesem ukrainischen Waggon schlafen!“, ruft sie aus. Ich muss lachen – ich habe viele deutsche Freund*innen, die diese urig angehauchten Schlafwaggons lieben und auf ihren Reisen durch den Osten mit Vorliebe Stunden und Tage in ihnen verbringen. Aber Liza, die damit aufgewachsen ist, findet sie einfach nicht so romantisch. Ich schätze es sehr, diese starke selbstbewusste Frau und ihre Perspektive kennen gelernt zu haben, durch die mir auch meine oft ungenutzten Privilegien als Deutsche deutlich bewusst werden. Und ich bin ein bisschen aufgeregt und freue mich auf die vor mir liegende zwanzigstündige Zugfahrt in die Ukraine, trotz aller Abneigung, die Liza gegenüber diesem Land fühlt.

Mein Bett im Schlafwaggon

Station 2: Nachtzug von Wrocław, Polen, nach L’viv, Ukraine

Eine Sache, die ich an osteuropäischen Nachtzügen am meisten mag ist, dass man in ihnen meistens mit anderen Menschen in Kontakt kommt. In meinem Dreierabteil bin ich diesmal zuerst allein, aber in Krakau steigt Svetlana dazu und wir kommen gleich ins Gespräch. Fünf Monate hat sie an der Krakauer Jagiellonen-Universität als Übersetzerin gearbeitet, eine alte polnische Bekannte hat ihr den Job vermittelt. Jetzt fährt sie zum ersten Mal zurück in die Heimat. „Ohne die Ukraine geht es nicht.“, sagt sie mir immer wieder. „Ich muss zurück, da gibt es für mich keinen Ausweg.“ Als ihr Ex-Mann vor Jahren einen Job in London annahm, versuchte sie zuerst, sich dort ein Leben aufzubauen. Doch nach wenigen Monaten entschied sie sich, zu ihrer Familie und ihren Wurzeln zurückzukehren und die Ehe zerbrach. Bald wird sie zu ihrem neuen Mann nach Dnipropetrowsk (seit 2016 Dnipro) ziehen, obwohl das auch vierzehn Zugstunden von ihrer Heimatstadt L’viv entfernt ist. „Aber es ist immer noch die Ukraine. Ohne die Ukraine geht es nicht.“

Svetlana ist herzlich. „Meine kleine Sonne“ nennt sie mich, sie erzählt von ihrer schönen Tochter und dem dreijährigen Enkel, ihrem ganzen Stolz, von der Schönheit ihrer Heimat, von der Gastfreundschaft der Ukrainer*innen. Aber trotz allem merke ich auch, dass in ihr eine große Wut steckt. Ihre Mutter habe fünfzig Jahre lang hart gearbeitet und bezöge jetzt eine Rente von 1300 Hryvnia (ca. 41 Euro) im Monat, während das Leben in L’viv immer teurer werde. „Ein paar Kinderstiefel kosten zum Beispiel genausoviel. Und für meine Wohnung zahle ich monatlich 3500 Hryvnia, obwohl ich nur 2000 verdiene. Was soll man da machen?“. Jetzt müsse sie die Wohnung halt verkaufen, selbst wenn sie in Polen recht gut verdient habe: „Es gibt keinen Ausweg.“ Ich frage sie, ob sie wirklich nicht auswandern möchte, ihre polnische Freundin hat ihr schließlich sogar Hilfe angeboten. Aber – das hätte ich mir eigentlich schon denken können – ohne die Ukraine geht es nicht. Sie sei Patriotin. Und sie sagt mir ganz klar, was sie von dem Konflikt im Osten hält: Die Separatisten sollen doch weggehen, wenn sie lieber nach Russland möchten. Sie würde einem neuen Stepan Bandera auf jeden Fall folgen. „Wenn jemand in dein Territorium eindringt, ist das doch die logische Konsequenz, oder? Eine menschliche Reaktion – die Waffen nehmen und den Feind verjagen.“

An das Gespräch mit Svetlana werde ich auf dieser Reise noch oft anknüpfen können. Bis fast ein Uhr nachts erzählt sie mir von ihren Gefühlen: Von Stolz, von Wut, von Trauer und von Freude, manchmal wechselt ihre Stimmung schnell von einem ins andere. Mir fällt es schwer, die richtigen Worte zu finden, also höre ich ihr einfach zu. Als wir in L‘viv ankommen, besteht Svetlana darauf, mir ein Tramticket zu kaufen – ich habe noch keine Hryvnia eingetauscht und will meine vier Stunden Wartezeit bis zum nächsten Zug in der Innenstadt verbringen. Ich höre sie mit der Fahrerin diskutieren, dann kommt sie wieder: „Drei Hryvnia kostet das jetzt. Als ich nach Krakau aufgebrochen bin, waren es noch 1,50 pro Fahrt.“. Zum Abschied küsst sie mich auf die Wange.

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